Sa., 18.11.2017

WESTFALEN-BLATT-Weihnachtsspendenaktion diesmal zugunsten der Andreas-Gärtner-Stiftung »Am liebsten würden wir allen helfen«

Birgit Gärtner und ihr Vater Hermann stehen der Stiftung vor, die geistig behinderten Menschen hilft.

Birgit Gärtner und ihr Vater Hermann stehen der Stiftung vor, die geistig behinderten Menschen hilft. Foto: Oliver Schwabe

Bielefeld (WB). Die WESTFALEN-BLATT-Weihnachtsspendenaktion unterstützt nach 2012 erneut die Andreas-Gärtner-Stiftung. Sie wurde 1993 von Porta-Möbel-Mitinhaber Hermann Gärtner (83) aus Porta Westfalica gegründet. Mit ihm und seiner Tochter Birgit Gärtner (55), den beiden Vorständen der Stiftung, sprach Christian Althoff.

Herr Gärtner, Ihre Stiftung hilft jedes Jahr vielen Familien, die geistig behinderte Kinder haben. Wären dafür nicht eigentlich die staatliche Behindertenhilfe oder die Krankenversicherungen zuständig?

Hermann Gärtner: Die Betroffenen bekommen oft nur das Nötigste, und selbst darum müssen sie manchmal kämpfen – zum Beispiel, wenn sie einen anderen Rollstuhl haben möchten. Für Therapien, die die Krankenkassen nicht anerkennen, gibt es überhaupt kein Geld. Das ist sicherlich im Interesse der Versichertengemeinschaft, aber man muss auch den Wunsch der Eltern verstehen, nichts unversucht zu lassen.

Birgit Gärtner: Ein riesiger Posten, den die meisten Familien nicht stemmen können, ist ein rollstuhlgerechtes Auto, ohne das solche Familien ans Haus gebunden sind. Wir bekommen jedes Jahr sehr viele Bitten um entsprechende Zuschüsse. Viele Familien müssen sich das Geld für so ein Auto bei mehreren Stiftungen zusammenbetteln.

 

Haben Familien mit behinderten Kindern weniger Geld als andere?

Birgit Gärtner: Oft ist das so. In vielen Fällen gibt die Mutter ihre Arbeitsstelle auf, um sich um das Kind zu kümmern. Ein Gehalt fällt also weg, aber die höheren Kosten für die Versorgung des kranken Kindes bleiben. Wenn das Kind älter ist, erleben wir häufig, dass auch der andere Elternteil die Arbeitsstunden reduzieren muss, weil einer allein mit der Pflege überfordert ist. Und es gibt natürlich auch Ehen, die an der Aufgabe zerbrechen. Wenn dann nur noch ein Elternteil da ist, das sich um das Kind kümmert, fehlt es oft an allen Ecken und Enden.

 

Wie helfen Sie mit Ihrer Stiftung konkret?

Birgit Gärtner: Es geht nicht immer um so große Dinge wie Autos oder Badezimmerumbauten. Manchmal helfen wir auch bei kleinen Problemen. Wenn wir einer bedürftigen Mutter die Fahrkarte bezahlen, damit sie ihr Kind in der Pflegeeinrichtung besuchen kann, ist das für die Familie schon sehr viel wert. Es kann aber auch die Kostenübernahme für eine Delphin-Therapie sein oder der Kauf einer speziellen Matratze.

 

Wie ist es überhaupt zur Gründung der Andreas-Gärtner-Stiftung gekommen?

Hermann Gärtner: Unser Sohn Andreas war geistig behindert. Weil es damals kaum Hilfen für Familien wie unsere gab, habe ich 1976 mit anderen Eltern den Spastikerverein Bad Oeynhausen gegründet. Ich war 16 Jahre Vorsitzender und sollte 1993 dafür das Bundesverdienstkreuz bekommen. Ich habe lange überlegt, die Auszeichnung abzulehnen, denn ich kannte Menschen, die es meines Erachtens viel mehr verdient gehabt hätten. Ich denke da an einen Tischler aus Bad Oeynhausen. Nachdem sein einziger Sohn bei einem Motorradunfall ums Leben gekommen war, hat er in der Möbelfabrik gekündigt und sich zum Pfleger ausbilden lassen, um sich um schwerst geistig behinderte Menschen zu kümmern. Ihm hätte ich das Verdienstkreuz gegönnt, aber mein Umfeld meinte, es gehöre sich nicht, so eine Auszeichnung abzulehnen. Ich habe sie also angenommen, aber die Pflicht verspürt, mehr zu tun. Darum habe ich die Stiftung gegründet. Sie wurde übrigens immer von meinem leider im April verstorbenen Partner und Porta-Möbel-Mitbegründer Wilhelm Fahrenkamp großzügig unterstützt.

 

Wie viel Geld hat die Stiftung bisher ausgeschüttet?

Hermann Gärtner: Bis heute haben wir geistig Behinderte mit 11,9 Millionen Euro unterstützt. Das Geld stammt fast ausschließlich aus Spenden.

Birgit Gärtner: Bei Hochzeiten, Geburtstagen oder Jubiläen wird manchmal auf Geschenke verzichtet und stattdessen um Spenden für unsere Stiftung gebeten. Außerdem spendet das Unternehmen Porta-Möbel regelmäßig, und der Porta-Golf-Cup sorgt ebenfalls dank der großzügigen Teilnehmer für Einnahmen.

 

Wie viele Bitten um Hilfe erreichen die Stiftung?

Hermann Gärtner: Wir bekommen jedes Jahr etwa 1000 Briefe betroffener Familien. Als ich im Oktober aus dem Urlaub kam, lag da schon wieder ein dicker Stapel auf meinem Schreibtisch. Sie können sich nicht vorstellen, wie sehr es mir unter die Haut geht, wenn ich mir die Schicksale vieler Familien vor Augen führe und dann auch noch die Fotos dazu ansehe. Es ist bewundernswert, mit welcher Aufopferungsgabe sich manche Eltern und Großeltern um behinderte Kinder kümmern. Frau Piske, die gute Seele unserer Stiftung, prüft die Angaben in diesen Bittbriefen sehr genau und lässt sich unter Umständen auch weitere Unterlagen und Arztberichte schicken, damit wir nicht Betrügern aufsitzen.

 

Und wie wird das Geld verteilt?

Birgit Gärtner: Jeder Spender muss sicher sein können, dass sein Geld richtig verwendet wird. Deshalb setzen sich mein Vater und ich einmal im Jahr mit dem Stiftungsbeirat zusammen, der über die Verwendung der Spenden entscheidet. Das sind alles Experten, auch was Krankheitsbilder angeht. Zum Beirat gehören Reiner Heekeren, früherer Vizevorsitzender der von Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel, Pfarrer Dr. Dierk Starnitzke, Vorstandssprecher der Diakonischen Stiftung Wittekindshof in Bad Oeynhausen, Oberin Schwester Silke Korff von der Diakonie-Stiftung Salem in Minden, Susanne Hein, Mitarbeiterin der Diakonie Michaelshoven in Köln, und Simone Piske aus dem Sekretariat der Stiftung.

Hermann Gärtner: Der Tag, an dem wir mit dem Beirat das Geld verteilen, ist für mich immer der schwerste im Jahr. Wir sitzen zehn, zwölf Stunden zusammen und ringen darum, möglichst vielen Menschen zu helfen. Aber das Geld reicht eben nicht, um jedes Vorhaben komplett zu finanzieren – auch wenn wir am liebsten allen helfen würden. Wir müssen auch Absagen schreiben, und das fällt uns nicht leicht.

Birgit Gärtner: Wir stellen übrigens auch sicher, dass das Geld dort ankommt, wo es hin soll. Zuschüsse für rollstuhlgerechte Autos überweisen wir zum Beispiel direkt an den Händler.

 

Herr Gärtner, nach dem Tod Ihres Sohnes haben sie auf dem Gelände der Behinderteneinrichtung Wittekindshof in Bad Oeynhausen das Andreas-Gärtner-Haus gebaut. Was hat es damit auf sich?

Hermann Gärtner: Unser Andy war stiller Teilhaber in unserem Unternehmen und an den Gewinnausschüttungen beteiligt. Nach seinem Tod 1998 haben wir das Erbe ausgeschlagen, sein Vermögen aufgestockt und damit das Andreas-Gärtner-Haus auf dem Wittekindshof gebaut. Dort leben jetzt 35 Menschen mit geistiger Behinderung, deren Familien sich keine Sorgen mehr zu machen brauchen, wer sich später einmal um ihr Kind kümmert.

 

Welcher Anteil der Spenden wird für Verwaltungskosten verbraucht?

Hermann Gärtner: Kein einziger Cent! Jeder gespendete Euro kommt ohne Abzug den Menschen mit geistiger Behinderung zugute, weil das Unternehmen Porta-Möbel alle Verwaltungskosten der Stiftung trägt.

 

In diesem Jahr bittet das WESTFALEN-BLATT zum zweiten Mal darum, die Andreas-Gärtner-Stiftung zu unterstützen. Was ist Ihr Wunsch an unsere Leser?

Hermann Gärtner: Geistig Behinderte haben keine Lobby. Es wäre schön, wenn die Menschen versuchten, sich in die Lage betroffener Familien hineinzuversetzen. Auch kleine Spenden können viel bewegen.

Birgit Gärtner: Der frühere Bundespräsident Richard von Weizsäcker hat einmal gesagt: »Nicht behindert zu sein ist kein Verdienst, sondern ein Geschenk Gottes, das uns täglich genommen werden kann.« Dessen sollten wir uns bewusst sein. Denn manchmal vergessen wir, wie gut es den meisten von uns geht, und dass es viele gibt, denen das Leben gewaltige Bürden auflädt.

Weihnachtsspendenaktion 2017

Schon 2012 kam der Erlös der WESTFALEN-BLATT-Weihnachtsspendenaktion der Andreas-Gärtner-Stiftung zugute. Und auch in diesem Jahr bitten wir Sie um Ihre Unterstützung für diesen guten Zweck. Hermann Gärtner garantiert dafür, dass jeder Euro ohne jeden Abzug bei den Betroffenen ankommt.

Hermann Gärtner, dessen inzwischen verstorbener Sohn Andreas geistig behindert war, hatte 1993 die Andreas-Gärtner-Stiftung gegründet, die geistig Behinderte unterstützt.

Spendenkonto

Um zu spenden, nutzen Sie bitte folgendes Konto:

Andreas-Gärtner-Stiftung

DE 72 4905 0101 0040 1379 45

Zweck: Weihnachtsspende

Für eine Spendenquittung vermerken Sie bitte Ihre Adresse auf dem Überweisungsträger. Die Namen der Spender werden veröffentlicht, die Höhe der Einzelspenden nicht. Soll Ihr Name nicht erscheinen, melden Sie sich bitte unter Tel. 0521/585254 oder spende@westfalen-blatt.de

 

 

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