>

Mo., 22.05.2017

Nach drittem Abstieg in Folge stellt Paderborns Präsident Finke alles auf den Prüfstand Neuaufbau mit Baumgart

Nicht verloren, aber doch geschlagen (von links): Sebastian Heidinger, Co-Trainer Asif Saric und Chefcoach Steffen Baumgart.

Nicht verloren, aber doch geschlagen (von links): Sebastian Heidinger, Co-Trainer Asif Saric und Chefcoach Steffen Baumgart. Foto: Oliver Schwabe

Von Matthias Reichstein und Elmar Neumann

Paderborn (WB). Präsident Wilfried Finke setzte den dritten Abstieg des SC Paderborn in Folge einem »Albtraum« gleich. Für Manager Markus Krösche war’s eine »sportliche Katastrophe«. Trainer Steffen Baumgart brachte es so auf den Punkt: »Wir haben versagt.«

Der Samstag war noch der Tag für Tränen, bereits am Sonntag begann die Klubführung mit Finke sowie den Vizepräsidenten Dr. Rudolf Christa und Josef Ellbracht damit, den Sturz in die Viertklassigkeit einzuordnen und den Neuaufbau einzuleiten.

Sauer und enttäuscht auf dem Zaun: Paderborner Fans nach dem Abstieg. Foto: Oliver Schwabe

Mit Finke und auch Krösche gehen zwei Eckpfeiler des Vereins voran. Sie werden dem SCP treu bleiben, Dritter im Bunde ist Steffen Baumgart. Krösche wollte diese Personalie allerdings noch nicht bestätigen: »Wir haben nur das Pokalendspiel am Donnerstag im Blick. Unsere volle Konzentration gilt Lotte. Erst danach werden wir uns zusammensetzen und personelle Entscheidungen treffen.«

Aus Krösches Sicht eine verständliche Reaktion. Am 25. Mai (Anstoß: 17 Uhr, Benteler-Arena) geht es gegen Lotte um den Einzug in die 1. Runde des DFB-Pokals. Dort liegen 155.000 Euro im Topf, Zuschauereinnahmen noch gar nicht mitgerechnet. Viel Geld für einen Regionalligisten.

Baumgart ist mit dem SCP ungeschlagen

Baumgart selbst hatte sich bereits am Samstag in Stellung gebracht. Auf entsprechende Fragen dieser Zeitung antwortete der 45-Jährige so: »Ich würde es gerne machen, da müssen Sie aber Markus (Manager Krösche, Anmerk. der Red.) fragen. Ich werde das Gespräch suchen, aber ich will dem auch nicht vorgreifen.«

Baumgarts bestes Bewerbungsschreiben ist seine sportliche Bilanz: Der Fußballlehrer ist mit dem SCP ungeschlagen, holte elf Punkte in fünf Spielen und zog ins Pokalfinale ein. »Baumgart hat gepunktet wie ein Aufstiegstrainer«, sagte Finke, will sich in sportliche Belange aber nicht mehr einmischen und machte deutlich: »Das liegt allein im Verantwortungsbereich von Markus Krösche.«

Es wartet noch viel Arbeit

Finke richtet seinen Fokus mehr auf den Gesamtverein. Eine von ihm beauftragte Wirtschaftsprüfungsgesellschaft sowie Fachanwälte für Verwaltungsrecht werden in den kommenden Tagen jeden Stein umdrehen, alle Verträge überprüfen und in wenigen Tagen eine Komplettanalyse vorlegen. »Fast alle Verträge laufen mit dem Abstieg aus, wir bauen deshalb den Verein komplett neu auf. Ich will genau wissen, wie hoch die Fixkosten in der Regionalliga sind. Unsere Sponsoren sollen künftig noch genauer sehen, wohin ihr Geld fließt«, kündigte Finke an. Der will aber auch herausfinden, welche Rechte und Pflichten der SC Paderborn gegenüber der Stadt hat. »Wir sind jetzt ein Amateurverein wie TuRa Elsen oder Suryoye Paderborn. Haben wir Anspruch auf eine Spielstätte? Welche Gebühren müssten wir in diesem Fall zahlen?«, nennt Finke zwei Fragen als Beispiele, auf die er Antworten bekommen möchte.

Parallel dazu ist Vermarkter Infront ab Montag damit beschäftigt, Sponsorenverträge abzuschließen. Unternehmen, die Finke persönlich nahestehen, haben dem 66-Jährigen bereits Zusagen gemacht. Doch es wartet noch viel Arbeit: So läuft der Vertrag mit Hauptsponsor Mediacom aus, auch der Kontrakt mit der Benteler Deutschland GmbH als Namensgeber der Arena (seit 2011) ist noch nicht verlängert worden. Die Verhandlungen führt Johannes Sump als Associate Director von Infront. Allerdings nur noch bis Ende Juni. Sump wechselt als Chefvermarkter zum Erstligisten Werder Bremen.

Das Ziel kann nur Wiederaufsteig heißen

Erst wenn alle Zahlen auf dem Tisch liegen, wird Krösche seinen Etat für den sportlichen Bereich beziffern können. Den Löwenanteil muss er in den Viertliga-Kader investieren. Da gibt es keine Diskussionen, denn nach drei Abstiegen in Folge kann das Ziel nur Wiederaufsteig heißen. Deshalb wird Krösche im Unterbau Abstriche machen müssen. Ein Tabuthema ist die U 19. Die hat den Bundesligaaufstieg geschafft und soll dort auch spielen. Für die U 21 (Oberliga) wird es wohl nicht reichen. »Dass wir nach unserem sportlichen Totalversagen Dinge infrage stellen müssen, bei denen wir gerade die ersten Früchte einer langen Aufbauarbeit ernten, ist die größte Tragik«, sagte Finke.

Personell gibt es auch im Aufsichtsrat eine Veränderung. Prof. Dr. Oliver Pott hat seinen Posten geräumt. Angeblich nach einem Streit mit Finke. Der kommentierte den Abgang des Unternehmers so: »Ich diskutiere immer mit offenem Visier. Wir hatten Meinungsverschiedenheiten, aber wir begegnen uns nach wie vor mit Respekt.«

 

Das ging ins Auge: Steffen Baumgarts elf Punkte in fünf Spielen reichten nicht. Foto: Oliver Schwabe

Kommentare

Mit welcher Selbstverständlichkeit die SC Paderborner vom Wiederaufstieg sprechen, grenzt an Realitätsverlust!

Folgende Vereine können hinsichtlich langjähriger Erst- und Zweitligazugehörigkeit, Tradition, Fankultur und Erfolg einen Anspruch bzw. ein Anrecht auf die Zugehörigkeit im Profifußball ableiten:

Waldhof Mannheim, KFC Uerdingen, Rot-Weiß Oberhausen, Alemannia Aachen, Rot-Weiß Essen, Kickers Offenbach, Stuttgarter Kickers, Energie Cottbus, Carl Zeiss Jena, SG Wattenscheid 09, Eintracht Trier, VFB Lübeck, SV Meppen, SSV Ulm, FC 08 Homburg, 1. FC Saarbrücken, SpVgg Unterhaching, u. v. m.

Der SC Paderborn gehört nicht dazu, denn der SCP kann sich hier einordnen: SSV Reutlingen, Wacker Burghausen, FC Gütersloh, TSV Havelse, VFB Oldenburg, u. v. m., also in der totalen BEDEUTUNGSLOSIGKEIT.

Wirklich alles?

Es bleibt ein Funken Hoffnung, dass Wilfried Finke endlich mal - wie im Titel des Beitrags formuliert - alles(!!) auf den Prüfstand stellt, wirklich alles(!!).

Die laute Stimme der immer klein gehaltenen Fans, die teuer in die Misere eingezahlt haben, dringt vielleicht nun bis zu Wilfried Finke durch. Da sind viele gute Ideen bei. Ebenso seit langem nachvollziehbare Appelle.

Wie bisher weiterzumachen ist keine Option.

Ein Neuanfang ist ein Neuanfang ist ein Neuanfang.

PS: Wegen mir sehr gerne mit Markus Krösche und Steffen Baumgart.

Das stimmt in weiten Teilen.

Beim Aufsichtsrat muss man allerdings Abstriche machen. Er ist gemäß Satzung nicht ins Tagesgeschäft eingebunden sondern muss nur bestimmte Geldgeschäfte ab einer bestimmten Höhe genehmigen. Da hätte man bei Millionen-Ablösen allerdings eingreifen müssen.

Die Warnungen von vor bereits drei Jahren wurden ignoriert, belächelt und beschimpft. Die Transfers von Finke/Born zur Saison 2015/16 waren einer völlig falschen Zielsetzung (sofortiger Wiederaufstieg) geschuldet. Da hat man in der Tat jedes Mass verloren.

So hatte ein durchaus guter Trainer Gellhaus keine Chance, da die Unzufriedenheit programmiert war. Und das hat die Negativspirale mit zig Trainerwechseln in Gang gesetzt, die alleine schon die neuen Schulden verursacht haben. Auch dieses Geld hätte man viel besser investieren können.

Man hätte in die Jugend oder in Anlagevermögen investieren müssen, um sich krisen- und zukunftssicher zu machen, denn diese Strukturen sind einfach nur finanzierbar, wenn man 2. Liga spielt.


Und trotzdem: wo gehobelt wird, fallen Späne. Es ist einfach nur so ärgerlich, weil man die erfolgreiche Arbeit bis 2014 völlig ins Gegenteil verkehrt hat, weil man auf einmal im Geld schwamm. Da hat sich der Gedanke durchgesetzt: fertige Spieler sind weniger mit Arbeit verbunden als Talente. Es war Bequemlichkeit in der Komfortzone... Und doch sind für die Erwartungshaltung, die auch Druck auf den Verein ausübt, mit schuldig am Niedergang.

Ein Verein braucht mehr als eine gute Führung für langfristigen Erfolg. Wo waren die Zuschauer im Laufe der Saison? Wo waren die Fans bei der Demo? Wo war die Politik wie in anderen Städten?

Dieser Ritt auf der Rasierklinge am wirtschaftlichen Limit konnte nicht auf Dauer gut gehen. Genau deshalb wurden vor 2 Jahren Rücklagen gefordert. Der Versuch mit der Fluch nach vorne (1. Liga) war - wie wir nun sehen - viel zu riskant. Und das haben vor uns schon Vereine von Aachen bis Essen gezeigt.

Es ist eine Katastrophe und doch werde ich treu bleiben. Wenn die Schönwetterfans weg sind, kehrt auch wieder Realismus ein.


Aber was nun? Schuldenschnitt? Neuer Vorstand? Wer soll und will es machen? Gibt es bereitwillige Sponsoren?

Als erstes sollte man sich weigern, auch nur einen Cent an die Stadt zu zahlen. Dann sehen sie mal, was sie erreicht haben.

Ein positives Zeichen nach der JHV der Stadt hätte den fehlenden Punkt sicher möglich gemacht. Jetzt soll sie spüren, was ihre angebliche "Verantwortung für den Steuerzahler" bewirkt hat! Ein Loch im Haushalt - so wie es weitsichtige Leute vorhergesagt haben.

alles auf den Prüfstand?

Finke setzt alles auf den Prüfstand?
Viel zu spät! Diejenigen, die die ganze Misere zu verantworten haben, haben seit Jahren einen Freibrief! Oder wie ist es zu erklären, dass ein Geschäftsführer, der seit Jahren, -sagen wir es freundlich- unpopuläre Entscheidungen getroffen hat und auch gegenüber Fans und Mitgliedern nicht immer sehr glücklich ausgesehen hat, sein Wesen immer noch treiben darf?
Hier ist die Reißleine, wenn sie überhaupt gezogen wird, viel zu spät bemüht....
Es haben alle versagt; Aufsichtsrat, Präsidium, und Geschäftsführung, weil ihnen die Aufstiege die Sinne völlig vernebelt hat- und die Bodenhaftung genommen hat.
Das gilt im Übrigen auch für noch weitere, arrogante Personen im Verein, wie den Stadionsprecher, der keine Gelegenheit ausgelassen hat, sich über Zuschauer und Gäste lustig zu machen.
Ich bin sehr gespannt, wie und wann man diese sportliche und wirtschaftliche Talfahrt stoppen will.

4 Kommentare

Diese Diskussion ist geschlossen. Kommentieren ist nicht mehr möglich.

Google-Anzeigen

© WESTFALEN-BLATT
Vereinigte Zeitungsverlage GmbH

Alle Inhalte dieses Internetangebotes, insbesondere Texte, Fotografien und Grafiken, sind urheberrechtlich geschützt. Verwendung nur gemäß der Nutzungsbedingungen.

Mehr zum Thema

Anzeige


http://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/4862881?categorypath=%2F2%2F2158585%2F2158590%2F2198358%2F