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Fr., 06.10.2017

SC Paderborns Trainer zieht im Interview eine Zwischenbilanz Baumgart: »Überragende Leistung«

SCP-Trainer Steffen Baumgart.

SCP-Trainer Steffen Baumgart. Foto: Besim Mazhiqi

Paderborn (WB/MR). Nach elf Spieltagen 28 Punkte und damit Platz 1: Fußball-Drittligist SC Paderborn hat einen Traumstart hingelegt . Trainer Steffen Baumgart spricht im großen WESTFALEN-BLATT-Interview von einer »überragenden Leistung« seiner Mannschaft.

Herr Baumgart, im Mai schien sich der SC Paderborn in die Viertklassigkeit verabschiedet zu haben, jetzt führt er die 3. Liga an. Wie überrascht sind Sie von dieser Entwicklung?

Baumgart: Elf Spiele und 28 Punkte sind eine außergewöhnliche Serie, die erst einmal überrascht. Zumal wir einen Umbruch vollzogen haben. Die Mannschaft wurde punktuell mit sehr jungen Spielern aus unteren Ligen verstärkt. Vor einer Woche standen in Zwickau nur vier Spieler auf dem Platz, die über 25 sind. Trotzdem verfügt das Team über eine enorme mentale Stärke. Nach Zwickaus Ausgleich hätten wir, gerade mit der Wucht und der Hektik, die auch von außen kam, schnell verlieren können. Doch wie die Truppe gerade in der letzten halben Stunde in den engen Situationen auch spielerisch reagiert hat, zeigt mir, dass wir wieder einen Schritt nach vorn gemacht haben.

 

Nach dem Abstieg hatten Sie erklärt: »Wir haben versagt.« Was sagen Sie über das bisher Geleistete dieser Saison?

Baumgart: Wir werden für unsere tagtägliche Arbeit belohnt. Wir werden, wie jede andere Mannschaft auch, vom Gegner analysiert. Deshalb müssen wir uns jede Woche im Spielaufbau oder bei den Standards neue Lösungen erarbeiten, die es dem Gegner schwer machen, uns zu schlagen. Das klappt, weil hier etwas passiert ist, was ich so noch nicht erlebt habe: Hier leisten alle Beteiligten ihren Beitrag und glauben zu 100 Prozent an den Weg, den wir gehen.

 

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Alle sind sehr fokussiert, alle ziehen mit, niemand feiert im falschen Moment.

Steffen Baumgart

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Gibt es einen Spieler, der Sie besonders positiv überrascht hat? Innenverteidiger Sebastian Schonlau, Spielmacher Massih Wassey oder Außenstürmer Christopher Antwi-Adjej?

Baumgart: Die Liste könnte ich mit dem torgefährlichen Ben Zolinski, dem mental starken Thomas Bertels oder mit unseren Torhütern Leopold Zingerle und Michael Ratajczak fortsetzen. Auch Aykut Soyak, der sich im Moment vielleicht etwas stiefmütterlich von mir behandelt fühlt, ist ganz dicht dran an der Mannschaft. Alle sind sehr fokussiert, alle ziehen mit, niemand feiert im falschen Moment. Deshalb möchte ich keinen Spieler herausheben.

 

Wie groß ist der Anteil des Trainers Steffen Baumgart? Seit Sie in Paderborn sind, beträgt der Punkteschnitt 2,57.

Baumgart: Zunächst habe ich mit unserem Manager Markus Krösche jemandem an meiner Seite, der immer fokussiert ist. Auch im Erfolg.  Nach unserem 2:1-Sieg gegen Münster sind wir nicht zur Tagesordnung übergegangen. Die Mannschaften fangen an zu erkennen, wie wir spielen. Das hat man in dem Spiel gut gesehen. Markus Krösche ist dann einer, der sofort den nächsten Schritt anmahnt und mit dem wir dann besprechen, wo wir ansetzen. Ein anderer Punkt ist das Trainerteam, das mir voll vertraut. Das ist auch nicht selbstverständlich. Wenn ich mir persönlich etwas ans Revers heften würde, dann, dass hier beim SCP wieder eine Einheit entstanden ist. Ich arbeite gerne auch an den kleinen Dingen. Es geht nicht darum zu meckern, es geht darum zu helfen. Fehler sehen kann jeder. Aber die wenigsten erkennen, wo man ansetzen muss.

 

Präsident Wilfried Finke sagte vor der Saison, dass jede Platzierung, die besser als Rang zehn ist, ein Erfolg sei. Manager Markus Krösche hat vom oberen Tabellendrittel gesprochen. Sie sagten, Sie seien als Angestellter einverstanden mit den Zielen Ihrer Chefs – aber müssen die Ziele jetzt nicht nach oben korrigiert werden?

Baumgart: Wir erarbeiten uns Punkt für Punkt, Spiel für Spiel. Platz eins ist angenehm. Im Moment mischen vier Teams oben mit, andere sind noch gar nicht in Fahrt gekommen. Bis zehn Spieltage vor Schluss ist die Liga wie die Formel 1: Es werden sich nur Positionen erarbeitet. Fragen Sie mich also zehn Spieltage vor Schluss noch mal, dann sage ich Ihnen genau, wo ich hin will.

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Magdeburg spielt zwar anders, zählt für mich aber auch zu den besten Teams.

Steffen Baumgart

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Es heißt, nach zehn Spieltagen lügt eine Tabelle nicht mehr. Demnach ist der SCP die beste Mannschaft der Liga.

Baumgart: Der Tabellenplatz sagt das so aus. Magdeburg spielt zwar anders, zählt für mich aber auch zu den besten Teams. Ebenso die sehr kompakte Mannschaft von Fortuna Köln oder die abgezockten Wiesbadener.

 

Sie werden sich allerdings nur schwer dagegen wehren können, von der Konkurrenz als Aufstiegskandidat Nummer eins betrachtet zu werden.

Baumgart: Dagegen wehren wir uns nicht, wir sehen uns ja auch gut. Wir wollen unsere Leistung auch nicht kleinreden. Die Jungs bringen eine überragende Leistung, aber sie arbeiten dafür auch sehr hart. Ich habe im Sommer versprochen, dass die Mannschaft immer an ihre Grenze geht und Gas gibt. Das macht sie. Ob das auch in Zukunft zum Erfolg führt, werden wir sehen. Wenn ich unsere Spiele in Halle, in Magdeburg und Zwickau sehe, verschieben wir die Leistungsgrenze immer weiter nach oben. Das ist unsere Zielsetzung.

 

Beim SCP läuft es gut und daher herrscht nach langer Zeit mal wieder Ruhe. Die Liga aber hat gerade ein Trainerbeben mit drei Entlassungen innerhalb von 48 Stunden hinter sich. Wie beobachten Sie das?

Baumgart: Als Trainer sollte man vor einer Länderspielpause also besser immer gewinnen (lacht). Für meine Kollegen ist es natürlich schade, aber man sollte in diesem Geschäft keine Entlassung persönlich nehmen.

 

Die Auf- und Abstiegsregelung zwischen 3. Liga und Regionalliga soll reformiert werden. Für welche Regel votieren Sie? Fünf Auf- und Absteiger, nur noch drei Staffeln oder haben Sie eine völlig andere Idee?

Baumgart: Die 3. Liga funktioniert und hat sich etabliert. Ich habe ein Problem damit, wenn man daran rumschraubt. Dass die Regionalliga eine Veränderung braucht, davon bin ich überzeugt. Mehr als Meister werden kann man nicht, deshalb muss der auch aufsteigen. Ich hätte kein Problem mit drei Regionalligen.

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Ich will keine 150 Shows. Ich will keine Kameras in der Kabine.

Steffan Baumgart

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Sie sagen, die 3. Liga habe sich etabliert. Lebensfähig ist dort aber kein Verein.

Baumgart: Aber das liegt doch an der Verteilung. Es geht in Fußball-Deutschland nicht nur um Borussia Dortmund und Bayern München. Es geht auch um Vereine wie Arminia Bielefeld, VfL Osnabrück oder den SC Paderborn. Wir sind der Massensport und nicht nur die Vereine in der Champions League.

 

Fanproteste gibt es aber nicht. Die Bundesliga boomt.

Baumgart: Die Entwicklung hat aber doch nichts mit dem Sport selbst zu tun. Die Leute gehen hin, weil der Spaß an dem Sport nicht vergeht. Es geht mir darum, was drumherum passiert. Ich will hier keine amerikanischen Verhältnisse. Ich will keine 150 Shows. Ich will keine Kameras in der Kabine. Ich will auch nicht, dass große Konzerne immer mehr diesen Sport übernehmen.

 

Den Videobeweis gibt es in der 3. Liga nicht. Für Sie eine verpasste Chance, auch hier den Fußball gerechter zu machen?

Baumgart: Wenn ich keinen Schiedsrichter mehr habe, sondern nur noch einen Supervisor, der von oben sagt, was richtig ist, dann habe ich ein Problem. Wenn es sich um klare Regelverstöße handelt, halte ich den Videobeweis für wichtig und richtig. Tor, Abseits, Tätlichkeit – da ist es gut, wenn Fehlentscheidungen korrigiert werden. Aber bei Entscheidungen wie Verwarnungen, die später in Rot verwandelt werden, damit habe ich ein Problem. Das sind Bewertungen vom Schiri, damit muss jeder leben. Alles andere geht mir an der Stelle zu weit.

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