Mi., 11.01.2017

Vor zehn Jahren richtete der Orkan Kyrill Milliardenschäden in NRW an – mit Folgen bis heute »Die Waldbauern haben geweint«

In NRW entwurzelt Orkan Kyrill 25 Millionen Bäume, überwiegend Fichten, oder knickt sie ab, hier eine Fläche im Siegerland. Die Holzmenge entspricht dem Dreifachen des Jahreseinschlags im Land.

In NRW entwurzelt Orkan Kyrill 25 Millionen Bäume, überwiegend Fichten, oder knickt sie ab, hier eine Fläche im Siegerland. Die Holzmenge entspricht dem Dreifachen des Jahreseinschlags im Land. Foto: dpa

Von Bernd Bexte

Neuenrade (WB). Bis zum 18. Januar 2007 war er ein weitgehend unbekannter griechischer Männername. Seitdem ist Kyrill der Inbegriff eines verheerenden Orkans. Vor zehn Jahren fegte er über Deutschland. Elf Tote und Milliardenschäden waren die Folge.

Halle: Zwei Männer versuchen im Sturm, einen Anhänger zu sichern. Foto: André Best

Allein in NRW gab es sechs Todesopfer und 150 Verletzte. Mit Windgeschwindigkeiten von mehr als 200 Kilometern pro Stunde suchte Kyrill in der Nacht vom 18. auf den 19. Januar 2007 die Region heim. In NRW wurde die Kraft dieses Orkans besonders in den Wäldern im Sauerland und im Siegerland spürbar.

15,7 Millionen Festmeter Holz, zumeist Fichten, warf Kyrill auf einer Fläche von 50.000 Hektar um. »Die in einer Nacht zu Boden geworfene Holzmenge wird sonst in drei Jahren durch normalen Holzeinschlag erreicht«, bilanziert der Landesbetrieb Wald und Holz. Der Schaden im Wald belief sich in NRW auf mehr als 1,5 Milliarden Euro. Für viele Waldbauern wurde in einer Nacht die Arbeit von Generationen vernichtet.

»Die Leute haben geweint«, erinnert sich Iris Kaiser vom Forstamt Märkisches Sauerland. Aber nicht nur Waldbesitzer traf es hart. Schäden an Gebäuden, Autos, Straßen, Stromtrassen und Bahnoberleitungen in NRW summierten sich auf geschätzt mehr als 500 Millionen Euro. Der Gesamtschaden in Deutschland betrug etwa 4,7 Milliarden Euro.

Orkan sei eine Folge des Klimawandels gewesen

Im Wohnpark Lippling werden Häuser und Autos beschädigt. Foto: Axel Langer

»Kyrill hat in NRW Schäden verursacht, die in unseren Wäldern auch zehn Jahre später noch deutlich zu erkennen sind«, sagt NRW-Umweltminister Johannes Remmel (Grüne). Er ist am Dienstag ins sauerländische Neuenrade gekommen, um Bilanz zu ziehen. Der Orkan sei eine Folge des Klimawandels gewesen, aber kein Einzelfall.

Wetterextreme habe es zuvor und vor allem danach mehrfach gegeben. Welche Lehren sind aus Kyrill zu ziehen? »Wir wollen unseren Wald stabiler gegen den Klimawandel machen«, sagt Remmel. Nach Kyrill sei ein klimagerechtes Wiederbewaldungskonzept hin zu mehr Laubwald erstellt worden, ergänzt Andreas Wiebe , Leiter des Landesbetriebs Wald und Holz aus Bielefeld.

Demnach waren vor Kyrill die betroffenen Sturmflächen im Privatwald zu 93 Prozent mit Nadelhölzern und zu sieben Prozent mit Laubholz bepflanzt. Bis Ende 2015 war der Anteil der Laubhölzer auf den Kyrill-Flächen auf 47 Prozent gestiegen, der Anteil an Nadelhölzern auf 53 Prozent gesunken. »Der Waldumbau hin zu stabileren Mischwäldern ist richtig«, meint Remmel. Die wachsende Zahl der Weihnachtsbaum-Plantagen ist ihm allerdings ein Dorn im Auge. Inzwischen würden dafür 4500 Hektar Wald genutzt – doppelt so viele wie vor Kyrill.

Mit 100 Millionen Euro ausgestattetes Sofortprogramm

Zur Bewältigung der Waldschäden hatte die damalige Regierung des Ministerpräsidenten Jürgen Rüttgers (CDU) ein mit 100 Millionen Euro ausgestattetes Sofortprogramm aufgelegt. Daraus seien laut Wiebe 45,4 Millionen Euro abgerufen worden, vor allem für die Aufforstung. Dass der Großteil ungenutzt blieb, liege an der Kalkulation des Programms, das auch Folgekosten (weitere Stürme und Insektenschäden) einberechnete. Diese habe es nicht gegeben.

Und was sagen die Waldbauern zehn Jahre nach der wohl größten Naturkatastrophe in der Geschichte NRWs? »Kyrill belastet uns immer noch«, erklärt Heidrun Buß-Schöne, Geschäftsführerin des Waldbauernverbandes NRW, im Gespräch mit dem WESTFALEN-BLATT. Er vertritt die Interessen der landesweit 150.000 privaten Waldbesitzer. Sie bewirtschaften zwei Drittel der Waldfläche in NRW.

Rechtsstreit mit Holzkonzern

Die großen Mengen an Sturmholz hätten vielen Waldbauern auf einen Schlag ein Einkommen beschert, mit dem sie eigentlich über Jahre wirtschaften wollten. »Entsprechend hoch war die Steuerlast und die Preise waren im Keller.« Die damals vom Land mit Großabnehmern vereinbarten Holzlieferverträge seien deshalb hilfreich gewesen – auch wenn sie später zum Rechtsstreit geführt haben. »Das war die Rettung der Holzindustrie«, sagt Buß-Schöne. Der österreichische Holzkonzern Klausner klagte auf Schadenersatz sowie die Nachlieferung von 1,5 Millionen Festmetern, weil das Land zugesagte Holzmengen nicht geliefert habe. Ein Urteil steht noch aus.

Wegen der Erfahrungen mit Kyrill sieht sich der Landesbetrieb Wald und Holz jetzt besser vorbereitet auf Großschadensereignisse. Es gebe regelmäßige Übungen mit Krisenstäben vor Ort, um die Waldbesitzer besser informieren und unterstützen zu können. »Wir sind jetzt besser drauf«, urteilt Betriebsleiter Wiebe.

Kommentare

Diese Diskussion ist geschlossen. Kommentieren ist nicht mehr möglich.

Google-Anzeigen

© WESTFALEN-BLATT
Vereinigte Zeitungsverlage GmbH

Alle Inhalte dieses Internetangebotes, insbesondere Texte, Fotografien und Grafiken, sind urheberrechtlich geschützt. Verwendung nur gemäß der Nutzungsbedingungen.

Mehr zum Thema

Anzeige


http://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/4552158?categorypath=%2F2%2F2158585%2F2158590%2F2198306%2F2509674%2F