Fr., 02.06.2017

Blickkontakterfassung in 40 Supermärkten »für Werbezwecke« Kunden heimlich gescannt

In 40 Real-Supermärkten werden die Kunden mit der »Blickkontakterfassung« abgescannt – für Werbezwecke. Informiert wird die Kundschaft darüber aber nicht.

In 40 Real-Supermärkten werden die Kunden mit der »Blickkontakterfassung« abgescannt – für Werbezwecke. Informiert wird die Kundschaft darüber aber nicht. Foto: dpa

Von Tilo Sommer

Bielefeld (WB). In 40 Real-Supermärkten werden die Gesichter der Kunden mit Kameras analysiert. »Blickkontakterfassung« heißt eine neue Technik, die dort zum Einsatz kommt – für Werbezwecke, ohne Wissen der Kunden. Datenschützer halten das für bedenklich. Die zuständige Behörde will die Praxis überprüfen.

Auf Bildschirmen im Kassenbereich läuft Werbung, direkt darüber ist eine Kamera installiert. Die Kamera erfasst alle »Blickkontakte« der Kunden mit dem Bildschirm, diese Bilder werden analysiert. Die ausgewerteten Daten umfassen die Anzahl der Betrachter, das geschätztes Alter, Geschlecht, sowie Zeitpunkt und Dauer der Betrachtung.

Wozu? Will Real besser auf die Kunden und deren Kaufverhalten eingehen? »Nein«, so lautet zumindest die Antwort des Unternehmens in einer Stellungnahme: »Real stellt der Firma Echion AG aus Augsburg in 40 ausgewählten Testmärkten die Möglichkeit zur Verfügung, eine Blickkontakterfassung von Werbebildschirmen zu testen.«

Datenschützer: Real verantwortungslos

Datenschützerin Kerstin Demuth (Digitalcourage) kritisiert das Vorgehen: »Real weiß nicht, was mit den Bildern seiner Kunden passiert. Das macht die Verantwortungslosigkeit umso größer.« Die Echion AG gestaltet Handelsflächen. Mit stimmungsvoller Musik, multimedialen Einheiten und sogar dem richtigen Duft soll ein perfektes Einkaufserlebnis kreiert werden. Zu den Kunden der Echion AG gehört auch Ikea. Mit der »Blickkontakterfassung« sollen Werbefilme zielgruppenorientiert angepasst werden.

Die aufgenommen Bilder sollen rein automatisch ausgewertet und sofort wieder verworfen werden. Nach nur 150 Millisekunden – etwas länger als ein Wimpernschlag – würden die Bilder aus dem Speicher verschwinden. Real sagt: »Es werden lediglich Metadaten übertragen. Das Recht am eigenen Bild wird daher nicht berührt.« Ob das tatsächlich so ist, wird in der nächsten Woche geklärt. »Wir prüfen, wie weit bei der Echion AG mit personenbezogenen Daten umgegangen wird«, sagt ein Sprecher des Bayerischen Landesamt für Datenschutzaufsicht auf Nachfrage dieser Zeitung.

Hinweise im Markt

Öffentlich macht Real die Kundenanalyse bislang nicht. »Eine Information für unsere Kunden erfolgt über eine gut sichtbare Hinweisbeschilderung ›Dieser Markt wird videoüberwacht‹«, sagt Real. Für Kerstin Demuth reicht das nicht aus. Sie findet die Vorgehensweise bedenklich: »Bei den Hinweisen, dass der Markt videoüberwacht wird, tritt ein Gewöhnungseffekt ein. Sie werden von den Kunden gar nicht mehr wahrgenommen. Klare Hinweise, dass die Gesichter an der Kasse analysiert werden, gibt es nicht.«

In Ostwestfalen gibt es acht Real-Märkte. »Blickkontakterfassung« gebe es laut Real dort nicht. Ob der Echion-Test noch ausgeweitet wird, ist nicht bekannt. Deutschlandweit gibt es 285 Real-Märkte. Real gehört zur Metro-Gruppe.

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