Fr., 13.10.2017

Klinikchefin der Gerichtspsychiatrie in Lippstadt-Eickelborn stellt in Frankfurt ihr Buch vor Dr. Nahlah Saimeh: »Die meisten Täter sind gesund«

Auf der Frankfurter Buchmesse vorgestellt: »Ich bring dich um!« von Dr. Nahlah Saimeh.

Auf der Frankfurter Buchmesse vorgestellt: »Ich bring dich um!« von Dr. Nahlah Saimeh. Foto: Christian Althoff

Von Christian Althoff

Lippstadt (WB). Man muss nicht verrückt sein, um jemanden umzubringen. »Die meisten Gewalttäter haben überhaupt keine psychische Erkrankung«, sagt Gerichtspsychiaterin Dr. Nahlah Saimeh.

Seit 13 Jahren leitet sie als Ärztliche Direktorin Deutschlands größte Gerichtspsychiatrie in Lippstadt-Eickelborn, seit einem Jahr nimmt sie als Gutachterin am »Horror-Haus«-Prozess vor dem Landgericht Paderborn teil.

Am Donnerstag hat Dr. Saimeh bei der Frankfurter Buchmesse »Ich bring dich um!« vorgestellt – ihr 290 Seiten starkes Buch (20 Euro), das sich an medizinische Laien richtet und unter anderem beschreibt, welche psychischen Krankheiten sich mit welchen Symptomen äußern und wozu sie führen können.

»Mich überrascht nichts«

Hasskommentare und Drohungen in sogenannten sozialen Medien, Sexualverbrechen, Amokläufe, häusliche Gewalt, Terror – das Buch schlägt einen großen Bogen. Die Autorin, 1966 in Münster geboren, greift auf einen großen Erfahrungsschatz zurück. Hunderte von Straftätern sind unter ihrer Verantwortung behandelt worden – Serienmörder, Kinderschänder, Brandstifter, Vergewaltiger. »Mich überrascht nichts«, sagt die Ärztin, die neben ihrer klinischen Arbeit viel Zeit in Gefängnissen verbringt, um Straftäter vor Prozessen zu begutachten und für Häftlinge, die ihre Entlassung beantragt haben, im Auftrag des Gerichts ein Prognosegutachten zu erstellen.

Dr. Nahlah Saimeh leitet die Psychiatrie in Eickelborn. Foto: Christian Althoff

Nur einmal sei sie in eine kritische Situation geraten: »Der Mann litt unter Wahnvorstellungen. Er glaubte, ich gehöre zu einer spanischen Organisation, die ihn verfolge, und er wurde aggressiv.« Die Ärztin ließ sich sofort aus dem Raum bringen.

Jeder kann Opfer eines psychisch kranken Täters werden

Viele Seiten ihres Buches widmet die Ärztin der Schizophrenie. »Diese Menschen haben Sinnestäuschungen. Sie sind überzeugt, Stimmen zu hören, und haben Visionen, die sie für wahr halten.« Verbreitet sei, dass solche Menschen glaubten, sie würden verfolgt, vergiftet oder verstrahlt. »Sie misstrauen ihrer Umgebung und haben Stimmen im Kopf, die ihnen Befehle geben«, sagt die Psychiaterin. Sie beschreibt unter anderem den Fall eines Mannes, der im Bus plötzlich einen Hammer aus der Tasche zog und auf zwei Schulkinder einschlug, die ihm gegenübersaßen. »Als ich ihn begutachtete, sagte er, dass er seit vielen Jahren vom Satan verfolgt werde, der seine Seele haben wolle.«

Satan trete in wechselnden Gestalten auf, und die Schüler seinen ganz klar Teufelskinder gewesen. Das habe er »an den Augen und der breiten Fratze« erkannt. Dr. Saimeh: »Dieser Fall zeigt: Jeder von uns kann Opfer eines psychisch kranken Täters werden. Zum Glück sind die Fallzahlen aber sehr gering.« 2013 seien in Deutschland 754.226 Menschen verurteilt worden, 37.828 von ihnen zu einer Haftstrafe ohne Bewährung. Im selben Jahr seien nur 815 psychisch kranke Straftäter eingewiesen worden. »Die meisten Täter sind also nicht krank. Es sind Menschen wie du und ich – aber in besonderen Lebenssituationen.«

Schizophrenie ist nicht heilbar

Im Zusammenhang mit Schizophrenie warnt die Klinikdirektorin in ihrem Buch, Cannabis zu rauchen. »Wer nur eine ganz leichte genetische Veranlagung hat, kann mit Haschischkonsum Schizophrenie auslösen. Was viele nicht wissen: Schizophrenie ist nicht heilbar. Sie kann allenfalls mit Medikamenten beherrscht werden.« Dabei müsse der Cannabis-Konsum nicht lange dauern: »Der klassische männliche Patient ist 16 bis 24 Jahre alt, Frauen etwas älter.« Wenn argumentiert werde, dass Menschen wie Mick Jagger und David Bowie jahrelang Hasch geraucht hätten, ohne schizophren zu werden, könne sie nur sagen: Glück gehabt!

Gerichtspsychiatrien und fehlende professionelle Risikoeinschätzung

1994 wurde in Eickelborn die sieben Jahre alte Anna-Maria Eberth von einem Patienten, der Freigang hatte, umgebracht. Er hatte frühere Begegnungen mit dem Kind in seinem Tagebuch beschrieben, aber das hatten die Ärzte nicht gelesen, weil sie das als Verletzung seiner Privatsphäre betrachteten. Dr. Nahlah Saimeh erwähnt diesen Fall nicht explizit in ihrem Buch, sie schreibt aber von drei Freigängermorden, die Eickelborn zwischen 1988 und 1994 erschüttert haben, und wirft einen kritischen Blick auf ihren Berufsstand in jenen Jahren: »Bis Mitte der 90er Jahre gab es in Gerichtspsychiatrien keine professionelle Risikoeinschätzung. Freigänger brachten Menschen um, und das prägte für Jahrzehnte die Haltung der Öffentlichkeit zur Gerichtspsychiatrie.«

Manche Therapeuten und Gutachter hätten damals nicht einmal die Strafakten der Täter gelesen, um ihnen nicht »voreingenommen« gegenüberzutreten. Dr. Saimeh: »Das hat sich zum Glück längst geändert.«

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