Mo., 30.10.2017

»Tatort« soll ein Krimi bleiben – Diskussion über Gruselfolge Nur zwei »Tatort«-Experimente im Jahr

Horror ist’s, wenn’s knallt und brennt, wenn man nur noch Geister kennt: Merle (Luise Befort) gehörte gestern zu den Glücklichen im »Tatort«, die nicht tot oder untot waren. »Ist es jetzt vorbei?«, fragte sie zum Schluss. Ja, Merle, alles gut.

Horror ist’s, wenn’s knallt und brennt, wenn man nur noch Geister kennt: Merle (Luise Befort) gehörte gestern zu den Glücklichen im »Tatort«, die nicht tot oder untot waren. »Ist es jetzt vorbei?«, fragte sie zum Schluss. Ja, Merle, alles gut. Foto: HR/Benjamin Dernbecher

Hamburg (dpa). Ein Spuk-»Tatort« wie am Sonntag – muss das sein? Läuft zu häufig kein normaler Krimi mehr? Fragen und Antworten zum beliebtesten Fernsehformat der Deutschen.

Was sagen die Macher beim Hessischen Rundfunk zu ihrem Gruselkrimi?

Die HR-Fernsehspielchefin Liane Jessen hält Krimis generell für eine »säkularisierte Form des Horrorfilms«. Deshalb sei der Horror-»Tatort« gar kein so großes Experiment. Redakteur Jörg Himstedt spricht von einem Hybrid, der den klassischen Ermittler-»Tatort« mit dem Genre des Horrorfilms verbinde, aber beide Genres ernstnehme. Horrorfilm und Krimi seien eine Fortführung des Märchenerzählens.

 

Gab es schon mal übernatürliche oder schräge Phänomene im »Tatort«?

Nicht nur einmal. Am verrücktesten war wohl ein Film vor 20 Jahren. In der paranormalen Folge »Tod im All« (1997) mit Ulrike Folkerts als Lena Odenthal sowie Gastrollen für Anke Engelke, Ingolf Lück, Dietmar Schönherr und Nina Hagen entpuppte sich am Schluss ein Wasserturm als Ufo mit Außerirdischen.

Verschwörungstheorien, unerklärliche Phänomene, unaufgelöste Fälle

Welche Folgen spielten noch mit Übersinnlichem?

Zu nennen sind der Schweizer Fall »Zwischen zwei Welten« (2014), in dem ein Medium Kontakt zu Toten aufnahm. Außerdem ist fast jeder Krimi mit Kommissar Murot, gespielt von Ulrich Tukur, seit dem Jahr 2010 eher außergewöhnlich.

Mal hatte dieser Ermittler Sinnestäuschungen, die auf einen Hirntumor zurückgingen, oder aber die Krimifigur traf den Schauspieler, der sie spielt. In Erinnerung blieb auch der Berliner Thriller »Vielleicht« (2014), der letzte Fall mit Boris Aljinovic als Kommissar Stark. Darin hatte die norwegische Psychologiestudentin Trude seherische Fähigkeiten. 2009 gab es den Münchener Esoterikfall »Gesang der toten Dinge« mit toten Hunden und Katzen.

 

Gibt es heute weniger klassische »Tatorte« als früher?

Er halte es für wahrscheinlich, dass es immer öfter verrückt wird, sagt Tobias Gostomzyk, Medienrechtler der TU Dortmund. Es gebe im »Tatort« immer wieder mal Verschwörungstheorien, unerklärliche Phänomene und unaufgelöste Fälle. Warum nicht auch Geister? Die Sonntagskrimis haben sich nach Gostomzyks Ansicht »weiter differenziert«, was an der Vielzahl der »Tatort«-Teams liege. Jede ARD-Anstalt wolle ihr eigenes Profil schärfen.

Realismus, Lokalkolorit und gesellschaftliche Relevanz

Was macht den »Tatort« aus?

Als Grundsätze gelten Realismus, Lokalkolorit, aber auch gesellschaftliche Relevanz. »Vom ›Tatort‹-Erfinder Gunther Witte stammten aus der Gründerzeit der Reihe, also aus den frühen 70er Jahren, klare Regeln. Ein ›Tatort‹ solle ein eindeutiger und dem Realismus verpflichteter Ermittlerkrimi sein, keine Rückblenden enthalten, und der Fall müsse realistisch sein und absolut im Mittelpunkt stehen«, sagt ARD-»Tatort«-Koordinator Gebhard Henke. Wenn also der »Tatort« unrealistisch wird, ist das eine gezielte Grenzüberschreitung der Macher.

»Zum ›Tatort‹ gehören auch mutige Experimente«

Wird darauf geachtet, dass es nicht zu oft »Tatort«-Experimente gibt?

ARD-intern und unter den Zuschauern gab es nach dem 26. Februar Diskussionen über den Laien-, Dialekt- und Impro-»Tatort Babbeldasch«. ARD-Programmdirektor Volker Herres sagte damals: »Zum ›Tatort‹ gehören auch mutige Experimente. Das ist okay, solange es nicht in einen Wettlauf der Redaktionen mündet, wer den abgedrehtesten Film produziert.«

ARD-Fernsehfilmkoordinator Jörg Schönenborn sagte am Sonntag, die Zahl der »Experimente« solle beschränkt werden. Es solle weiterhin überraschende Fälle geben, aber nur noch »zweimal im Jahr auch ›experimentelle‹ Krimis«. Es existiere jedoch keine verbindliche Definition, wann ein »Tatort« experimentell sei.

Zu der Zwei-Ausnahmen-Regel zitiert das Portal www.tatort-fundus.de einen ARD-Redakteur: »Wer als Dritter anmeldet, hat eben Pech gehabt.« Der klassische Ermittlerkrimi bleibe aber die DNA des »Tatorts«.

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