Do., 09.11.2017

Betrachtungen zum Jahrestag der Pogromnacht von 1938 Warum geht es nicht ohne Judenhass?

Die Reichspogromnacht bildete 1938 den Höhepunkt der staatlich gelenkten Novemberpogrome. Über 1400 Synagogen und sonstige Versammlungsräume sowie tausende Geschäfte, Wohnungen und jüdische Friedhöfe wurden zerstört.

Die Reichspogromnacht bildete 1938 den Höhepunkt der staatlich gelenkten Novemberpogrome. Über 1400 Synagogen und sonstige Versammlungsräume sowie tausende Geschäfte, Wohnungen und jüdische Friedhöfe wurden zerstört. Foto: dpa

Von Oliver Kreth

Bielefeld (WB). Beim Antisemitismus ist es wie bei der Hydra aus der griechischen Mythologie: Verliert die Hydra einen Kopf, wachsen an seiner Stelle zwei neue nach, denn der Kopf in der Mitte ist unsterblich.

Definition

»Antisemitismus ist eine bestimmte Wahrnehmung von Juden, die sich als Hass gegenüber Juden ausdrücken kann. Der Antisemitismus richtet sich in Wort oder Tat gegen jüdische oder nichtjüdische Einzelpersonen und/oder deren Eigentum, sowie gegen jüdische Gemeinde­institutionen oder religiöse Einrichtungen. Darüber hin­aus kann auch der Staat Israel, der dabei als jüdisches Kollektiv verstanden wird, Ziel solcher Angriffe sein.«

Am Donnerstag jährt sich die Pogromnacht, von den NS-kritischen Berlinern 1938 Reichskristallnacht genannt, zum 79. Mal. Sie bildet den Höhepunkt der staatlich gelenkten Verfolgungen (7. bis 13. November).

In dieser Zeit wurden über 1400 Synagogen, Betstuben und sonstige Versammlungsräume sowie tausende Geschäfte, Wohnungen und jüdische Friedhöfe zerstört. 400 Menschen wurden ermordet. Drei Jahre später begann die systematische Vernichtung der Juden. Insgesamt sechs Millionen Menschen wurden Opfer dieser Barbarei.

Seitdem hat sich vieles geändert. Juden werden nicht mehr vergast, nicht mehr in Öfen verbrannt. In Deutschland müssen Menschen mit Kippa »nur« noch Prügel fürchten, Friedhöfe und Synagogen werden geschändet, jüdische Einrichtungen werden von der Polizei bewacht – und das nicht erst seit 2015. Die deutsche Öffentlichkeit ist sich da ziemlich einig: Wie abstoßend!

Wahrnehmung Israels

Nicht ganz so abstoßend findet ein Großteil derselben Öffentlichkeit, dass in Israel seit Jahrzehnten Juden um ihr Leben fürchten müssen. Da wird gerne eine Täter-Opfer-Umkehr vorgenommen – in schlechter deutscher Tradition.

Die negative Wahrnehmung Israels wird durch die Medien gefördert. In einer Langzeitstudie der TU Berlin stellten die Sprachwissenschaftler fest: Kein anderes Land der Welt wird so oft und hart in deutschen Medien kritisiert wie Israel. Formulierungen wie »Verbrecherstaat«, »Unrechtsstaat«, »Apartheidsstaat«, Vergleiche mit Nazi-Deutschland, Superlative wie »die schlimmste« und »die größte Gefahr für den Weltfrieden« ziehen sich durch viele Veröffentlichungen.

Zu beobachten war für die Forscher auch, dass aggressive Verben wie »kontrollieren«, »zerstören«, »angreifen«, »befehlen«, »konfiszieren« im Zusammenhang mit dem Nahostkonflikt bevorzugt im Kontext zu Israel auftauchen – Verben also, die Machtverhältnisse ausdrücken.

Aggressive Verben

In deutschen Tageszeitungen liest man allen Ernstes auch dann die Überschrift »Israel tötet Palästinenser«, wenn letzterer zuvor bei einem Attentat mehrere Menschen ermordet hat. Das allerdings erfährt man viel zu oft erst im hinteren Teil der Ausführungen. Als Anis Amri von der italienischen Polizei erschossen wurde, las man übrigens nirgendwo: »Italien erschießt Tunesier«. Auf so eine törichte Idee käme niemand.

Während gewaltsamer Ausein­andersetzungen im Nahen Osten wird es noch schlimmer: Dann wird die deutsche Botschaft mit antisemitischen Schriften überflutet. Nein, natürlich nicht antisemitisch: nur antiisraelisch, und natürlich ist die Kritik berechtigt – meinen die Absender.

Kostprobe gefällig? Anlässlich der Gaza-Krise 2009 fragte ein Akademiker den Zentralrat der Juden: »Habt ihr überhaupt menschliche Gefühle?«

Jude, Zionist und Israeli als Synonyme

In den braunen Niederungen der sogenannten sozialen Medien referiert man in Deutschland gerne über »die Banker von der Ostküste«, »jene einflussreichen Kreise« und die »Finanzoligarchie«. Man macht aus dem »internationalen Finanzjudentum« das »internationale Finanztum«. Besonders oft werden die Wörter Jude, Zionist und Israeli als Synonyme benutzt.

Und dann sind da noch die »Rothschilds« und »Goldman Sachs«. Die sind reich, aber habgierig, sie beherrschen sogar Hollywood, sind nicht klug, eher verschlagen. Und dann diese Nasen! Und natürlich beuten Juden den Holocaust aus. Dazu noch die Pläne, Mischvölker zu produzieren – auch mit Angela Merkels Hilfe. Nichts ist zu krude, um nicht doch noch Anhänger dieses geistigen Wahnsinns zu finden.

Wie kann Menschenhass so stark, so grenzenlos, so zeitlos sein? Woher nimmt er die Fähigkeit, zu allen Zeiten immer wieder sein hässliches Haupt zu erheben?

Man findet überall Antisemiten

Zusätzlich erschreckend: Man findet überall Antisemiten, unter Christen und Muslimen, bei Weißen wie Schwarzen, Männern und Frauen, Linken, Rechten, Reichen und Armen, Alten und Jungen. Und sogar bei Juden.

Einer der Bekanntesten ist Gerard Menuhin, der Sohn des jüdischen Meistergeigers. In seinem Buch »Tell the Truth & Shame the Devil« bestreitet er sowohl Deutschlands Verantwortung für den Ausbruch des Zweiten Weltkriegs als auch die Faktizität des Holocaust, den er als »die größte Lüge der Geschichte« bezeichnet.

Angefangen hat das Drama vor fast zweitausend Jahren. Da sollen die Juden Jesus ermordet haben – zumindest wurde so der Antijudaismus begründet (faktisch besaßen nur die römischen Besatzer die Blutgerichtsbarkeit). Nach dieser Art von Antisemitismus und nach Auschwitz wurde es aber Zeit für die Antisemiten, sich neu zu erfinden.

Resolution Nummer 3379

Die alten Klischees waren unbequem geworden. Wer will auf seinen Schultern die Verantwortung für die Shoah tragen? Wer will sich heutzutage noch als Antisemit bezeichnen, außer denen natürlich, die meinen, dass die Arbeit Hitlers noch zu beenden ist? Kein vernünftiger Mensch.

Die perfekte Lösung: Antizionismus. Und die UN besorgte den Rest. Ausgerechnet am 10. November 1975 hat sie mit der Resolution Nummer 3379 den Zionismus zu einer Form von Rassismus erklärt. Gibt es eine maßgeblichere, legitimere Institution, die das offiziell festlegen kann?

Die Araber durften selbstverständlich ihre Interessen verteidigen. Es war klar, dass sie nicht in der Lage waren, Israel durch Krieg abzuschaffen. Sie hatten es vier Mal vergeblich versucht. 139 Länder stimmten ab, 72 waren dafür, 32 dagegen, 35 enthielten sich der Stimme?

Und wer waren die 72? Die arabischen Länder, die UdSSR und ihre Satellitenstaaten sowie viele afrikanischen Staaten, unter anderem Uganda. Der Menschenschlächter Idi Amin war einer der Promoter dieser Initiative. Man sprach über die Apartheid in Südafrika – und schon war der Zionismus eine Form davon.

Die Idee ist geblieben

Die UN-Resolution wurde 1991 abgeschafft, aber die Idee ist geblieben: Haben Juden wirklich das Recht, ihr Land zu bewohnen? Woher stammt dieses Recht? Aus der Bibel? Oder von der Balfour-Erklärung? Von Völkerbundentscheidungen? Vom UN-Teilungsplan? Alles spielt keine Rolle, alles ist unwichtig, diskutabel. In den 30er Jahren sollten die Juden raus aus Deutschland, jetzt sollen sie raus aus Palästina.

In Deutschland hat man auf den Anstieg des Antisemitismus reagiert und sich im September der Antisemitismus-Definition der Internationalen Allianz für Holocaust-Gedenken angeschlossen. Sie soll Richtschnur für Deutschlands Arbeit in internationalen Organisationen sein. Es bleibt spannend zu beobachten, welche Auswirkungen das hat: Deutschland unterstützt finanziell Organisationen, die eine einseitige Sicht auf Israel pflegen.

Abwarten

Warten wir also darauf, dass in Deutschland öffentlich gezeigte Hamas-Fahnen genau so ein Problem sind wie israelische. Dass die Filmförderung Projekte unterstützt, die eindeutig proisraelisch sind – etwa über Menschen, die seit Jahrzehnten unter Raketenbeschuss aus Gaza leben oder über die Feiern der Palästinenser nach erfolgreichen Selbstmordanschlägen.

Oder dass die staatlichen und nicht staatlichen Stellen endlich kontrollieren, wo ihre Gelder landen. Zu fürchten ist, dass diese Hoffnungen unerfüllt bleiben. Denn der Antisemitismus ist langlebiger als die Hydra.

Kommentare

Endlich!

Vielen Dank für diesen wichtigen und sehr guten Artikel! Der antiisraelische Konsens in Deutschland wird leider immer prononcierter und gerade deshalb ist es unerlässlich, ihn zu denunzieren und zu kritisieren. Weiter so!

Erstaunlich

Ein guter Artikel, der viel Wahrheit beihaltet. Vielen Dank Herr Kreth und auch an Frau Dr. Carlotta Viani. Und an die Redaktion, die den Mut hat diesen zu drucken. Ich bin erstaunt, diese Fakten im Westfalen-Blatt zu lesen, sonst bekommt man diese Fakten und deren Ungeheuerlichkeiten nur in Insiderinfos zu lesen. Sie werden der Masse leider vorenthalten - wodurch der Antisemitismus blüht. Aber auch in diesen Artikeln, der Seite 4 und 5 des Westfalen Blattes werden die wahren Verhältnisse nur dargestellt, aber zum Teil nicht weiter Kommentiert. Den Rest muss sich der Leser selbst dazu denken. Redaktionen sind immer noch sehr Vorsichtig, den Lesern ein objektives Bild von Israel zu vermitteln. Nichtsdestotrotz setze ich hier einen dicken DAUMEN hoch!

Wahre Worte - Vielen Dank Herr Oliver Kreth

Sehr mutig Herr Kreth,
leider liest man die Wahrheit über Antisemitismus nicht mehr so oft in den Medien.
Ich bin auch mal gespannt darauf, ob es hier in Deutschland noch grundlegende Änderungen gibt.
Es ist doch eine Schande für uns, dass Synagogen bewacht werden müssen und gleichzeitig der Islamismus gefördert wird. Die Kirchen sind zwar davon abgerückt die Juden als Jesusmörder zu betrachten, da mittlerweile bessere Erkenntnisse vorliegen, aber eindeutig nach aussen getragen wird es nicht.
Kauft nicht bei Juden hieß es früher. Heute ist daraus ein "Kauft nichts aus Israel" geworden. Angefeuert von NGOs die von staatlichen und sozialen Stellen finanziert werden. Das hier die Araber darunter leiden, weil es hauptsächlich ihre Arbeitsplätze sind die dadurch verloren gehen können, interessiert diese Verbände nicht.
Jeder Hinweis auf einen israelischen Apartheitsstaat ist ein Schlag ins Gesicht der Menschen, die in Südafrika für die Gleichberechtigung gekämpft haben, denn dieser Vergleich relativiert ihr Leiden und ihre Leistung.
In Israel gibt es keine getrennten Busse, Schulen, Krankenhäuser etc. Dort können Araber wie Juden an den gleichen Unis studieren. Die Araber sind in Parteien und der Knesset vertreten und bekleiden höchste Richterämter.
Aber wer will das in unserem Land schon lesen. Das widerspricht ja allem, was man so gern glauben möchte, und was von den Linken auch gern unterstützt wird.
Natürlich gibt es Probleme in Israel und sie haben noch einen weiten Weg vor sich um den Frieden zu finden, aber wo ist es schon perfekt? Und warum erwarten das alle von Israel und nicht von den Nachbarstaaten.
Es ist diese Doppelmoral und die Doppelstandards mit denen Israel zu kämpfen hat.
In Saudi Arabien darf kein Israeli wohnen, wieso stört das niemanden?
Die Deutschen werden den Juden den Holocaust nie verzeihen.

Der "moderne" Antisemitismus

Danke für diesen Artikel. Dafür möchte ich den Verfasser ausdrücklich loben. Seine Bewertung trifft ins Schwarze. In der Tat ist Israel das einzige demokratische Land schlechthin, welches dermaßen unter "Beschuss" der UN steht. Der legitim gegründete Staat Israel wird im Mai 2018 seinen 70sten Geburtstag feiern. Es ist unglaublich, wie oft Israel in dieser Zeit seine Existenz verteidigen musste, um diesen Geburtstag überhaupt feiern zu können.
Genau so unglaublich frohmachend ist es, in Israel selbst zu erfahren, wie in weiten Teilen in Samarien und Judäa, verfälschend "Westjordanland" genannt, die Zusammenarbeit von Juden und Arabern funktioniert. Bei meinen Israelreisen habe ich Firmen besucht, in denen es für beide Seiten gewinnbringend abläuft. Die Klischees, von dem "ewigen Krieg" werden vor Ort relativiert. Leider kommt es immer wieder zu Attacken, ja zu Anschlägen auf die jüdische Bevölkerung, bei denen Menschen sterben. Diese Attacken werden, wenn man genau hinschaut, in der Regel von aufgehetzten Arabern ausgeführt. Leider musste Israel schmerzlich feststellen, dass "Land für Frieden" nicht funktioniert. Die Übergabe des Gazastreifens an die Palaraber führte zu dem Ergebnis, dass fortan gegen Israel aufgerüstet wird. Was besonders schmerzt ist, dass wie im Artikel richtig beschrieben, die "Welt" aufschreit, wenn Israel sich angemessen zur wehr setzt.
Mein Wunsch zu denen, die an den Gedenkfeiern zur "Reichskristallnacht" teilnehmen, setzen sie sich bitte für die lebenden Juden ein und nicht primär für die Toten. In diesem Sinne, Shalom.

Ein herausragender Artikel

Ich danke für diesen herausragenden Artikel. Brigitte Gabriel, eine libanesisch-amerikanische Journalistin, drückte es so aus: "Der klassische Antisemitismus richtete sich gegen die jüdische Religion und das jüdische Volk. Der moderne Antisemitismus richtet sich gegen den jüdischen Staat."

Nicht vermischen

Die Geschichte der Judenverfolgung ist durch nichts zu entschuldigen. Zu keiner Zeit und in keinem Land gab es nachvollziehbare Gründe, die den Hass und die Verfolgung erklären könnten. Es war die einfach greifbare Minderheit, der man die Schuld an allen Ärgernissen in die Schuhe schieben konnte. Das man sich dann im Rahmen von Progromen oder einfach nur dem täglichen Schikanieren selbst besser fühlte, seine Aggressionen ausleben konnte und sich ganz nebenbei noch am Vermögen (und sei es noch so klein - denn nicht alle Menschen jüdischen Glaubens waren oder sind reich) der Unterdrückten bereicherte, war ein netter Nebeneffekt für die kleinen Leute, die den Hetzereien der Obrigkeiten (Staat und Kirchen) willig folgten.
Doch die Situation im heutigen Israel ist m.M. nicht damit zu vergleichen oder zu entschuldigen. Auch die Palästinenser haben ein Recht auf einen Staat und ihr selbstbestimmtes Leben. Solange nicht endlich eine von beiden Parteien das Ritual von Schlag und Vergeltung durchbricht, solange wird es dort auf beiden Seiten sinnlose und meistens unschuldige Opfer geben. Solange wird dort kein Frieden und kein Wohlstand einziehen. Die Hardliner sitzen in beiden Lagern und das kam in dem Artikel m.M. nach zu kurz. Auch wenn man als Mensch mit deutscher Staatsangehörigkeit besondere Sorgfalt im Zusammenhang mit Kommentaren zu Israel wahren sollte, so wäre das völlige Verschließen vor den momentanen Gegebenheiten nicht richtig. Unrecht geschieht dort auf beiden Seiten und daher muss man auch beide Lager anklagen dürfen.

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