Mi., 07.03.2018

Neue App will die Social-Media-Welt erobern Wenig Social, viel Media? Wir haben Vero getestet

Will eine Alternative zu Facebook und Instagram sein: Vero.

Will eine Alternative zu Facebook und Instagram sein: Vero. Foto: dpa

Von Vivian Winzler

Bielefeld (WB). Plötzlich war es da. Auf Twitter, Instagram, Facebook – »folgt mir auf Vero«, schreiben Freunde und Bekannte. »Facebook is dead«, heißt es sogar dort. Doch was genau soll das sein, dieses Vero? Löst es wirklich die alten Hasen ab? Verbinden wir uns in Zukunft alle nur noch über Vero? Ein Selbstversuch.

Die gängigen sozialen Medien sorgten in der Vergangenheit immer mehr für Frustration. Zu viel Werbung, zu viel Müll, zu wenig Relevanz – da bringt auch die neue »Mach Facebook zu deinem Facebook«-Marketing-Kampagne nicht viel.

Also springen wir mal auf dieses neue Pferd namens »Vero« auf, das sich mit dem hübschen Slogan »True Social« krönt. Keine Werbung, verspricht der Anbieter. Alles ehrlich und sauber, heißt es. Schauen wir uns einmal an, was dran ist an diesem Versprechen. Die Anmeldung erfolgt einfach über E-Mail. So weit so gut.

Als nächstes möchte Vero auf meine gespeicherten Kontakte zugreifen. Eine Verweigerungsmöglichkeit gibt es nicht, scheint sich der Account nur über die Mobilfunknummer verifizieren zu lassen. Da ich eine der ersten Millionen User bin, muss ich noch nichts für die App zahlen. Das soll sich aber bald ändern. Autsch.

Kategorisierung von Freunden

Prompt zeigt mir Vero meine neuen Freunde an. Tatsächlich sind bereits drei meiner gespeicherten Kontakte registriert. Die App verlangt von mir, diese in »Freunde«, »Enge Freunde« und »Bekannte« zu kategorisieren (Bei Facebook ist das immerhin optional), was mich fast in einen moralischen Gewissenskonflikt stürzt.

Wie bei Facebook kann ich Beiträge erstellen und teilen. Orte, Artikel, Bilder, Musik – eben alles, was mich gerade beschäftigt. Als nächstes entdecke ich die Option »Collections«. Im Prinzip kann ich hier Dingen, die ich ganz toll oder doof finde, folgen. Also das »Like«-Äquivalent zu Facebook.

Werbefreie Nutzeroberfläche

Was genau ist also so neu und innovativ an Vero? Überall lese ich, dass Vero eine Alternative zu den gängigen Social-Media-Kanälen bieten soll. Okay, das verstehe ich. Aber was macht diese App denn nun anders? Der CEO Ayman Hariri erklärt »Vero« als werbefrei – das fällt mir tatsächlich auf. Meine Startseite ist schön sauber und ordentlich. Auch keine Katzenvideos oder Kochrezepte werden mir angezeigt.

Zunächst sieht mein Profil noch ziemlich karg aus. Erst nach etwa drei Tagen tut sich etwas. Immer mehr meiner Bekannten melden sich bei »Vero« an, was mir die App auch stets freudig verkündet. Nach zwei Tagen haben sich meine ursprünglichen drei Kontakte schon auf elf dupliziert. Für eine ganz neue Social-Media-Plattform nicht schlecht.

Mit zunehmenden »Bekannten« (Acht an der Zahl), »Freunden« (Zwei) und einem »Engem Freund« wird meine Startseite auch zunehmend »bunter«. Fotografien, Statusupdates und sogar ein Blogeintrag werden mir angezeigt. Dinge, die auf Facebook nicht geteilt wurden, fällt mir auf. Ich frage mich, ob das an der Integrität liegt, die »Vero« verspricht. Ist die Hemmschwelle, ein Bild zu posten geringer, weil ich direkt bestimmen kann, wer es sehen soll? Wenn ich es will, erfährt niemand etwas über mein Alter oder meine anderen Verbindungen. Alles ziemlich anonym. Man zeigt Personen nur, was sie sehen sollen. Die Zeiten des Stalkings sind hier vorbei. CEO Hariri wolle außerdem aus Vero keine Datenkrake wie Facebook machen, heißt es.

Kritik an Vero

Doch plötzlich kippt die Stimmung. Zwei Tage später geht einer neuer Trend um – Vero ist doch nicht mehr cool, scheint es jetzt. Auf Instagram und Twitter erklären immer mehr User ihre Unzufriedenheit. Was ist passiert?

»Vero« scheint ein starkes Image-Problem zu haben. Das fängt schon beim Namen an, wie ich in einem Tweet lese. »Vero« leitet sich aus dem lateinischen ab und bedeutetet soviel wie »wahr«. Eben »true social«.

Alles erstunken und erlogen, empört sich eine Userin. Der Grund: hinter der App steht der libanesische Milliarden-Erbe Ayman Hariri. Angeblich soll er bedeutende Influencer (Blogger und Prominente) bezahlt haben, um die App zu promoten. Diese Kritik erschließt sich mir zunächst nicht ganz, schließlich ist »Product-Placement« heutzutage ein gängiges Werbemittel in jedem zweiten YouTube-Video. Das Problem: die vermeintlich bezahlten Influencer bestreiten jegliche Art der Promotion. Nicht gekennzeichnete Werbung schafft in der Tat keine vertrauensvolle Basis.

Auch Details über die Vergangenheit von Geschäftsführer Hariri scheinen eine große Teilschuld an der Unglaubwürdigkeit von »Vero’s« Image zu haben. Angeblich soll er ehemaligen Mitarbeitern eines seiner Bauunternehmen aus Saudi-Arabien über mehrere Monate hinweg den Lohn nicht ausgezahlt haben, so Spiegel Online. Als Reaktion auf die Vorwürfe soll Hariri das Unternehmen verlassen haben. Für viele ist das ein ausschlaggebender Punkt, die App nicht zu nutzen.

Hinzu kommt die Tatsache, dass man sich bei »Vero« nicht jederzeit abmelden, sondern zunächst nur einen Antrag dazu stellen kann. Das löst vielerseits Unmut aus. Und: »Vero« soll bald kostenpflichtig werden, heißt es auf der Website, um die Werbefreiheit zu garantieren.

Weniger Social, mehr Media

Innerhalb einer Woche habe ich den beeindruckenden Aufschwung von Vero erlebt – und seinen tiefen Fall. Von meinen elf Freunden sind nur noch vier aktiv. Dem Rest waren die Gerüchte um Hariri und die Tatsache, sich nicht jederzeit abmelden zu können, zu dubios. Auch ich fühle mich nicht mehr wohl mit meinem Profil.

Zudem fällt mir auf, dass ich die App stets vergesse. Zu wenig spielt sich hier ab, um für mich wirklich eine Alternative zu anderen Social-Media-Plattformen zu bilden. Dass meine ohnehin schon wenigen Freunde sich nun auch noch in Scharen abmelden (oder es zumindest versuchen), macht das Ganze nicht besser. Schade, habe ich in »Vero« zunächst wirklich eine Menge Potential gesehen.

Als eine Mischung aus Facebook und Instagram, die nicht für jedermann öffentlich zugängig ist, hätte »Vero« für viele Probleme im Social-Media-Bereich eine Alternative geboten. Keine Werbung, keine Verlinkungen, keine unliebsamen Freunde, wenn ich es nicht will.

Auch das Design der App passt. Minimalistisch und modern gehalten ist die Nutzeroberfläche eine der großen Stärken der App.

Das nützt jedoch alles nichts, wenn man sich beim Benutzen einer Plattform nicht wohl fühlt. Und das ist bei »Vero« mittlerweile bei der Mehrheit der Fall. Auch wenn man die Vergangenheit von Hariri von der App abstrahiert, bleibt ein ungutes Gefühl zurück. Das Wissen, sich nicht jederzeit abmelden zu können, stört mich fast mehr als die Gewissheit, dass Facebook meine Daten sammelt wie Brotkrummen.

Fazit: Zu wenig auf der Oberfläche, zu viel dadrunter

Mein Fazit: Ja, Vero ist jung, hip, stylisch und nett in der Anwendung. Gleichzeitig fehlt mir aber eine persönliche Note und eine einfachere Möglichkeit, Freunde zu finden und sich zu verbinden. Zudem läuft die App zum jetzigen Zeitpunkt nicht flüssig, wobei man berücksichtigen muss, dass es sich bloß um eine Beta-Version handelt (diese ist bisher noch kostenfrei). Dennoch ist die Liste der Punkte, die gegen »Vero« sprechen, für eine so neue App schon ganz schön lang. Etwas zu lang, wie viele Benutzer finden.

Vero kann das Ruder vielleicht noch umreißen. Liegt es jetzt an der Firma, die Kritikpunkte anzunehmen und an ihren Schwächen zu arbeiten. Inwiefern das gelingt, wird wohl über die Zukunft von »Vero« entscheiden. Ich für meinen Teil gebe »Vero« zunächst einmal auf. Zu wenig geschieht hier auf der Oberfläche, zu viel liegt dadrunter.

Also, Vero, adieu, es war schön mit dir – vielleicht sehen wir uns in einem Jahr noch mal.

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