Do., 14.06.2018

Digitalisierung: Neue Serie im WESTFALEN-BLATT – Teil 1: eine Bestandsaufnahme Wie digital sind unsere Schulen?

Tablets in Schulklassen? In einigen Fällen keine Neuheit mehr. Bald soll das digitale Hilfsmittel zentrales Lernmittel werden.

Tablets in Schulklassen? In einigen Fällen keine Neuheit mehr. Bald soll das digitale Hilfsmittel zentrales Lernmittel werden. Foto: dpa

Von Lukas Brekenkamp

Bielefeld (WB). Die Schulglocke läutet – der Unterricht beginnt. Nicht Stift und Papier liegen vor den Schülern, sondern Tablet oder Laptop. So soll der Unterricht der Zukunft aussehen – oder nicht?

In dieser Vision gestalten die Kinder an ihren Tablets Präsentationen und Videos. Unzählige Apps stehen ihnen zur Verfügung. Über einen Beamer werden die Ergebnisse an die Wand projiziert und besprochen. Dann wird im interaktiven »digitalen Schulbuch« geblättert und anhand von Erklär-Videos, Hörbeispielen oder Bildern gelernt.

Konferenzen als Startschuss für die neue Offensive

Der Gedanke an einen solchen Schulalltag ist nicht unrealistisch, sondern Ziel der voranschreitenden Digitalisierung. Dabei geht die Landesregierung sogar noch weiter: Man wolle in Zukunft vor allem durch die Digitalisierung die Schulen in NRW an die internationale Spitze bringen, verkündete Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP) bei der Auftaktkonferenz »Digitaloffensive Schule NRW« in Düsseldorf. »Die digitale Revolution wird die Schulen, wie wir sie kennen, grundlegend verändern«, sagte Gebauer.

Mit diesen Konferenzen in allen Regierungsbezirken im Bundesland soll der Startschuss für die neue Offensive in der Digitalisierung an Schulen fallen. Im Regierungsbezirk Detmold findet die Konferenz am 2. Juli im Nixdorf-Forum Paderborn statt.

Die Ergebnisse der Konferenzen sollen in die Digitalstrategie des Schulministeriums einfließen, die zum Start des Schuljahres 2018/19 vorgestellt werden soll. Die drei wesentlichen Handlungsfelder der Digitalisierung seien laut Gebauer die Vermittlung von Medienkompetenzen an die Schüler, die Qualifizierung der Lehrkräfte und die Ausstattung der Schulen.

»Digitale Medien gehören an jede deutsche Schule«, sagte Bildungs- und Forschungsministerin Anja Karliczek (CDU) bei ihrem Amtseintritt. Wie wichtig die Digitalisierung für die Bundesregierung ist, wird auch deutlich, wenn man die Förderung des Bundes betrachtet: Denn alleine in dieser Legislaturperiode sollen die etwa 40.000 Schulen in Deutschland mit einem Etat von 3,5 Milliarden Euro ausgestattet werden. Damit würden bei gleicher Aufteilung jeder Schule 87.500 Euro zur Verfügung stehen.

Immer mehr Fördergelder

Auch auf Landesebene stehen Fördermittel für die 5668 Schulen in NRW, die ihr Medienkonzept selbst entwickeln, zur Verfügung. Das bestätigt den angekündigten Rückenwind für dieses Projekt. Laut Landesregierung hätten die Fördermittel eine Höhe von etwa sechs Milliarden Euro in dieser Legislaturperiode. So habe das Land gemeinsam mit der NRW.Bank das Programm »Gute Schule 2020« ins Leben gerufen.

Seit dem vergangenen Jahr werden über vier Jahre jeweils 500 Millionen Euro (insgesamt also zwei Milliarden Euro) für die Kommunen im Land bereitgestellt. Die Kommunen sind die Schulträger, die gemäß Paragraf 79 des Schulgesetzes für die angemessene Ausstattung der Schule verantwortlich sind und auf Basis der schulischen Medienkonzepte zur Erreichung der pädagogischen Ziele einen Medienentwicklungsplan ausarbeiten.

Die Fördermittel können beantragt und dementsprechend genutzt werden. Allerdings: Alleine in OWL haben eine Vielzahl von Kommunen diese Fördermittel im ersten Jahr nicht genutzt oder beantragt (WESTFALEN-BLATT vom 20. März).

Etwa 600 Millionen Euro kämen in dieser Legislaturperiode jährlich durch die Schulbaupauschale hinzu. Des weiteren stammen insgesamt etwa 1,1 Milliarden Euro aus dem Kommunalinvestitionsfördergesetz. All diese Förderungen stünden Kommunen und Schulen dementsprechend auch für die Digitalisierung der Schulen zur Verfügung.

Kommunen wird außerdem weitere Hilfe zur Verfügung gestellt: Die bei den Bezirksregierungen in Zusammenarbeit mit dem Wirtschafts- und Digitalministerium eingerichteten Geschäftsstellen »GigabitNRW« beraten Schulträger auch zur digitalen Ausstattung der Schulen.

Allerdings: Noch werden in den Klassen vor allem die klassischen grünen Tafeln genutzt, um Ergebnisse zu besprechen – digitale Medien kommen noch wenig zum Einsatz. Zu diesem Schluss ist auch die Bertelsmann-Stiftung in einer Studie im vergangenen Jahr gekommen. Laut der im September veröffentlichten Untersuchung hat demnach nicht einmal jeder zehnte Lehrer digitale Medien genutzt, die kreatives, individuelles oder interaktives Lernen fördern. Die Gründe für die starke Zurückhaltung seien mangelnde Technik an Schulen, die Befürchtung, Hard- und Software seien zu teuer, sowie fehlender professioneller IT-Support.

Alles noch in weiter Ferne?

»Wir hängen in NRW definitiv zurück«, sagt die Bielefelderin Maike Finnern, stellvertretende Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) in NRW. »Viele Schulen sind mit wenigen oder schlechten Rechnern ausgestattet.« Zwar gebe es bereits »Tablet-Klassen« in NRW, diese seien die Ausnahme.

Das soll sich jedoch bald ändern: Die Schulministerin will in Zukunft gemeinsam mit den Kommunen die Schulen mit einer modernen, digitalen Infrastruktur ausstatten. Dazu zählen schnelles Glasfasernetz, flächendeckendes WLAN, Internet und digitale Präsentationstechnik in möglichst vielen Unterrichtsräumen.

Datenschutz ein Problem

Neben der Ausrüstung der Schulen ist natürlich auch ein Ziel, die Schüler und Lehrer entsprechend auszustatten. Auch hier tun sich Probleme auf: Denn zuletzt kam es zu einer Diskussion in Sachen Datenschutz. Aufgrund eines Mangels an Dienstrechnern würden Lehrer vermehrt auf private Geräte zurückgreifen. Unklar ist, ob Lehrer dafür haften, sollten private Daten von Schülern nicht ausreichend geschützt werden. Denn laut einer Dienstanweisung des Schulministeriums NRW machen sich Lehrer strafbar, sollten sie die Vorgaben in dem Formular nicht einhalten.

»Der Arbeitgeber sollte seinen Angestellten Geräte zur Verfügung stellen – das ist an keinem Arbeitsplatz anders«, findet die Bielefelderin Maike Finnern. Auch die Ausstattung der Schüler sollte das Land fördern.

Ein weiteres Problem in der Digitalisierung an den Schulen ist allerdings auch mangelnder IT-Support, den viele Schulen immer wieder beklagen – also einen Experten, der bei IT-Problemen Hilfe leistet. Das sieht auch Maike Finnern so. »In der Regel ist das ein großes Problem.«

Verantwortlich für die Bereitstellung von Support sei ebenfalls die Kommune. IT-Supporter seien für viele Schulen teilweise nicht immer verfügbar – da die Experten auch andere Einrichtungen innerhalb der Kommune betreuen müssten. Allerdings sei laut Finnern der Pflegeaufwand für die digitalen Schulgeräte sehr hoch. So hoch, dass ihrer Meinung nach eigentlich jede Schule einen Supporter benötige. »Wir brauchen einen Standard an Support«, so Maike Finnern.

Auf die Lehrer in NRW kommt laut Schulministerin eine Fortbildungsoffensive zu. »Wir müssen unsere Lehrerinnen und Lehrer bestmöglich für die Nutzung der digitalen Möglichkeiten fit machen und entsprechende Kompetenzen für die Lehreraus- und Fortbildung definieren.« Ab 2019 sollen alle Schulen im Land dann schrittweise einen Medienkoordinator benennen, der die Arbeit zur digitalen Bildung koordiniert und besondere Qualifikationen erhalten soll.

Hohe Ziele für die Zukunft

Freuen können sich Lehrkräfte derweil auch auf eine Art »digitales Klassenzimmer«. Zwar wurde in der Vergangenheit ein entsprechendes Projekt durch »nicht lösbare technische Probleme« gestoppt, man arbeite jedoch an einer neuen Software. Wann diese an den Start gehen soll, stehe allerdings noch nicht fest.

Bis zum Sommer werde außerdem unter anderem an einem »Medienkompetenzrahmen Lehrkräfte« gearbeitet. Der »Medienkompetenzrahmen NRW« beschreibt darüber hinaus für alle Schulformen und -stufen die wichtigsten Ziele für das Lernen mit digitalen Medien. »Digitale Medien dürfen kein Selbstzweck sein, sie sind dann sinnvoll, wenn sie den Unterricht besser machen«, sagt Maike Finnern.

Auf der Grundlage des »Medienkompetenzrahmens NRW« müssen die Schulen in Nordrhein-Westfalen bis spätestens 2021 ihr schulinternes Medienkonzept weiter entwickeln. Ein weiterer Schritt ist dann, eine Verankerung in den schulinternen Lehrplänen für den Fachunterricht in allen Jahrgangsstufen zu erreichen. »Unser Ziel ist, das Lernen mit digitalen Medien in allen Fächern und Schulstufen zu verankern«, verspricht Yvonne Gebauer.

In diesem Zusammenhang steht auch die Entwicklung digitaler Schulbücher für den Unterricht. Das Schulministerium erprobt zwei Prototypen: das »BioBook NRW« für den Biologieunterricht und das »mBook NRW« für den Geschichtsunterricht – damit Schüler in Zukunft digital lernen

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