Mo., 22.01.2018

1968 begehrt auch in Westfalen die Jugend auf – aber in Maßen Ein bisschen Revolte

Protest in Bielefeld gegen die Benennung der neuen Kunsthalle (1968): Von der Eröffnungsfeier bleibt bloß eine »stille Übergabe« übrig.

Protest in Bielefeld gegen die Benennung der neuen Kunsthalle (1968): Von der Eröffnungsfeier bleibt bloß eine »stille Übergabe« übrig.

Von Bernd Bexte

Bielefeld (WB). Das hat Westfalen noch nicht erlebt: Zur Grundsteinlegung der Uni Bielefeld bringen Demonstranten Schafe mit. In Gütersloh verkündet ein Student in der Christvesper des Stiftischen Gymnasiums revolutionäre Botschaften. In Münster tanzen Kommilitonen nackt vor dem Theater.

War da was abseits der Revoluzzer-Hochburgen Berlin, Frankfurt, Paris und Amsterdam? Ja, das 68-er-Beben erschüttert auch Westfalen (und Lippe) – allerdings mit ländlich-sittlicher Mäßigung. Denn Westfalen war noch nie ein Hort der radikalen Avantgarde. »Münsters Studenten sind brave Studenten«, urteilt NRW-Innenminister Willi Weyer (FDP) 1968 über die Protestler an der damals einzigen etablierten Universität Westfalens. Und die Zeitungsschlagzeile »Die Jugend unserer Zeit ist zu einem Sturm aufgebrochen« beschreibt denn auch nicht umstürzlerische Umtriebe linker Kreise – sondern eine Tagung der Jungen Union im April 1968 in Münster.

Deutung von »1968« immer noch umstritten

»Daswestfälische Ereignis, denSkandal oder diebesondere Begebenheit wird man vergeblich suchen«, sagt Thomas Großbölting, Historiker an der Uni Münster. Sein neues Buch »1968 in Westfalen« widmet sich dem ominösen Jahr und seinen Folgen. Die Deutung von »1968« sei immer noch umstritten: Je nach Standpunkt gelte es, ein Erbe zu verteidigen oder einen Schaden zu revidieren. Großbölting unterscheidet zwischen dem »kurzen« und dem »langen 1968«, also den unmittelbaren Ereignissen und Auseinandersetzungen des Jahres und dem Nachhall über die Jahrzehnte. Während viele Streitpunkte, Diskussionen und Forderungen des »kurzen 1968« heute befremdlich erschienen, habe das »lange 1968« die Gesellschaft nachhaltig verändert: »Viele Themen der Protestbewegten sind nicht nur in den Mainstream eingegangen, sondern sie definieren heute geradezu die Loyalität zum System.« Aufarbeitung der NS-Zeit, Umweltschutz, Gleichberechtigung, Akzeptanz von Homosexualität, Friedensorientierung, gewaltfreie Erziehung, Wohngemeinschaften, Bürgerinitiativen – kurz: die pluralistische Gesellschaft von heute hat hier einen Ursprung.

Was 50 Jahre später am 1968 in Westfalen noch überrascht, sind die anekdotenhaften Mythen, die subversiven Legenden, wie sich aufbegehrende Bürgersöhne und -töchter mit langen Haaren und kurzen Röcken aufmachen, den unter den Talaren, Perlonhemden und Kittelschürzen der Wirtschaftswunderbürger vermuteten Muff auszulüften.

4. Februar 1968: In Wattenscheid prallen die Weltbilder von APO-Ikone Rudi Dutschke und SPD-Fraktionschef Johannes Rau bei einer Diskussionsveranstaltung aufeinander. Die Anreden »Herr Dutschke« und »Genosse Rau« offenbaren Grundsätzliches. »Genosse Rau, es hat sich manches geändert in diesem Land«, frohlockt Dutschke. Der spätere NRW-Ministerpräsident Rau warnt hingegen vor einer »Gefahr des linken Faschismus«.

Namensstreit 1968

Fünf Monate später blockieren in Bielefeld Demonstranten die Abreise der Partygäste von der Grundsteinlegung der Universität, in Paderborn treten die Studenten der staatlichen Ingenieurschule in den »Generalstreik« und ziehen durch die Straßen. Weil sich aber auch Revolutionäre erholen müssen, flauen die Proteste mit Beginn der Semesterferien westfalenweit ab. Trotzdem ist das brave Bürgertum auf dem Zaun. In Detmold erbost man sich öffentlich über »zweifelhafte Gestalten« mit »filzigen Haaren«. Die entscheidende Frage: Wer ist hier Mann, wer Frau?

Und dann sind da natürlich die Proteste gegen die Benennung der neuen Kunsthalle in Bielefeld – einer Gabe der Familie Oetker – nach Richard Kaselowsky, dem Stiefvater des Unternehmenspatriarchen Rudolf-August Oetker. Kaselowsky (1888-1944) gehörte der NSDAP an und war Mitglied des Freundeskreises Heinrich Himmler.

Dieser Namensstreit scheint wie gemacht für das Jahr 1968. Er steht symbolhaft für die erst jetzt breit einsetzende Auseinandersetzung der Nachkriegsgesellschaft mit den Nazi-Jahren.

Gibt es darüber hinaus provinztypische Prägungen im 68er-Wirbel? Ja, sagt Historiker Großbölting. Mit der Jugendzentrumsbewegung – besonders Bielefeld tut sich hier Anfang der 70er Jahre hervor –, zahlreichen Landkommunen und der Anti-Atomkraftbewegung gewinne die Provinz später »ein eigenes Profil«. Es dauerte halt nur etwas länger . . .

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