Mi., 21.02.2018

Ehemaliger Direktor der Kunsthalle Bielefeld, über Künstler und die 68er-Bewegung Thomas Kellein: »Sie haben gesagt: ›Was wir machen, ist Kunst‹«

Zwei Weltstars der 68er-Kunstszene: Andy Warhol (links) und Joseph Beuys, gemeinsam fotografiert im Jahr 1979.

Zwei Weltstars der 68er-Kunstszene: Andy Warhol (links) und Joseph Beuys, gemeinsam fotografiert im Jahr 1979. Foto: dpa

Bielefeld (WB). 1968 und die Kunst – das ist ein weites, spannendes Feld. Haben Künstler die Entwicklung gespürt? Wie ist die Documenta 1968 gelaufen? Darüber hat Andreas Schnadwinkel mit Dr. Thomas Kellein (62), dem ehemaligen Direktor der Kunsthalle Bielefeld, gesprochen.

Thomas Kellein (rechts, mit Georg Baselitz 2009 im Konventgarten des Klosters Dalheim) war von 1996 bis 2010 Direktor der Kunsthalle Bielefeld. Seit fünf Jahren ist er Leiter der Kunstberatung der Privatbank Berenberg. Foto: imago

Was war damals der Grund »1968. Die Große Unschuld« erst 2009 und nicht 2008 zum 40. Jahrestag in der Kunsthalle zu zeigen?

Thomas Kellein: Der Hauptgrund war, dass wir 2007 die Ausstellung »1937« gezeigt haben. Das war bis dato die größte Ausstellung, die die Kunsthalle Bielefeld jemals gemacht hat. »1937« war sehr erfolgreich, aber auch sehr anstrengend, weil wir gezeigt haben, in welchen Ländern 1937 welche Kunst produziert wurde. Das forderte alle Ressourcen. Deswegen kam erst nach »1937« die Idee, und wahrscheinlich zu spät, das zweite wichtige Jahr des 20. Jahrhunderts ins Auge zu fassen: 1968.

Hat es sich im Nachhinein als günstige Fügung erwiesen, den 1968-Medienhype im Jahr 2008 ins Land gehen zu lassen, um dann mehr Aufmerksamkeit zu haben?

Kellein: Bei 1968 wurde schon im Dezember 2007 klar, dass der Jahrestag von allen abgefrühstückt würde. Im März 2008 war das Thema in den Medien eigentlich schon durch. Was aber überhaupt nicht vorkam, war die Frage: Was ist 1968 denn künstlerisch passiert? Als ich 2007 und 2008 mit Künstlern über 1968 sprach, zum Beispiel auch mit Georg Baselitz, sagten viele, dass es kaum ein kunstfeindlicheres Jahr als 1968 gegeben hätte.

»Alles stürzte sich auf die Politik« 

Inwiefern war 1968 kunstfeindlich?

Kellein: Alles stürzte sich auf die Politik und auf gesellschaftliche Veränderungen, die Kunst erlebte insofern eine Art Generalverdacht. Baselitz ging weg aus Berlin, weil es in Berlin wenig opportun und kaum noch möglich war, Künstler zu sein. Kreativität passte nicht in die Absicht der Studenten und Professoren, politischen Widerstand zu organisieren. Die Illusion aus heutiger Sicht, dass Studenten die deutsche Arbeiterschaft überzeugen könnten, die Revolution zu starten, wurde damals ja nicht belächelt, sie wurde entweder stark genährt oder stark gefürchtet.

War Georg Baselitz ein typischer Künstler für 1968?

Kellein: Baselitz war ein untypischer Künstler für 1968. Man hat ihm ja lange vorgeworfen, dass er ein Oberreaktionär sei. Diesen Streit genoss Baselitz, das steigerte die Reputation. Er wollte Malerfürst sein wie übrigens auch Markus Lüpertz, während andere sich um Gesellschaft, Architektur und Konzeptkunst kümmerten.

»Anselm Kiefer einer der wichtigsten 68er-Künstler«

Also ist eher Anselm Kiefer ein typischer 68er-Künstler?

Kellein: Wenn man den »Marsch durch die Institutionen« auf die Kunst überträgt, dann ist Anselm Kiefer einer der wichtigsten 68er-Künstler. Seine »Heroischen Sinnbilder«, Selbstporträts mit Hitlergruß in der Landschaft, wurden politisch angegriffen, in der Kunstszene jedoch respektiert. Gut zwei Jahrzehnte später aber gab es kaum noch ein westliches Museum, das Anselm Kiefer nicht geschätzt hätte. Als ich Anfang der 80er oft in New York war, um für die Staatsgalerie Stuttgart Ausstellungen vorzubereiten, wurde ich häufig gefragt, ob ich ein Werk von Anselm Kiefer besorgen könne. Kiefer war ganz zu Anfang nicht unbedingt Maler, sondern eher Konzeptkünstler, der mit einer Haltung auftrat. Es waren die Haltungen oder »Attitüden«, die man sehr schnell mit »1968« in Verbindung brachte: Arte Povera, Land Art, Conceptual Art.

Gibt es außer Anselm Kiefer noch andere Künstler, die durch 1968 groß herauskamen?

Kellein: Sicherlich, viele Künstler, Carl Andre und Bruce Nauman zum Beispiel. In Deutschland geschah das von 1968 an stilprägend in der Galerie Konrad Fischer in Düsseldorf.

»Im Grunde wurden Künstlerinnen nur geduldet«

Was hat 1968 Positives für die Kunst bewirkt?

Kellein: Die Hauptleistung der 68er-Künstler besteht darin, dass seitdem nichts mehr an der zeitgenössischen Kunst vorbeiführt. Das haben sie erreicht. Sie haben gesagt: »Wir sind da. Was wir machen, ist Kunst. Und es reicht, wenn wir sagen, dass es Kunst ist.«

Hat 1968 in der Kunst auch die Emanzipation der Frau gestärkt?

Kellein: Als wir die Ausstellung »1968« gemacht haben, waren wir bestürzt, dass die Gleichberechtigung der Frau damals noch mit ganz wenigen Ausnahmen kein Thema war. Sexuelle Freiheit und Antibabypille waren Ausdruck von Hedonismus im Sinne von sexueller Befriedigung, nicht jedoch wirklich von Befreiung. Im Grunde wurden Künstlerinnen nur geduldet und nicht gefördert. Große Ausnahmefiguren waren Yoko Ono, Yayoi Kusama und Valie Export. Zwei davon sind heute Weltstars.

Wer waren 1968 die Weltstars der Kunst?

Kellein: Joseph Beuys natürlich, Christo, und umstritten war Georg Baselitz. Einflussreiche 68er-Kunst gab es hauptsächlich in Deutschland, Österreich, Italien, Frankreich und den Niederlanden. Und nicht nur wegen des Vietnamkriegs sehr stark in den USA.

»Warhol war ein unglaublich kluger, weiser und scharfsinniger Künstler«

Gab es vor 1968 in der Kunst eine Strömung, die den kommenden gesellschaftlichen Umbruch vorspürte?

Kellein: Eine sehr weitreichende erträumte gesellschaftliche Veränderung ging vor 1968 von der Fluxus-Bewegung aus. In der Kunsthalle Bielefeld haben wir mal den Fluxus-Künstler George Maciunas gezeigt. Diese Kunst ist wahnsinnig komisch, aber auch schrecklich, weil sie alles entlarvt. Ein Beispiel: Man geht mit einem 100-Mark-Schein in die Bank und wechselt den Geldschein so lange in andere Währungen, bis nichts übrig ist. Das ist Fluxus, da wird der Glaube an die hohe Kunst sehr stark zerbröselt.

Was ist mit Andy Warhol?

Kellein: Warhol war ein unglaublich kluger, weiser und scharfsinniger Künstler, der über seine Kunst nie redete und so tat, als wäre er permanent auf Droge und gar nicht zurechnungsfähig. Das gehörte zu seiner Attitüde und war eine Form von Unschuld.

Haben Sie Ihrer 1968-Ausstellung deshalb den Untertitel »Die Große Unschuld« gegeben?

Kellein: Ja. Dieser kindliche Ansatz, dass es nichts gibt als meine Einstellung, meine Ideen und meine Phantasie, ist die große Unschuld. Einerseits ist diese Egozentrik befreiend, andererseits ist das schrecklich. Dass wir uns, jeder einzelne Mensch, heute für so wichtig halten wie Sonne und Mond, geht natürlich auf die 68er-Zeit zurück. Keine nachfolgende Generation hat so gesponnen wie die 68er.

Welche Bedeutung hatte 1968 die Documenta?

Kellein: Das waren drei verschiedene Veranstaltungen. Die eine war die offizielle Eröffnungsfeier mit Bürgermeister, die zweite war die Störung dieser Eröffnungsfeier durch Demonstranten, und die dritte war eine Anti-Documenta von Künstlern wie Wolf Vostell, die sich ausgeschlossen sahen. Unter den Störern war übrigens ein gewisser Jörg Immendorff, der einen Kunststoff-Eisbären auf einen Besenstiel gesteckt hatte und sagte: »Ich will hier mal den Eisbären reinhalten«. Darüber habe ich mich immer kaputt gelacht. Was für ein kurioser Unsinn!

Gehören die Schüsse der Radikalfeministin Valerie Solanas auf Andy Warhol auch zu 1968?

Kellein: Auf jeden Fall. Das Attentat zeigt auf dramatische Weise, wie wenig Frauen damals und auch noch später in der Kunst zu sagen hatten. 1972 beklagte sich die Künstlerinnen-Gruppe »Guerilla Girls« beim Documenta-Leiter Harald Szeemann über fehlende Gleichberechtigung. Szeemann schrieb einen Satz zurück: »Frauen sollen Suppe kochen.« Das habe ich in einem Archiv gefunden, es war ein dickes Ei.

Ob Biennale in Venedig oder Documenta in Kassel. Heute kommt Kunst kaum ohne die Flüchtlingskrise aus. Muss Kunst politisch und aktuell sein?

Kellein: Man muss unterscheiden zwischen Kunst, die mit Kriegsgewinnlertum zu tun hat, und Kunst, die politisch ist. In meinen Augen wird die Kunst zum Teil dafür missbraucht, dass sie diese Themen aufgreift. Dann haben alle ein schlechtes Gewissen, und die Politiker können ihre Zuschüsse rechtfertigen. Das ist mir zu billig. Natürlich muss Kunst politisch sein, sonst hätte es keinen Goya und keinen Beuys gegeben. Aber nicht so penetrant mit dem Zeigestock.

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