Mo., 09.06.2014

70 Jahre D-Day Aufmarsch der Diplomaten

Von Reinhard Brockmann

Für Wladimir Putin gibt es gewiss schmerzhaftere Sanktionen, als neben der dänischen Königin sitzen zu müssen. Widerwilliger als dem Platzanweiser beim Mittagessen in der Normandie dürfte er am Freitag allerdings Angela Merkel gefolgt sein. Die bugsierte ihn zum Gespräch mit Petro Poroschenko, dem frischgewälten Präsidenten einer freien Ukraine.

Vielleicht raunte die Matriarchin unter den europäischen Staatenlenkern auf russisch, er möge sich einen Ruck geben und Poroschenko endlich die Hand reichen. Hinter verschlossenen Türen ist das keine Anerkennung. Man hörte danach, François Hollande sei dabei gewesen und habe gelächelt.
Alles wieder gut in Europa? Vor allem, nachdem sich Putin und Obama im weiteren Tagesverlauf auch noch zusammenhockten?

Trotz des flotten Speed-Datings am D-Day ist die Sache nicht ganz so einfach. Den Landraub auf der Krim und das Gewährenlassen russischer Unruhestifter in der Ostukraine will man Putin nicht durchgehen lassen. Druck machte der britische Premier David Cameron. Der russische Präsident habe einen Monat Zeit, Poroschenko anzuerkennen und Waffenlieferungen an die prorussischen Separatisten einzustellen, sagte er. Von einer Rückgabe der Krim an die Ukraine war allerdings in der deutlichsten Wortmeldung aus dem Kreis der westlichen Staats- und Regierungschefs nicht mehr die Rede.

Das Gedenken an den 6. Juni 1944 war wie dafür geschaffen, Putin ein wenig aus der Paria-Rolle herauszuholen, ohne gleich zur Tagesordnung überzugehen. Die Erinnerung an den tausendfachen Tod in der Normandie, noch mehr das massenhafte Sterben in einem von zwei Weltkriegen zerrissenen Europa zeigte die ganze Dimension auf. Frieden ist nicht selbstverständlich, Freiheit muss bewahrt werden.

Als die USA vor 70 Jahren den Kriegsschauplatz von Westen her betraten, hatten Russen und Deutsche schon einen gewaltigen Blutzoll geleistet. Für die USA ging es auch darum, als Machtfaktor auf dem Kontinent aufzutreten. Die damals eingeschlagenen Pflöcke halten bis heute – und die anhaltende Präsenz der USA wird von den allermeisten Europäern begrüßt.

1944 waren Russen und Amerikaner Verbündete, zwei Jahre später schon nicht mehr. Im folgenden Kalten Krieg zerrieb sich Russland selbst – gemeinsam mit den in einen Pakt gezwungenen Staaten Mittelosteuropas. Blockdenken bringt nichs. Diese Warnung schwingt mit, wenn die Beteiligten auf den Zweiten Weltkrieg und die Folgen schauen.

Der Zwang zum Zusammenhalt ist unausweichlich, weil der Preis für jede andere Option so offenkundig ist. Das müsste selbst der Eurasier Putin verstehen. Das hat auch die Ukraine zu berücksichtigen. Und aus dieser Einsicht heraus werden die europäischen Mittelmächte allein und ausschließlich ihre diplomatische Stärke ausspielen.

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