Di., 29.11.2016

Kommentar zur SPD-Kanzlerkandidatur Peinlicher geht’s nicht mehr

Hannelore Kraft

Hannelore Kraft Foto: dpa

Von Ulrich Windolph

Nein, die SPD lernt es nicht. Egal, was die Partei anstellt, die stilvolle Ausrufung eines Kanzlerkandidaten bekommt sie einfach nicht auf die Reihe. Kakophonie statt Kür: Mit einer einzigen Bemerkung hat nun Hannelore Kraft die gesamte Parteispitze – sich selbst eingeschlossen – der Lächerlichkeit preisgegeben.

Ob der NRW-Ministerpräsidentin ihr »Ich weiß, wer es wird, aber ich sage es Ihnen nicht« nur rausgerutscht oder sogar mit voller Absicht entfahren ist, spielt keine Rolle. Die Folgen sind verheerend: SPD-Chef Sigmar Gabriel steht mit seiner ohnehin umstrittenen Strategie, den eigenen Kanzlerkandidaten erst Ende Januar öffentlich zu benennen, nun erst recht wie ein begossener Pudel da. Der Zeitplan wird zur Farce, wenn sich der Eindruck verfestigt, dass die Sozialdemokraten die Öffentlichkeit an der Nase herumführen.

Ein neuer Tiefpunkt für Hannelore Kraft

Dass Gabriels Taktik Hannelore Kraft und der nordrhein- westfälischen SPD mit Blick auf die Landtagswahlen im kommenden Mai nicht gefallen kann, ist verständlich. Doch wenn die Ministerpräsidentin und SPD-Landesvorsitzende, die noch dazu stellvertretende Bundesvorsitzende ihrer Partei ist, eine solche Sache nicht intern zu ihren Gunsten klären kann, sagt das sehr viel über ihren Einfluss in Berlin aus.

Einmal mehr wird deutlich, wie groß die Distanz zwischen Hannelore Kraft und Sigmar Gabriel ist – allen Treueschwüren zum Trotz. Und einmal mehr stellt sich die Frage, ob der NRW-Ministerpräsidentin überhaupt etwas am Erfolg der Bundes-SPD gelegen ist. Was 2013 mit einer Selbstverzwergung begann, als Hannelore Kraft ungefragt zu Protokoll gab, selbst »nie, nie nach Berlin« zu gehen, findet mit ihrem selbstverliebten »Ich weiß, wer es wird, aber ich sage es Ihnen nicht« einen neuen Tiefpunkt. Dass Hannelore Kraft zuerst für sich und NRW kämpft, geht in Ordnung. Dass sie ihrer Bundespartei das Leben noch schwerer macht, als es sowieso schon ist, hingegen nicht.

Bärendient für die Partei und den Kandidaten

Hannelore Kraft hat ihrer Partei und dem SPD-Kanzlerkandidaten – egal, wer es am Ende sein wird – einen Bärendienst erwiesen. Jeder Herausforderer wird gegen Angela Merkel einen schweren Stand haben. Mag die Kanzlerin ge­genwärtig auch keine Beliebtheits- und Zustimmungsrekorde für sich verbuchen, für die SPD ist und bleibt sie weiterhin der mit Abstand am schwersten zu schlagende Gegner.

Allein deshalb hätten die Sozialdemokraten gut daran getan, ihren Kandidaten zumindest in einem halbwegs geordneten Verfahren aufs Schild zu heben. Dafür ist es jetzt schon zu spät. Egal, wer nun wann auch immer als SPD-Kanzlerkandidat ausgerufen wird: Die Gefahr ist groß, dass weite Teile des Wahlvolkes das nur noch mit einem mitleidigen Lächeln zur Kenntnis nehmen werden.

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