Do., 15.06.2017

Kommentar zu Missbrauch in der Familie Wenn der letzte Strohhalm verloren geht

Von Bernhard Hertlein

Ich möchte die Augen schließen, meine Ohren zuhalten, doch es hilft nicht: Die Nachricht, dass sich in jeder Schulklasse mindestens ein oder sogar zwei Kinder befinden, die missbraucht werden, will nicht aus dem Kopf.

Dabei ist es in der Regel nicht der anonyme fremde Mann, der hinterm Busch lauert oder sein Opfer mit fragwürdigen Versprechen ins Auto lockt. Der Täter ist viel öfter der Vater. Der Stiefvater. Onkel. Bruder. Lehrer. Der Mann von nebenan. In selteneren Fällen eine Frau. Die Mutter. Kurz: Es sind die Menschen, denen das Kind vertraut. Die es liebt.

Aufarbeitung ist wichtig

Weil das so ist, ist die Arbeit der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs so wichtig. Hier kommen endlich die Opfer zu Wort. Ihre Berichte berühren uns. Zahlen sind wichtig, um zu zeigen, dass Kindesmissbrauch in Deutschland kein schmuddeliges und randständiges Thema ist. Doch erschüttern kann uns viel mehr der konkrete Einzelfall.

Und erschüttern müssen wir uns lassen. Opfer von Missbrauch klagen natürlich die Täter an. Doch als fast genauso schlimm empfinden viele, dass ihre Umgebung wegsieht – ihnen im schlimmsten Fall sogar die Schuld gibt. Die Mutter, die ihre Tochter als »Lügnerin« oder sogar »Schlampe« bezeichnet , entzieht ihr das letzte Stückchen von dem Strohhalm, an dem es sich vielleicht noch halten könnte. Sicher, diese Frauen sind selbst schwach. Sie fürchten um die Beziehung, um die Familie, um sich selbst. Umso wichtiger ist es, sie immer und überall, öffentlich und im Privaten, an ihre Verantwortung zu erinnern. Jeder hat das Recht, einmal schwach zu sein. Aber es gibt Augenblicke, da wird man durch Schwäche zum Mittäter oder zur Mittäterin.

Verantwortung der Gesellschaft

Wissenschaftler sagen zu Recht, das Sex mit unter 14-Jährigen in jedem Fall Missbrauch ist – auch wenn das Kind scheinbar zugestimmt hat. Kinder müssen erst lernen, dass sie das Recht haben, Nein zu sagen. Und dass ihr Nein zählt. In Familien, in denen Missbrauch geschieht, lernen sie das nicht.

Hier beginnt die Verantwortung der Nachbarschaft, der Gesellschaft. So unangenehm es ist: Hinsehen und hinhören ist Pflicht. Es kann nicht so schwer sein, zwischen einer zärtlichen Umarmung, die unter Eltern und Kindern normal ist und normal sein muss, und Berührungen, die das Kind ablehnt und die seine Seele verletzen, zu unterscheiden.

Es ist gut, dass sexueller Missbrauch in Schulen und Jugendeinrichtungen auch Jahrzehnte nach der Tat an die Öffentlichkeit gebracht wird. Die Rolle sozialer Medien beim Missbrauch wird ebenfalls zum Thema. Und, ja, es geschieht gerade in den Schulen einiges, um den vielfachen sexuellen Missbrauch zu Hause aus der Tabuzone zu holen. Wer dennoch die Augen verschließt und Ohren zuhält, wenn er eines solchen Verbrechens gewahr wird, macht sich zum Mittäter.

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