Fr., 16.06.2017

Kommentar zum Tode Helmut Kohls Sein Erbe ist Verpflichtung

DDR-Ministerpräsident Hans Modrow (Dritter von links, klatschend) und Bundeskanzler Helmut Kohl lassen vor dem Brandenburger Tor in Berlin Friedenstauben aufsteigen

DDR-Ministerpräsident Hans Modrow (Dritter von links, klatschend) und Bundeskanzler Helmut Kohl lassen vor dem Brandenburger Tor in Berlin Friedenstauben aufsteigen Foto: dpa

Von Andreas Kolesch

Hans-Dietrich Genscher, Helmut Schmidt – und nun Helmut Kohl. Deutschland trauert um den neben Konrad Adenauer wohl größten unter den großen deutschen Politikern des vergangenen Jahrhunderts. Die Deutschen verdanken ihm nichts weniger als die heute so selbstverständlich gelebte Einheit, deren Zustandekommen ja nun alles andere als selbstverständlich war.

Dabei hat Deutschland mit dem Kanzler der Einheit lange gefremdelt. Sein zu Beginn seiner Regierungszeit bisweilen provinziell anmutender Habitus, der pfälzische Dialekt – das war so ganz anders als der hanseatisch-weltmännische Stil, den sein Amtsvorgänger Helmut Schmidt pflegte. Sogar als »Birne« wurde er von seinen linken Kritikern geschmäht. Eine Abneigung, die ganz auf Gegenseitigkeit beruhte.

Schrecken des Krieges machte Kohl zum überzeugten Europäer

Wie Schmidt gehörte Kohl zur Kriegsgeneration. Nie wieder dürfe es ein solches Blutvergießen geben – darin waren sich beide einig. Der Schrecken des Krieges machte Kohl zum überzeugten Europäer. Dass die deutsche Einheit – wenn überhaupt! – nur in Frieden gemeinsam mit den Europäern gewonnen werden könnte, war Richtschnur seines Handelns.

Kohl hat es geschafft, zugleich deutscher Patriot und überzeugter Europäer zu sein. Die Tränen, die ihm übers Gesicht rannen, als er 1984 Hand in Hand mit dem französischen Präsidenten François Mitterrand auf dem Gräberfeld von Verdun stand, waren Ausdruck tiefster Bewegung.

Dabei war der Riese aus Oggersheim niemals zimperlich in seinem Handeln – weder als CDU-Vorsitzender noch als Politiker. Als die Sowjetunion vor dem Zusammenbruch stand, nutzte Kohl die Gunst der Stunde. Mit Diplomatie, Geschick und persönlichem Einsatz. Sogar die D-Mark gab Kohl zugunsten des Euro auf, um die Nachbarn zu beschwichtigen, denen die wirtschaftliche Stärke eines wiedervereinigten Deutschlands suspekt war.

Spendenaffäre ist Fleck auf seiner Biographie

Es ist eine Ironie der Geschichte, dass Kohl am Ende abgewählt wurde, weil sich die Einheit als teures Unterfangen erwies und die versprochenen »blühenden Landschaften« sich während seiner Amtszeit nicht einstellen wollten. Doch Kohl sollte recht behalten: Wirtschaftlich wie sozial steht die Einheit heute auf einer soliden Basis, und Deutschland ist wirtschaftlich so stark wie nie.

Gewiss: Auch die Parteispendenaffäre, die die CDU in den politischen Abgrund stürzte und letztlich Angela Merkel an die Macht brachte, gehört zur Würdigung von Helmut Kohls Leben. Sein Ehrenwort, mit dem er die heimlichen Spender schützte und sich zugleich über das Gesetz stellte, ist ein nicht zu tilgender Fleck auf seiner Biographie.

Doch heute ist nicht der Tag für Auf- und Abrechnungen. Heute ist der Tag des Gedenkens und des Dankes.

Sein europäisches Erbe ist und bleibt eine Verpflichtung. Deutschland verneigt sich vor dem Kanzler der Einheit.

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