Mo., 19.06.2017

Kommentar zum G20-Treffen in Hamburg Sturm auf den Gipfel

Ein Polizeiauto vor dem Hamburger Messegelände (Symbolfoto).

Ein Polizeiauto vor dem Hamburger Messegelände (Symbolfoto). Foto: Christina Sabrowsky/dpa

Von Andreas Schnadwinkel

Ob G8, G7 oder G20: Wenn sich die Staats- und Regierungschefs der wirtschaftlich führenden Länder treffen, ist der Widerstand von Globalisierungsgegnern und Kapitalismuskritikern sicher.

Öffentlich wahrnehmbar sind die Proteste spätestens seit Juli 2001, als es beim Gipfel in Genua zu Straßenschlachten kam und der Demonstrant Carlo Giuliani dabei durch Schüsse eines Polizisten starb.

Genua gilt als Wendepunkt – zum einen wegen der bis dahin nicht gekannten Gewalt und zum anderen wegen der Terroranschläge vom 11. September 2001 wenige Wochen später. Beides zusammen führte zu einem neuen Konzept für politische Großtreffen.

Der damalige britische Premierminister Tony Blair setzte durch, dass Gipfel dieser Art an eher abgelegenen und daher gut zu sichernden Orten veranstaltet werden. So sollte verhindert werden, dass Bilder von gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen Demons­tranten und Polizisten die inhaltlichen Ergebnisse in der Berichterstattung optisch überlagern – und solche Treffen ganz generell diskreditieren.

In der Folge lud Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) 2008 zum Gipfel ins Ostseebad Heiligendamm und 2015 ins bayerische Schloss Elmau ein. Die Orte waren gut abzuschirmen, zu Protesten kam es anderswo.

Das wird in der Weltstadt Hamburg anders sein – weil auch der Gipfel ein anderer ist. Das G20-Format eigne sich nicht für eine Landpartie, heißt es seitens der Bundesregierung. Da allein dreimal mehr Personen am Treffen teilnehmen als bei einem G7-Gipfel, sei eine Metropole mit ausreichenden Hotelkapazitäten nötig. Das klingt ebenso pragmatisch wie Hamburgs Image einer weltoffenen Handelsstadt. Das passt zur Zusammenkunft der Gruppe der 20 wichtigsten Indus­trie- und Schwellenländer.

Allerdings ist Hamburg nicht Brisbane, St. Petersburg oder Hangzhou und befindet sich nicht im ablegenen Australien, im semi-demokratischen Russland oder im kommunistischen China, wo die Sicherheitskräfte Proteste meistens gar nicht erst aufkommen lassen.

Anders in Hamburg, wo die Protestbewegungen »einen der größten schwarzen Blöcke, die es jemals gegeben hat« ankündigen. Die Polizei rechnet mit bis zu 10.000 Personen aus der linksextremen Szene. Diese Szene, die in Hamburg eine starke Basis hat (»Rote Flora«), fühlt sich vom Gipfel in »ihrer Stadt« provoziert und sieht in der Entscheidung für Hamburg als Veranstaltungsort eine De­monstration der Staatsmacht.

Die Angriffe auf die Bahnstrecken sollen als Vorgeschmack und Drohung verstanden werden. Durch die Anwesenheit des US-Präsidenten Donald Trump ist der Gipfel zusätzlich aufgeladen. Auf die Polizisten wartet jede Menge schwere Arbeit.

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