Fr., 23.06.2017

Kommentar zu Hannelore Kraft und der SPD Geht es nicht ein bisschen würdevoller?

Hannelore Kraft.

Hannelore Kraft. Foto: dpa

Von Ulrich Windolph

Am Sonntag soll ein Parteitag in Dortmund das SPD-Wahlprogramm beschließen. Und eigentlich sollte das auch ihr Tag werden: Hannelore Kraft als strahlende Gastgeberin und Mutmacherin für den großen September-Sturm aufs Kanzleramt. Wird es aber nicht.

Mit der krachenden Niederlage bei der NRW-Wahl hat Kraft alle ihre Parteiämter niedergelegt – keine 30 Minuten nach Schließung der Wahllokale. Das war konsequent und zeigte ihr Verantwortungsbewusstsein. Doch diese Souveränität ist ei­ner Stillosigkeit gewichen, die ei­nem den Atem verschlägt.

Dem Landesparteitag blieb Kraft fern, und der schien sich darum wenig zu scheren. Gerade zwei Mal wurde ihr Name erwähnt. Ihre Profile bei Facebook, Twitter und Youtube sind gelöscht – fast so, als gäbe es ein ganzes Politikerleben nicht mehr. Es ist gespenstisch.

Mag sein, dass Dankbarkeit in der Politik ein seltenes Gut ist. Dennoch bleibt es verstörend, wie die SPD und Hannelore Kraft miteinander umgehen. Man darf daran erinnern, dass die Frau noch NRW-Ministerpräsidentin ist. Und dass sie dieses große und wichtige Bundesland für »ihre« SPD fast sieben Jahre lang regiert hat.

Bleibt die Frage, wann es zur Entfremdung zwischen der Partei und ihrer Frontfrau gekommen ist und ob nicht die Zeit bis zum 14. Mai die weitaus größere Heuchelei war: jene Phase, als die SPD Kraft auf Gedeih und Verderb zu folgen bereit schien und sich sogar die Bundespartei samt Kanzlerkandidat Martin Schulz auf ihr Geheiß hin mit einer Nebenrolle in NRW zufrieden gab. Und warum man Kraft gewähren ließ, wenn man ihre Pläne doch für grundfalsch hielt.

Nicht zum ersten Mal offenbart die SPD einen würdelosen Umgang mit ihren (gescheiterten) Spitzenleuten. Auch bei Torsten Albig konnte man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass mancher in der Partei heilfroh war, dass der Mann kurz vor der Wahl ein törichtes In­terview gegeben hatte. Als ob die Auflage der »Bunten« rund um die Kieler Förde so hoch und eine Wahlpleite derart billig plump zu erklären wäre.

»Schießt nicht auf den Mann am Klavier«, hatte Gerhard Schröder seiner Partei vor Jahren einmal empfohlen – beherzigt wird sein Ratschlag so gut wie nie. Vielleicht sollten sich die Sozialdemokraten, die die CDU nur zu gern als »Kanzlerwahlverein« verspotten, langsam mal fragen, ob ihr Zustand womöglich auch etwas mit der eigenen Stillosigkeit zu tun hat.

Man darf gespannt sein, ob der Dortmunder Parteitag noch etwas für Hannelore Kraft übrig hat – etwa ein Zeichen der Solidarität unter Menschen, die sich gerne Genossen nennen. Für die SPD wäre es je­denfalls ein Armutszeugnis, wenn Armin Laschet am Dienstag als frisch gewählter CDU-Ministerpräsident am Ende der Einzige sein sollte, dem eine angemessene Würdigung der Politikerin Hannelore Kraft gelingt.

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