Fr., 30.06.2017

Kommentar zur Ehe für homosexuelle Paare Ein guter Tag für unsere Gesellschaft

Stammbuch der Familie.

Stammbuch der Familie. Foto: dpa

Von Ulrich Windolph

Das ist ein guter, das ist ein wichtiger Tag für viele schwule und lesbische Paare: Endlich dürfen sie sich nicht nur »verpartnern«, sondern sie dürfen heiraten. Der Unterschied mag klein erscheinen, doch ist er von immenser symbolischer Bedeutung.

Für diese Gleichstellung haben Homosexuelle lange gekämpft – mit großem Einsatz und gegen alle Widerstände. Respekt allein dafür! Ihr Kampf – immer auch ein Kampf um Anerkennung und eine würdevolle Behandlung – hat sich gelohnt.

Auch wenn der Erfolg jetzt vollkommen überraschend und unter unwürdigen politischen Begleiterscheinungen zustande kam.

Die Zeit war reif

Doch ist es nun auch ein guter Tag für unsere Gesellschaft? Ich sage: Ja. Die Zeit war reif für diese Entscheidung, die keine Realität setzt, sondern vielmehr die Realität abbildet. Die Mehrheit der Bevölkerung ist längst so weit.

Und womöglich sollten all jene, die Zweifel haben oder der Ehe für homosexuelle Paare ablehnend gegenüber stehen, den Blick stärker auf das Verbindende richten: Gerade für Konservative kann es ein ermutigendes Zeichen sein, wenn Menschen das Institut der Ehe so wichtig ist.

Begriff bleibt problematisch

So richtig der Beschluss ist, so problematisch bleibt der Begriff »Ehe für alle«. Ich lehne ihn ab, denn »alle« – das könnten auch Geschwister sein. Und »alle« – warum soll das nur zwei und nicht mehrere Personen umfassen? Eine »Ehe für alle« in diesem Sinne darf es nicht geben. Politik handelte unverantwortlich, wenn sie nicht danach fragen und Haltelinien markieren würde.

Wer aber schon die Fragesteller diffamiert, der erweist weder den Homosexuellen noch der Kultur unseres Landes einen Dienst. Die Keule der »Homophobie« trifft nicht selten die Falschen.

Eine fragwürdige Figur

Der guten Sache zum Trotz hat Angela Merkel in dieser Woche eine fragwürdige Figur abgegeben. Eine CDU-Kanzlerin, die sich im Talkshow-Format einer Frauenzeitschrift verplappert und so einen gültigen Parteitagsbeschluss und den Koalitionsvertrag gleich mit pulverisiert.

Wer soll das denn bitte glauben? Merkel hat schlicht nicht mit der Reaktionsschnelligkeit ihres Noch-Koalitionspartners gerechnet und saß in der Falle.

Nicht viel besser: eine SPD, die im Wahlkampfmodus etwas tut, was sie die vergangenen vier Jahre hätte tun können, aber nie zu tun wagte. Kaltes Kalkül allerorten, der ellenlangen Verschleppung folgt eine Politik im Schweinsgalopp.

Mehr Ernsthaftigkeit verdient

Schade, dieses Thema hätte mehr Ernsthaftigkeit verdient gehabt. Das aber müssen die Verantwortlichen jetzt mit ihrem Gewissen ausmachen. Dennoch: Die Ehe zwischen Mann und Frau wird allein durch die Ehe für homosexuelle Paare keine Entwertung erfahren.

Erstere bleibt die einzige Verbindung zweier Menschen, aus der auf natürliche Weise neues Leben hervorgehen kann. Ein Verzicht auf Diskriminierung ist etwas anderes als ein Verbot von Differenzierung. Gleichstellung ist etwas anderes als Gleichmacherei, vor der man nur warnen kann.

Liebevolle Erziehung

Zum Fortbestand unserer Gesellschaft ist aber nicht nur die Zeugung von Kindern, sondern auch ihre liebevolle Erziehung und ihre Begleitung in ein hoffentlich selbstbestimmtes, freies Leben notwendig.

Dabei können heterosexuelle Paare so scheitern, wie homosexuelle Paare erfolgreich sein können – und umgekehrt natürlich. Rechtlich bleiben die Folgen der Ehe für homosexuelle Paare überschaubar. Die gemeinsame Adoption von Kindern wird ihnen nun ermöglicht. Ansonsten waren schon die eingetragenen Lebenspartnerschaften der Ehe angeglichen.

Respekt entsteht nicht auf Beschluss

Einer möglichen Überprüfung durch das Verfassungsgericht sollte das Gesetz also standhalten. Hält aber auch unser alltäglicher Umgang mit Homosexuellen einer kritischen Betrachtung stand? Wohl kaum.

Solange Bezeichnungen wie »Du schwule Sau« zum Standard-Repertoire auf Schulhöfen und Sportplätzen gehören, ist nichts, wie es sein sollte. Respekt vor sowie Achtung und Toleranz gegenüber unserem Nächsten entstehen eben leider nicht allein auf Beschluss des Deutschen Bundestages. Respekt, Achtung und Toleranz gehen uns alle an – und sie müssen von uns allen ausgehen. Immer wieder neu!

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