So., 20.08.2017

Kommentar zu türkischen Provokationen Erdogans Verhalten ist unerträglich

Recep Tayyip Erdogan.

Recep Tayyip Erdogan. Foto: dpa

Von Ulrich Windolph

Man kann über Sigmar Ga­briel manches Schlechte sagen – aber in Sachen Türkei-Politik gibt der SPD-Außenminister momentan eine ausgezeichnete Figur ab. Von ihm kommen die Ansagen, die man sich auch von Kanzlerin Angela Merkel öfter wünschen würde.

Erst am Wochenende machte Gabriel deutlich, dass die Bundesregierung den zuletzt eingeschlagenen härteren Kurs ge­genüber der Türkei langfristig fortsetzen müsse. »Wir dürfen nicht glauben, dass das in ein paar Wochen erledigt ist.«

Und als er das sagte, wusste Gabriel noch gar nichts von dem Fall des in Spanien festgenommenen deutschen Schriftstellers Dogan Akhanli . Auch wenn Akhanli unter Auflagen wieder frei ist und die deutsche Diplomatie vor und hinter den Kulissen alles versucht, die Spanier von einer Auslieferung Akhanlis an die Türkei abzuhalten, steht fest: Recep Tayyip Erdogan sucht die Provokation. Und er wird sie weiter suchen.

Unverschämte Attacken

Erdogan hat schon lange ei­ne Grenze überschritten – sein Verhalten ist unerträglich, seine Attacken sind unverschämt. Im Streit um seine dreiste Einmischung in den Bundestagswahlkampf hat er am Samstag sogar noch einmal nachgelegt. Direkt an die Adresse Gabriels gerichtet, sagte der türkische Präsident: »Wer sind Sie denn, um den türkischen Präsidenten anzusprechen? Erkennen Sie Ihre Grenzen.« Selbstherrlicher und arroganter geht es kaum.

Zugleich bekräftigte Erdogan seinen Aufruf an die wahlberechtigten Deutschtürken, am 24. September nicht für CDU, SPD oder Grüne zu stimmen. Diese Parteien seien Feinde der Türkei, ihnen müsse »die beste Lektion erteilt werden«. Und: Gabriel sei »eine Katastrophe«. Eine unglaubliche Entgleisung!

Regierung hat lange stillgehalten

Lange hatte die Bundesregierung stillgehalten. Sehr lange sogar. Erst nach der Verhaftung des deutschen Menschenrechtlers Peter Steudtner im Juli wurde der moderate Kurs ge­genüber Erdogan aufgegeben. Das war auch höchste Zeit, wie sich jetzt herausgestellt hat.

Reisehinweise wurden verschärft und Firmen vor Investitionen gewarnt. Erfolg immerhin: Die Türkei ließ die Liste mit 680 deutschen Unternehmen unter Terrorverdacht zurücknehmen. Doch solange es bei den deutschen Häftlingen kein Einlenken gibt, muss es beim Kurs der Härte bleiben.

Besinnung am Bosporus?

Zu Recht schlägt Gabriel vor, den Ausbau der Zollunion zwischen der Europäischen Union und der Türkei auf Eis zu legen. Zudem soll die deutsche Förderung für Investitionen und Exporte begrenzt werden.

Es ist schlimm mit anzusehen, wie sich die Türkei unter Erdogan immer weiter von Eu­ropa (und der EU) entfernt. Doch erst wenn man am Bosporus zur Besinnung kommt, kann es eine Besserung der Beziehungen geben. Das wäre in unserem wie im Sinne dieses wundervollen (Reise-)Landes und seiner vielen gastfreundlichen Menschen gewiss wünschenswert. Wahrscheinlich ist es momentan aber leider nicht.

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