Mo., 21.08.2017

Kommentar zum Anschlag von Barcelona und Spaniens Terror-Vorgeschichte Eine Frage der Zeit

Eine Frau hält auf der Flaniermeile Las Ramblas in Barcelona an einer Gedenkstätte für die Opfer des Terroranschlags inne

Eine Frau hält auf der Flaniermeile Las Ramblas in Barcelona an einer Gedenkstätte für die Opfer des Terroranschlags inne Foto: dpa

Von Andreas Schnadwinkel

Ja, es klingt zynisch: Spanien war überfällig. Seit Jahren haben Sicherheitsbehörden vor islamistischen Attentaten vor allem in Barcelona gewarnt. Auch haben die Geheimdienste die Anschlagsziele konkret benannt: die bei Touristen beliebte Promenade Las Ramblas und die Kathedrale Sagrada Família. Trotzdem ließen sich die Morde nicht verhindern.

Spanien hat wegen der baskischen ETA-Separatisten so etwas wie Terrorerfahrung und entsprechend weitreichende Gesetze. Diese wurden nach den islamistischen Anschlägen von März 2004 in Madrid mit 191 Todesopfern verschärft.

Seitdem ist wenig passiert, weil viel verhindert werden konnte. Schon 2008 wollten radikalisierte Muslime in Barcelona Pendlerzüge in die Luft jagen, und allein nach den Pariser Anschlägen von November 2015 unternahm die spanische Polizei acht große Anti-Terror-Einsätze gegen Dschihadisten.

Ob El-Kaida oder IS: Im Denken der Islamisten ist Spanien ein von Christen besetztes muslimisches Land. Al-Andalus ist der arabische Name für den zwischen 711 und 1492 muslimisch beherrschten südlichen und mittleren Teil der iberischen Halbinsel. Das Emirat von Córdoba und seine maurischen Ausläufer reichten um das Jahr 900 von Algeciras im Süden bis nach Porto im Westen und Barcelona im Osten. Diese Herrschaftsphase gilt als Blütezeit des Islams.

Was der jüngste Anschlag in Barcelona mit dem in Madrid von 2004 gemeinsam hat, ist die politisch aktuelle Dimension. Damals vor 13 Jahren waren die Bomben kurz vor der Parlamentswahl explodiert. Das Attentat war folgenreich, denn der konservative Regierungschef José María Aznar verlor sein Amt an den Sozialisten José Luis Rodríguez Zapatero. Dass der neue Ministerpräsident die spanischen Soldaten aus dem Irak zurückrief, galt als Erfolg für die Terroristen.

Und heute? Katalonien und seine Hauptstadt Barcelona stimmen am 1. Oktober über die Unabhängigkeit der Region ab. Die Autonomieregierung will an dem Termin trotz des Anschlags festhalten, die Zen­tralregierung in Madrid lehnt das ab – wegen des Anschlags. Welchen Einfluss der Terror auf das Votum hat, ist schwer vorherzusagen. Eine Abspaltung wäre in jedem Fall eine Schwächung Spaniens und hätte Signalwirkung.

Es sieht derzeit so aus, als wäre der »Islamische Staat« (IS) schon bald ohne territorialen Herrschaftsraum. Das ist kein Grund zur Freude. Denn der inner-muslimische Konflikt zwischen Sunniten und Schiiten wird den Menschen im Irak und in Syrien erhalten bleiben – und mit jeder verlorenen Schlacht dort steigt das Risiko hier bei uns. Je weniger Gebiet der IS kontrolliert, desto stärker wird das andere Ziel verfolgt: die Schlacht weiter in die Städte Europas zu tragen.

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