Fr., 01.09.2017

Kommentar zum TV-Duell Schulz’ schmaler Grat

Martin Schulz.

Martin Schulz. Foto: dpa

Von André Best

Eine Bundestagswahl entschieden hat vermutlich noch kein einziges TV-Duell. An diesem Sonntag wird es aller Voraussicht nach nicht viel anders sein.

Angela Merkel gegen Martin Schulz in einem Live-Format vor etwa 20 Millionen Zuschauern – das einzige direkte Aufeinandertreffen verspricht zwar ganz zwangsläufig Spannung und Brisanz. Aber realistisch betrachtet sollte man vom »ganz großen« Fernsehduell zur besten Krimi-Zeit nicht zu viel erwarten.

Angela Merkel ist noch aus keinem ihrer drei TV-Duelle als klare Siegerin hervorgegangen. Dennoch wurde sie später immer Kanzlerin. Neu ist diesmal: Merkel und die Union haben vor dem Schlagabtausch laut Umfragen einen komfortablen Vorsprung von etwa 15 Prozent gegenüber Schulz und seiner SPD .

Merkels Vorteil: Erfahrung

Merkels Vorteil ist auch ihre Erfahrung. Derartige Fernsehformate sind zwar so gar nicht ihre Sache und erst recht nicht ihre Stärke, aber zuletzt, beispielsweise bei der 80-minütigen Sommerpressekonferenz mit mehr als 200 Journalisten in Berlin, hat sie bewiesen, dass sie mit Ruhe, Fachkompetenz und sogar Wortwitz überzeugen kann.

Martin Schulz muss Merkel direkt angreifen, heißt es immer. Ja, wirklich? Nein, stimmt gar nicht. Mit der direkten Konfrontation ist der Herausforderer zuletzt schon mehrfach auf die Bretter gegangen.

Der Kanzlerkandidat der SPD hat Angela Merkel vor Wochen vorgeworfen, sich vor inhaltlichen Auseinandersetzungen zu drücken. Das sei ein – Zitat – »Anschlag auf die Demokratie«. Auch der Vorwurf, Merkel sei abgehoben, hat Schulz eher geschadet als genützt. Genau da liegt sein Problem.

Politische Versäumnisse ansprechen

Er muss versuchen, Merkel zu stellen und ihre politischen Versäumnisse ansprechen. Aber, Vorsicht! Merkel ist sehr beliebt. Angriffe gegen sie können zum Nachteil für den Angreifer werden. Erschwerend hinzu kommt, dass Schulz ja indirekt sich selbst und seine Partei angreift, wenn er Merkel attackiert. Das meint die Grünen-Fraktionsvorsitzende Katrin Göring-Eckardt, wenn sie sagt, dass am Sonntag die Große Koalition »mit sich selbst spricht«.

Zuletzt haben Beobachter Martin Schulz mehrmals sehr ungehalten wahrgenommen. Nicht nur auf der Bühne im Wahlkampf. Sondern auch in Interviews. Üblicherweise geht es da nicht so kämpferisch zu. Wenn er nicht Kreide frisst, kann es eng werden für ihn.

Wir werden sehen

Die erste Frage am Sonntag geht an den Herausforderer. Das kann ein Vor-, aber auch ein Nachteil sein. Merkel wird über die Auslosung nicht unzufrieden sein. Es passt zu ihr, lieber aus der Defensive zu kommen. Viel wichtiger für die Kanzlerin ist, dass sie das letzte Wort hat. Was wird sie sagen? Sicher nicht »Sie kennen mich« wie vor vier Jahren. Auch nicht »Wir schaffen das«.

Vielleicht wird sie sagen: »Deutschland muss stark bleiben«. Wir werden sehen.

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