Do., 07.09.2017

Kommentar zur EZB-Zinspolitik Draghis Spiel auf Zeit ist gefährlich

Mario Draghi, Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB).

Mario Draghi, Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB). Foto: dpa

Von Bernhard Hertlein

Ein Autofahrer nimmt den Fuß vom Gaspedal, wenn sich der Straßenbelag ändert, die Umgebung eine andere wird oder wenn sich das Fahrzeug einer Kurve nähert. Nicht so Mario Draghi.

Der Präsident der Europäischen Zentralbank weiß, dass die Genehmigung für den massiven Aufkauf von Staatsanleihen Ende 2017 ausläuft. Die Inflationsrate hat mit 1,8 Prozent in Deutschland und 1,5 in Europa die Zielmarke von 2,0 Prozent fast erreicht.

Die Konjunktur in der EU befindet sich im vierten Jahr im Aufschwung. Der Euro hat gegenüber Dollar und Pfund eine Stärke erreicht, die bereits den Export belastet. Doch Draghi und die EZB fahren weiter ihren Kurs , bei dem sie die Volkswirtschaften mit Geld überschwemmen.

Geldschleusen offen halten

Zwar hatten die wenigsten zuletzt erwartet, dass die Währungshüter bereits im September die Zinswende einläuten. Doch eine Aussage über den weiteren Kurs beim Anleihenkauf war das Mindeste, was man von Draghi erwarten konnte.

Offenbar will er aber auch im kommenden Jahr die Geldschleusen offen halten. Die Zustimmung der Mehrheit der Staaten in der Euro-Zone ist ihm sicher – schon weil sich die Regierenden weniger Gedanken um eine Reduzierung der Ausgaben machen müssen.

An gute Zeiten gewöhnt man sich schnell

60 Milliarden Euro pumpt die EZB beim Kauf von Staatsanleihen in den Wirtschaftskreislauf – und zwar monatlich. Um den Betrag einzuordnen, hilft möglicherweise ein Blick auf den aktuellen Bundeshaushalt. 60 Milliarden Euro sind einiges mehr, als den Bundesministerien für Wirtschaft und Energie, Bildung und Forschung, Umwelt und Bau, Verkehr sowie Entwicklungshilfe (wirtschaftliche Zusammenarbeit) zur Verfügung steht – insgesamt und im ganzen Jahr.

An nichts gewöhnt man sich schneller als an gute Zeiten. Gut sind die Zeiten außer für die Staaten und ihre Finanzminister auch für private Kreditnehmer. Ob nun der Verbraucher ein Auto oder Haus kauft oder ob ein Betrieb Geld für Investitionen braucht: Natürlich erleichtert ein Zinssatz von teilweise unter zwei bis vier Prozent das Schuldenmachen.

Geld verliert an Wert

Draghi spielt auf Zeit. Je länger aber diese Phase dauert, desto größer ist der Gewöhnungseffekt. Die Gefahr, dass es am Ende zu einer Vollbremsung kommt und dass Staaten und Unternehmen ins Schleudern geraten, ist riesig.

Gegner und Leidtragende der EZB-Politik sind vor allem Banken, Sparkassen, Versicherungen und am Ende die Sparer. Weil Einlagen bei der EZB sogar mit einem Strafzins belegt werden, erhalten selbst Kleinanleger seit geraumer Zeit so gut wie keine Zinsen.

Ihr Geld verliert in der Realität sogar an Wert. Folgerichtig haben die Politiker ihre jahrzehntelangen Versuche, die Menschen zu bewegen, Geld fürs Alter zurückzulegen, weitestgehend eingestellt – eine Belastung, die noch auf die Gesellschaft insgesamt zukommen wird.

Kommentare

Briefwahl

Ich hatte ja Briefwahl beantragt. Die Unterlagen flatterten gerade ins Haus.

Mario Draghi steht erwartungsgemaess nicht zur Wahl. ;-)

Nebenbei, Obergeldscheinunterschreiber, wenn das kein Alleinstellungsmerkmal in der EU ist.

Chapeau.

Dann hab ich mir mal die Berufe der Direktkandidaten (Erststimme) angeschaut.

Diplom Volkswirt, Angestellter, Erzieher, Rentner, Bueroleiter, Diplom Wirtschaftsingenieur, Malerin.

Merkwuerdigerweise kein Rechtsanwalt und auch kein Lehrer.

Meines Wissens sollte jeoch der Bundestag einen repraesentativen Querschnitt der Bevoelkerung darstellen.

Wenn das repraesentativ ist wundert mich allerdings rein gar nichts mehr.

Wahlen

In cirka 2 Wochen sind Wahlen. Wozu eigenlich? Jemand, den ich weder direkt noch indirekt waehlen kann bzw. auf dessen Wahl bzw. Bestimmung ich nicht den geringsten Einfluß habe, ist Koenig, wurde Koenig, bleibt Koenig bis er durch einen anderen Koenig von wessen Gnaden auch immer ersetzt wird (wo ist die demokratische Legitimation?).

Will sagen, dieser Herr bzw. die Politik dieser Institution hat mehr Einfluß auf nicht nur mein Leben, als diejenigen, die gewaehlt werden oder die gewaehlt waren. Ein sehr schlechter Witz.

Und er benimmt sich auch koeniglich, indem er anscheinend macht, was er will und niemand kann oder will ihn daran hindern.

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Nun wollt ich es genau wissen und googlete nach dem Zinssatz bzw. den gestaffelten Zinssaetzen auf's Tagesgeld der Sparkasse Paderborn-Detmold.

Er war nicht so ganz einfach zu finden. Es sind aktuell, wenn denn diese Information stimmt, 0,00 % ungestaffelt, also egal wieviel Geld du dort "parkst".

Ja, das faellt als erstes ins Auge, das Wording hat sich geaendert. Frueher sparte man, legte an und heute parkt man. Und fuer's Parken muss man natuerlich (auf's Girokonto) Gebuehren bezahlen.

Ferner soll man noch einen Freistellungsantrag stellen, damit man nicht als Alleinparker bei 801 Euro Zinsen jaehrlich 25 % Abgeltungssteuer zahlen muss.

Ich hatte noch den alten Zinssatz von 0,01% im Kopf.
Um nicht unter die Abgeltungssteuer zu fallen, haette man mehr als 8 Millionen Euro auf dem Tagesgeldkonto haben muessen.
Allein, um die Kontofuehrungsgebuehr von 36 Euro fuer's Girokonto auszugleichen, brauchte man 360.000 Euro.

Jetzt schmeisst man das Geld gleich ins Klo. Das ist doch mal eine erfreuliche Nachricht.

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Wenn man nicht reich, selbststaendig, Beamter oder Sonstwas ist, bezahlt man in Deutschland den Krankenkassenbeitrag auf Einkommen bzw. Einkuenfte.

Das gilt auch fuer Langzeitarbeitslose ohne Leistungsbezug (d.h. Kein Hartz IV).

Waehrend der Krankenversicherungsbeitragssatz fuer den normalen Arbeitnehmer in den letzten Jahren nur Moderat gestiegen ist, ist fuer genannten Freiwillig Selbstversicherten der Beitrag stark gestiegen.

Grund: als Berechnungsgrundlage fuer jemanden, der nur ein geringes oder gar kein Einkommen hat, wird einsogenanntes fiktives Einkommen in Hoehe von zur Zeit um 980,- Euro zugrunde gelegt, das jedes Jahr "angepasst", also (mit welcher Begruendung eigentlich) erhoeht wird.

Bei 0,00 % Zinsen zahlt also ein Langzeitarbeitsloser ohne Leistungsbezug seinen Krankenkassenbeitrag als Freiwillig Selbstversicherter endgueltig nicht mehr aus Einkuenften in Form von Zinsen sondern gleich aus dem Sparvermoegen.

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Ohne Worte. Eigentlich wollte ich noch waehlen gehen.

Wozu eigentlich?

Draghis Spiel

Albert Einstein hat einmal gesagt, "dass die reinste Form des Wahnsinns darin beseht, alles beim Alten zu lassen und gleichzeitig zu hoffen, dass sich etwas ändert." So sehe ich auch die Geldschwemme der EZB. Ein Akt der Verzweiflung zu Lasten der Realwirtschaft, von der sich die Finanzwirtschaft inzwischen weit, sehr weit entfernt hat. Draghi fehlen einfach die Alternativen. Er steht mit dem Rücken an der Wand. Nun hat das Rezept der Reduzierung der Schuldenlast nicht geklappt und nur mit Trixen ist eine zweiprozentige Inflation annähernd erreicht worden. Das hat in der Vergangenheit schon nicht geklappt. Und so blüht die Spekulation. Die Opfer sind der Mittelstand, die Generation der Senioren und letzlich wir alle. So bedeutet das "Geldschenken" eine weitere Vermögensumverteilung von unten nach oben. Sie lassen die Märkte nur kurz aufflackern, führen aber nicht zur Stabilität. Die EZB hat das Ende der Fahnenstange noch nicht erreicht. Und so rechne ich alsbald mit der Abschreibung auf die Anleihen. Und glauben Sie nicht, dass wir dann davon profitieren. Dann wird von den Geschäftsbanken eine Bargeldgebühr gefordert und das "EZB-Aufblas-Programm" wird auf Assets (googlen) ausgeweitet. Fakt ist, die freien Märkte sind nicht zu bändigen. Und aus diesem Grunde werden neue "Blasen" und damit neue Krisen entstehen. Draghi ist " wie ein Fahrer eines luftgekühlten Autos, dessen Motor durch schnelles Fahren überhitzt ist. Um ihn abzukühlen muss er nochschneller fahren, bis ihm der Motor um die Ohren fliegt."

3 Kommentare

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