Fr., 20.10.2017

Kommentar zum Hashtag #MeToo und einer weltweiten Sexismus-Debatte Ein neuer Aufschrei mit Botschaft

Symbolbild.

Symbolbild. Foto: dpa

Von Kerstin Heyde

Der Fall des Produzenten Harvey Weinstein, der zum Symbol für Sexismus und Machtmissbrauch in der Filmbranche wurde, ist nur die Spitze eines Eisbergs. Wer das immer noch nicht glaubt, sollte sich die unzähligen Beiträge im Internet anschauen, in denen Opfer sexueller Übergriffe aktuell ihre Geschichten erzählen.

Wieder ist es ein Hashtag, also ein Schlagwort, das eine weltweite Sexismus-Debatte auslöste: Die US-Schauspielerin Alyssa Milano hat in einem Tweet Betroffene aufgefordert, sich mit dem Hashtag #MeToo (Ich auch) zu Wort zu melden. Zehntausende aus allen Schichten der Gesellschaft folgten ihrem Aufruf – zumeist Frauen, aber auch einige Männer.

Der traurige Erfolg erinnert an 2013, als nach Sexismus-Vorwürfen gegen den FDP-Politiker Rainer Brüderle ebenfalls ein Hashtag ein gewaltiges Echo auslöste. Brüderle war einer Journalistin mit dem Satz »Sie könnten ein Dirndl auch ausfüllen« zu nahe getreten. Die deutsche Aktion #Aufschrei der Feministin Anne Wizorek sammelte daraufhin tausende Tweets. Viele Opfer hatten endlich die Chance, ihr Schweigen zu brechen, sich Enttäuschung, Angst und Wut von der Seele zu schreiben.

Jetzt wieder, nur dass der Auslöser diesmal aus Hollywood kommt. Das ist weit weg. Doch auch hierzulande gibt es inzwischen tausende Reaktionen, darunter deutsche Schauspielerinnen, die öffentlich sagen, was ihnen passiert ist.

Die Filmbranche ist dabei nur einer der Schauplätze. Sexismus ist ein Alltagsproblem. Selbst Politikerinnen sehen sich dem ausgesetzt. Zuletzt bekannte die schwedische Außenministerin Margot Wallström bei Facebook: »Me too«. Und auch die Berliner Staatssekretärin Sawsan Chebli berichtete in einem Post von einem Vorfall bei einer Diskussionsveranstaltung. Ein ehemaliger Botschafter soll sie für ihre Jugend und Schönheit gelobt, aber nicht als Staatssekretärin erkannt haben.

Das Beispiel zeigt, wie schmal der Grat zwischen Kompliment und Unverschämtheit ist. Belästigung fängt immer da an, wo für einen anderen Menschen eine rote Linie überschritten wird. Jede(r) interpretiert ein Starren, ein Pfeifen oder plumpe Anmachsprüche anders.

Deshalb ist die aktuelle Debatte wichtig. Sie wird vielleicht bald wieder leiser geführt werden, aber die massenhaften Berichte von sexuellen Übergriffen in allen Bereichen der Gesellschaft sind nicht mehr wegzudiskutieren. Das Problem wird zwar damit nicht gelöst, aber es wird wahrgenommen. Die Botschaft ist: Du bist nicht allein. Du bist nicht schuld. Du kannst dir Hilfe holen. Nun müssten sich die Betroffenen nur noch öfter trauen, die Täter auch beim Namen zu nennen – so wie im Fall Harvey Weinstein.

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