Mi., 22.11.2017

Kommentar zum Mladic-Urteil Recht, nicht Rache

Ratko Mladic im Gerichtssaal.

Ratko Mladic im Gerichtssaal. Foto: dpa

Von Detlef Drewes

Es gibt keine Strafe, die Kriegsverbrechen, wie sie Ratko Mladic und andere begangen haben, aufwiegen könnten. Das UN-Tribunal konnte nicht trösten, nicht dem Bedürfnis nach Rache entsprechen, sondern nur mit rechtsstaatlichen Mitteln verurteilen. Und den Beschuldigten die Genugtuung entreißen, auch noch als Helden in die Geschichte ihrer Völker einzugehen. Mladic, Karadzic und andere – sie sind Mörder, Schlächter, aber ganz sicher keine Heroen, die ihrem Land gedient haben.

Was das Gericht leisten konnte, hat es geschafft: Es hat Kriegsverbrechen, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Völkermord benannt und dafür die höchstmögliche Sanktion verhängt. Trotz aller Versuche, die Urteile als Verunglimpfung eines ganzen Volkes hinzustellen. In Den Haag standen Mladic und andere vor Gericht, nicht das serbische Volk.

Das Jugoslawien-Tribunal war ein Versuch der internationalen Gemeinschaft, den Kriegsverbrechern auf dieser Welt zu signalisieren, dass sie für ihre Taten büßen werden. Auf der Anklagebank wurde aus vermeintlich heldenhaftem Ruhm ganz schnell einfache Mörder, die glaubten, niederste Instinkte ausleben zu dürfen, weil der Staat seine Hoheitsrechte nicht mehr ausüben konnte. Zwischen den serbischen Schergen oder Diktatoren Afrikas, die Kinder in den Krieg schickten, gibt es keinen Unterschied. Niemand kann und darf sich auf einen Freiraum von Menschlichkeit berufen. Solche Versuche hat das Tribunal enttarnt und aufgedeckt.

Vielleicht ist es ein Manko, dass das Gericht verständlicherweise immer nur Einzeltäter verurteilen konnte, nicht aber das System dahinter, an dem viele beteiligt waren: Mitläufer, Mittäter, alle jene, die Taten zu verdecken halfen. Der strafrechtliche Abschluss des Jugoslawien-Krieges mag geschafft sein. Das Leid wird die Menschen, die einst in Frieden zusammenleben, noch lange quälen. Sie brauchen noch Generationen, um vergeben und verzeihen zu können.

Denn wer die politische Dimension des Geschehenen aufarbeiten wollte, braucht eine Geschichtsschreibung, die nicht beginnt, wenn der erste Schuss fällt, sondern lange vorher. Ein letztlich künstliches Konstrukt von Völkern, die nur vom starken Druck Belgrads zu einem Staat verpflichtet waren, fiel dabei auseinander. Alte Ressentiments wurden geschürt. Als dann noch ein Machtvakuum entstand, in das Kriegstreiber mit ihrer krankhaften Logik eines Groß-Reiches eindringen können, wurde der Genozid zur entscheidenden Waffe, der keine Grenzen der Menschlichkeit mehr kennt.

Die Jugoslawien-Kriege haben Europa deshalb so getroffen, weil die Gemeinschaft der Staaten sich sicher wähnte, dass nach dem Grauen der beiden Weltkriege so etwas nicht noch einmal passieren könnte. Es war ein Irrtum, den Hunderttausende mit ihrem Leben bezahlten.

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