Do., 07.12.2017

Kommentar zur SPD Der geschwächte Chef

Martin Schulz.

Martin Schulz. Foto: dpa

Von Stefan Vetter

Die Partei-Karriere von Martin Schulz gleicht einer grandiosen Talfahrt. Er startete als politischer Messias, enttäuschte dann bei Landtagswahlen und führte die SPD in das größte Desaster, das die Partei bei einem bundesweiten Urnengang jemals eingefahren hat. Mit dem »Wunder von Würselen« verbindet sich also wenig Freud‘, aber dafür viel Leid. Eingedenk dieser Vorgeschichte gingen die Genossen auf ihrem Parteitag noch recht pfleglich mit Schulz um. Ersparten sie ihm doch ein demütigendes Ergebnis bei seiner Wiederwahl als Vorsitzender. Und sie folgten ihm nach langer Debatte zähneknirschend auf dem Weg »ergebnisoffener« Gespräche mit der Union. Trotzdem ist Martin Schulz ein geschwächter Parteichef.

Mehr als ein Dutzend Vorsitzende hat die SPD seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs verschlissen – allein Angela Merkel sah in ihrer Zeit als CDU-Chefin, also seit dem Jahr 2000, acht Obergenossen kommen und gehen. Wirkliche Führungspersönlichkeiten mit Charisma sind bei der SPD rar geworden. Auch Martin Schulz fällt nicht in diese Kategorie.

Seine Parteitagsrede enthielt von allem etwas: Wunden­lecken ob des Wahldesasters, viel sozialdemokratisches Herzblut wider alle Ungerechtigkeiten in der Welt und schließlich ein verdruckstes Werben für das am Ende wahrscheinlich Unausweichliche, nämlich die Fortsetzung der Großen Koalition. Gerade davor graut vielen in der Partei. Kein Wunder, Schulz hat dieses Gefühl regelrecht kultiviert, indem er auch dann noch stramm auf Opposition machte, als die Jamaika-Verhandlungen gescheitert waren. Nun müssen die Genossen wieder runter von der Palme. Das ist schwer genug, erklärt aber auch, warum sich kein Herausforderer fand, der Schulz den Parteivorsitz offen streitig gemacht hätte. Dabei gäbe es durchaus personelle Alternativen. Fraktionschefin Andrea Nahles zum Beispiel, oder Hamburgs Bürgermeister Olaf Scholz.

Eigentlich wäre der Parteitag der richtige Zeitpunkt für eine Revolte gegen Schulz gewesen. Nur hat die SPD eben keinen Oskar Lafontaine mehr. Der putschte im Jahr 1995 Rudolf Scharping weg, um der Sozialdemokratie wieder neues Leben einzuhauchen. Dagegen soll Schulz nach Lesart seiner innerparteilichen Widersacher den Scherbenhaufen selbst wegkehren, den er angerichtet hat. Ob die vielbeschworene Erneuerung der SPD so gelingen kann, ist sehr zweifelhaft.

Übrigens: Schulz sollte dabei bleiben, nicht Minister in einem Kabinett unter Merkel zu werden. Dadurch würde er sich wenigstens ein Stück Glaubwürdigkeit bewahren. Jenseits der Kabinettsdisziplin ließ sich auch die sozialdemokratische Seele viel besser streicheln. Und einen Seelentröster kann die Partei auch in Zukunft gut gebrauchen.

Schulz kann das. Wenigstens dafür ist er der richtige Mann. Einstweilen.

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