Di., 19.12.2017

Meinung Abiturienten in der Falle

Der Erste Senat des Bundesverfassungsgerichts hat in Karlsruhe das Urteil über die Zulassungsbeschränkung (Numerus clausus) beim Medizinstudium verkündet.

Der Erste Senat des Bundesverfassungsgerichts hat in Karlsruhe das Urteil über die Zulassungsbeschränkung (Numerus clausus) beim Medizinstudium verkündet. Foto: dpa/Sina Schuldt

Von Hagen Strauß

Die Debatte um den Numerus clausus, die Karlsruhe mit seiner Entscheidung ein stückweit grundsätzlich angestoßen hat, ist eng verknüpft mit der Debatte über Wert und Qualität des Abiturs. Die Schüler werden von Generation zu Generation klüger und kompetenter, sie entwickeln neue Fähigkeiten, was sich positiv auf ihre Leistungen auswirkt. Jedenfalls lassen Expertisen wie die Pisa-Studie keinen Niveauverlust erkennen. Da also immer mehr Schüler die allgemeine Hochschulreife erlangen, wurde der NC für viele Studiengänge eingeführt, und er wurde wie im Falle der Humanmedizin durch zusätzliche Zugangsmöglichkeiten ergänzt.

Nur: Wer Medizin studieren will, braucht nicht nur ein Spitzen-Abitur, sondern Glück im Bewerbungsverfahren und jede Menge Zeit für jede Menge Wartesemester. Denn die Studienplätze reichen nicht aus. Mit einem NC wird der Mangel mehr oder minder geschickt verwaltet. Das ist das zentrale Ärgernis, auf das das Karlsruher Urteil indirekt hinweist.

Echtes Interesse und Engagement müssen gewertet werden

Ein Land, das gewollt immer mehr Abiturienten hervorbringt, das die Bildung als eines seiner wichtigsten Ressourcen ansieht, steht in der Pflicht, an seinen Hochschulen notwendige Kapazitäten vorzuhalten. Fehlen diese, wird zuerst beim Auswahlprozess angesetzt – die Abiturnote als Hauptkriterium für den Zugang zu einem Studiengang zu nehmen, ist bequem. Ein guter Abi-Durchschnitt kann jedoch nicht wichtiger sein als echtes Interesse und Engagement, das sich zum Beispiel durch ­ehramtliche Arbeit bei Rettungsdiensten zeigt.

Weil es aber in der Auswahlpraxis oft anders ist, bleibt manch begabter Schulabgänger, der sich für den Beruf tatsächlich berufen fühlt, in der Numerus-clausus-Falle stecken. Zwar haben die Universitäten die Möglichkeit, ihre Studierenden ebenfalls durch Gespräche auszuwählen und ihre Motivationslage zu prüfen, aber solche Verfahren sind komplex, aufwendig und teuer.

Gerechtigkeitsdefizit wird über NC fortgeschrieben

Hinzu kommt, dass das Gerechtigkeitsdefizit, das es beim Zugang zur Bildung gibt, über den NC fortgeschrieben wird. Schon das Schulsystem fördert vor allem jene, die nicht aus bildungsfernen Familien kommen, in denen also auf Noten geachtet wird. Und es bestraft die Schüler, die nicht auf die Hilfe ihrer Eltern zählen können. Der NC trägt zur Undurchlässigkeit des Systems bei. Das gehört zur Wahrheit dazu, wenn man über Chancengleichheit im Studium diskutiert.

Was gegen das schnöde Aussieben hilft, ist simpel: bessere Konzepte für den Studienzugang und mehr Geld für mehr gute Studienplätze. Damit im Umkehrschluss mehr der vielen Abiturienten die Möglichkeit bekommen, ihren Traumjob auch studieren zu können. Karlsruhe hat dafür schon einmal die Tür etwas aufgestoßen.

Kommentare

Diese Diskussion ist geschlossen. Kommentieren ist nicht mehr möglich.

Google-Anzeigen

© WESTFALEN-BLATT
Vereinigte Zeitungsverlage GmbH

Alle Inhalte dieses Internetangebotes, insbesondere Texte, Fotografien und Grafiken, sind urheberrechtlich geschützt. Verwendung nur gemäß der Nutzungsbedingungen.

Mehr zum Thema

Anzeige


http://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/5370684?categorypath=%2F2%2F2158585%2F2158590%2F2198306%2F2269031%2F