Fr., 22.12.2017

Zu Weihnachten Gespräch mit Anna

Ein Küster stellt eine Hirtenfigur in einer weihnachtlichen Krippe auf. In vielen Kirchen und Wohnzimmern stehen Krippen, die die Geburt Christi aus der Weihnachtsgeschichte erzählen.

Ein Küster stellt eine Hirtenfigur in einer weihnachtlichen Krippe auf. In vielen Kirchen und Wohnzimmern stehen Krippen, die die Geburt Christi aus der Weihnachtsgeschichte erzählen. Foto: Holger Hollemann/dpa

Von André Best

Die kleine Anna ist fast vier. Neulich stand das Mädchen aus der Nachbarschaft wieder vor unserer Haustür. Um zu fragen, ob es die Katze streicheln darf. Aber Anna hatte noch etwas anderes auf dem Herzen, wie ich später merkte. »Glaubst Du an das Christkind?«, fragte sie mich mit großen Augen. »Ja«, sagte ich. »Ich glaube fest daran.«

Wir unterhielten uns. Anna erzählte von ihrer Großmutter, die im Pflegeheim lebt, weil sie nicht mehr gut laufen kann. »Und sie erinnert sich an viele Dinge nicht mehr so gut.« Demenz. Ich musste schlucken.

Dem Mädchen geht es wie vielen Menschen. Wir machen uns Sorgen, denken an unsere Liebsten. Gerade zu Weihnachten. Dann kommt uns das sehr nahe. Dann wissen wir wieder, was wirklich wichtig ist im Leben und was nicht. Und wer für uns wichtig ist.

Gerade in der hektischen Zeit kurz vor Weihnachten hat für viele Menschen vieles Priorität, was aber eigentlich unbedeutend ist. Wir schimpfen über das Wetter. Den ärgerlichen Fleck auf dem Esstisch aus Holz. Die Beule am Auto. Wir fluchen über irgendeine Abrechnung, die angeblich falsch ist. Darüber, dass das Handy nicht funktioniert. Oder auch die Kinder, die Lärm machen. Oder den Chef, der ständig rumnervt.

Oder, oder, oder...

Es gibt Wichtigeres! Nicht die Geschenke oder das Essen sind entscheidend an den Weihnachtsfeiertagen, sondern die Menschen sind wichtig. Dass sie da sind. Dass sie hoffentlich gesund sind. Dass wir mit ihnen beisammen sein dürfen. Das ist das wahre Geschenk.

Nicht alle haben dieses Glück. Manche von uns haben ihren Liebsten oder ihre Liebste verloren. Vielleicht vor ein paar Tagen. Vor Wochen, Monaten oder Jahren. Besonders an Weihnachten erinnern wir uns gerne an die, die leider nicht mehr unter uns sind. Und wir denken an die Menschen, denen es aus anderen Gründen nicht so gut geht. Die es nicht leicht haben. Eltern mit schwerkranken Kindern. Paare, die alles dafür geben würden, überhaupt Eltern sein zu dürfen. Kinder, die gar keine Eltern mehr haben. Menschen, deren Familienangehörige krank sind.

Aber trotzdem muss das Leben weitergehen. Und trotzdem kann das Leben gut weitergehen. Wer seinen Mut verliert, verliert das Leben. Mit Optimismus, Hoffnung und Zuversicht geht vieles leichter. Ganz gleich, welches Päckchen es zu schultern gibt. Da hilft es, wenn man nicht allein ist. Und ganz allein ist niemand. Irgendwo ist immer einer, der hilft, der Mut macht, der da ist. Und wenn dieser jemand auch gerade der Postbote ist oder die Kassiererin im Supermarkt, die fragt, wie es einem geht und freundlich schöne Weihnachten wünscht. Auch ein Gottesdienst oder ein Gebet können Halt geben. Gerade in diesen Tagen.

Zeit zur Ruhe und Besinnung. Das ist so wichtig in unserer heutigen schnelllebigen Zeit. In der leider so häufig der Hass regiert. In der die Menschen sich – vor allem im Internet – gegenseitig mit Schmutz bewerfen. So, als sei das völlig normal. In der man manchmal das Gefühl haben muss, dass die Menschen das Leben nicht mehr so richtig zu schätzen wissen. Oder warum sind viele so voller Wut und Hass?

Dabei können und sollten wir dankbar sein, dass wir in Freiheit und Frieden leben dürfen. Dass die meisten von uns Kriege und Hunger zum Glück nicht erleben müssen.

Auch Anna, das Mädchen aus der Nachbarschaft, kennt so etwas nicht. Höchstens aus Erzählungen von ihrer Großmutter, die schon schlimmere Zeiten erlebt hat. Und sich aber an vieles aufgrund ihrer Demenz gar nicht mehr erinnern kann.

Anna weiß vielleicht nicht ganz genau, ob ihre Großmutter jemals wieder gesund wird. Sie hofft es aber. Das Mädchen strahlt so eine Zuversicht aus mit seinen großen Augen. Und nimmt das Leben, wie es ist. Voller Freude. Voller Mut. Und voller Tatendrang.

»Oma kann nicht richtig gehen, aber dann schiebe ich sie eben im Rollstuhl. Das macht Spaß«, sagt Anna. »Und wenn sie mal etwas nicht ganz genau weiß, dann ist das auch nicht schlimm. Das ist sogar manchmal ein bisschen witzig.«

Anna streichelt die Katze noch einmal, verabschiedet sich und ruft mir zu: »Weihnachten besuche ich Oma. Dann werde ich sie fragen, ob sie auch ans Christkind glaubt.«

Frohe Weihnachten!

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