Di., 09.01.2018

Kommentar zu 50 Jahre nach 1968 Irgendwas mit Sozialismus

Studenten demonstrieren im April 1968 nach dem Attentat auf den Studentenführer Rudi Dutschke

Studenten demonstrieren im April 1968 nach dem Attentat auf den Studentenführer Rudi Dutschke Foto: dpa

Von Matthias Meyer zur Heyde

»1968 fing der Planet Feuer.« Nun, ganz so heiß, wie uns Daniel Cohn-Bendit das Menü serviert, wurde es dann doch nicht gegessen. Aber der »rote Dany«, alter 68er, hat recht: Nach 1945 und 1989 ist die 68er-Bewegung der markanteste Einschnitt in der jüngeren deutschen Geschichte. 1968 erregt noch immer die Gemüter.

50 Jahre später ließe sich Bilanz ziehen, sollte man meinen. Doch das Datum sperrt sich. Das erstaunt, denn sonst geben sich historische Zäsuren weniger spröde. 1945 – das war die Niederlage der Diktatur, die die Befreiung der Westdeutschen in der Demokratie ermöglichte. 1989 – das war die friedliche Revolution, die die Einheit aller Deutschen in Freiheit erstritt. 1968 hingegen, jenes »atemlose Jahr«, bietet kein kohärentes Bild. Die Ereignisse bleiben Collage. Die Literatur zum Thema erinnert an die Kakophonie ihre Instrumente stimmender Orchestermusiker.

Die Ratlosigkeit beginnt mit der Definition. Was war 1968? Revolte? Tumult? Linksfaschismus (Jürgen Habermas 1968)? Fundamentalliberalisierung (Habermas 20 Jahre später)? Eine Massenpsychose (Helmut Schmidt)? Die Wortmeldung hochbelesener Halbirrer (der Autor Peter Schneider)?

Man darf bilanzieren, die 68er seien in der Verfolgung ihrer politischen Ziele – Verhinderung der Notstandsgesetze, Entmachtung der alten Eliten, Mitbestimmung an den Universitäten – gescheitert. Das lag auch daran, dass Rudi Dutschke & Co. in der Formulierung dieser Ziele wolkig blieben: Irgendwas mit Sozialismus, nur so viel war klar. Die Einsicht aber, dass sich ihr Lieblingsadressat, die Arbeiter-»Klasse«, in liebevoll gepflegten Traditionen eher heimisch fühlte als im Straßenkampf, blieb den 68ern verborgen. Der Taubenzüchterverein, die Skatrunde, der Kegelklub sagten dem Mann von der Straße mehr als das »Kommunistische Manifest«.

Dass die Arbeiterklasse schon im Schwinden begriffen war, machte es den 68ern, einer urbanen Elite, in der Debatte nicht eben leichter. Einer winzigen Elite, übrigens. Denn das wird oft übersehen: Die Friedensdemos der 80er Jahre, die Anti-AKW-Bewegung und in jüngerer Zeit Anti-Irakkrieg und Anti-TTIP brachten Hunderttausende auf die Straße, der Sozialistische Deutsche Studentenbund (SDS) in seinen besten Zeiten gerade mal 5000. 5000 Ho-Ho-Ho-Tschi-Minh-Rufer, die nur zwei Jahre später in 5000 K-Grup­pen zerfielen, in Marxisten, Leninisten, Maoisten, Trotzkisten, Anarchisten, Antifaschisten und was der Isten mehr sind. Auch frühe Grüne krähten in der Wiege. Und diese Esoteriker sollen die Bundesrepublik auf links gezogen haben?

Lachhaft. Als Richard Nixon im Februar 1969 zu Besuch kam, feierten ihn die Berliner wie einen Popstar. Kreischende Bürger am Ku’damm! 1968 war gerade erst vorbei! Man reibt sich die Augen: Offensichtlich war alle Vietnamkriegskritik wirkungslos verpufft.

Aber merkwürdig: So unscharf 1968 in Erinnerung ist, so prononciert wird das Urteil verkündet. Die 68er haben die Adenauerrepublik aus dem Dunkel des Faschismus ins Licht der Moderne geleitet, die Freiheit führt das Volk – zu Frieden, Solidarität und Gerechtigkeit, zu BAFöG, Frauenemanzipation und der Ehe für alle. Oder doch nicht? Sind nicht Dutschke und seine Spießgesellen viel eher schuld an allem, was uns sauer aufstößt, am Zerfall der Familie, an Egomanie, Respektlosigkeit, Bildungsnotstand, Globalisierungsärger und überhaupt?

Gerade erst schrieb ein Gymnasiallehrer stolz an die FAZ, er setze seinen Oberstufenschülern in der Klausur gerne Äußerungen des NS-Studentenbunds aus den 20ern vor – in der Gewissheit, die Schüler würden die braunen Zitate den Roten zuschreiben. Lernziel: 68 ist dasselbe wie 33, nur neuer.

Ferdinand Kirchhof, Vizepräsident des Bundesverfassungsgerichts, ist nicht der einzige, der die allgegenwärtige Moralisierung der Gegenwart durch die Gesellschaft beklagt: Kenntnis tritt zurück zugunsten des Urteils. Vor dem Wissenserwerb kommt der Zeigefinger. Wenn die Publikationen des Jahres 2018 dazu beitragen, diese Reihenfolge umzukehren, ist schon viel gewonnen.

Mögliches Vorbild: Ralf Dahrendorf. Der Soziologe († 2009) hat vor 50 Jahren mit Rudi Dutschke diskutiert, getreu seiner Überzeugung, dass jede Position, deren Gegenteil nicht zumindest erörtert worden ist, eine schwache Position ist.

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