So., 04.02.2018

Kommentar zur Mauer Das deutsche Lehrstück

Symbolbild.

Symbolbild. Foto: dpa

Von Werner Kolhoff

Der Mensch gewöhnt sich an alles. Wirklich? Ich fuhr oft mit dem Fahrrad an der Berliner Mauer entlang, von Westen. Es war mein Arbeitsweg, schön ruhig. Man sah sie praktisch nicht, sie gehörte dazu. Wir picknickten manchmal im Niemandsland. Wir dachten nicht oft an die Menschen hinter der Mauer. Wir wohnten in Kreuzberg, wo die Mieten wegen der Grenzlage so billig waren. Als nach der Maueröffnung dort bestimmte Straßen wieder in Betrieb genommen werden sollten, gab es Proteste. Man wollte, dass alles so bleibt.

Am 9. November 1989, als sich die Mauer öffnete, strömten die bisher Eingesperrten überglücklich auf uns zu. Abertausende. Sie riefen »Wahnsinn«, das Wort der Nacht. Viele weinten. Ich dachte: Wir haben da wohl etwas übersehen. Sie jedenfalls hatten sich nie gewöhnt. Sie hatten sich vielleicht mit dem Zustand arrangieren müssen. Aber sie hatten ihn nie akzeptiert.

Heute ist die Mauer genauso lange weg, wie sie gestanden hat. 28 Jahre und knapp drei Monate. Erich Honecker, der letzte Diktator der DDR, sagte Anfang 1989: »Die Mauer steht noch 50 und auch noch 100 Jahre.« So kann man sich irren. Zehn Monate später waren beide weg: Mauer und Honecker.

Die Berliner Mauer ist ein epischer deutscher Beitrag für die Moral dieser Welt, diesmal ein tröstender. Deshalb strömen Millionen von Touristen jedes Jahr an die alten Schauplätze. Dieser Beitrag handelt von der Hybris der Herrschenden, die sich und ihre Herrschaft für ewig halten. Ihre kurzsichtige Ideologie, ihre zur Schau gestellte Wichtigtuerei, ihre meist nur notdürftig kaschierte Selbstbereicherung.

Wie sich zeigt, ist nichts ewig, und darin liegt eine große Hoffnung. Aktuell für die Menschen in Nordkorea, im Iran, in Russland, in der Türkei, in vielen anderen Ländern. Regime kommen und gehen. Selbst in der einbetoniertesten Diktatur gibt es Veränderung. Manchmal kommt sie von außen, zum Beispiel über das Internet, manchmal von innen.

Man muss mit Diktaturen zurechtkommen. Innen wie außen. Aber man darf Repression und Fremdbestimmung nie anerkennen. Der Versuch war richtig, die Mauer durch Verhandlungen durchlässiger zu machen. Aber manche sind in der alten Bundesrepublik damals auch zu weit gegangen. Sie haben Verträge geschlossen und den Gedanken »Die Mauer muss weg« verdrängt. Es waren durchaus ehrbare Motive, und dennoch waren sie falsch.

Vor allem aber ist die Mauer ein Lehrstück über den Freiheitsdrang. Freiheit ist der Kern, in all ihren Facetten. Freies Reisen. Freie Meinungsäußerung. Freie Religionsausübung. Freie Sexualität. Man kann das alles unterdrücken, bis fast auf Null. Es bricht sich dennoch irgendwann wieder Bahn. Der Mensch beseitigt das Unerträgliche, sobald er die Chance dazu hat. Wie beim Fall der Mauer vor 28 Jahren, zwei Monaten und 26 Tagen.

Kommentare

Diese Diskussion ist geschlossen. Kommentieren ist nicht mehr möglich.

Google-Anzeigen

© WESTFALEN-BLATT
Vereinigte Zeitungsverlage GmbH

Alle Inhalte dieses Internetangebotes, insbesondere Texte, Fotografien und Grafiken, sind urheberrechtlich geschützt. Verwendung nur gemäß der Nutzungsbedingungen.

Mehr zum Thema

Anzeige


http://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/5486190?categorypath=%2F2%2F2158585%2F2158590%2F2198306%2F2269031%2F