Mo., 16.04.2018

Kommentar zum Musikpreis »Echo« Wer ist hier bestürzt?

Klaus Voormann (l) gewinnt den Echo Lebenswerk und bekommt diesen von Wolfgang Niedecken bei der 27. Verleihung des Deutschen Musikpreises Echo überreicht.

Klaus Voormann (l) gewinnt den Echo Lebenswerk und bekommt diesen von Wolfgang Niedecken bei der 27. Verleihung des Deutschen Musikpreises Echo überreicht. Foto: dpa

Von Matthias Meyer zur Heyde

Es hat Zeiten gegeben, wenn da einer so tolle Mucke machte, dass alle Leute in den Laden rannten und die tolle Scheibe kauften, dann schickten die Plattenfirmen dem Musiker eine Goldene Schallplatte. Und wenn der Reporter aufkreuzte, um eine Homestory zu machen, dann sagte der Musiker im Brustton der eigenen Wichtigkeit so was wie: meine Villa, meine Yacht, meine Schallplatten. 1992 fanden die Plattenfirmen dieses Prozedere so öde, dass sie die »Echo«-Gala erfanden, und seither gibt es im deutschen Unterhaltungsfernsehen jedes Jahr eine weitere Totgeburt.

Eine idiotische Idee: Da werden nicht Künstler für tolle Mucke bepreist, sondern für viele verkaufte Scheiben – man feiert nicht die Kunst, sondern das firmeninterne Marketing. Wer will das wissen? Richtig: niemand. Also wird, wenn’s irgend geht, ein Skandälchen eingebaut. 2013 lud man die Ultrarechtsrocker von »Freiwild« ein, und als alle Welt Zeter und Mordio schrie, lud man die Band wieder aus. 2014 lud man sie wieder ein, aber da wollte »Freiwild« nicht. 2016 gab’s dann doch den »Echo« – aufgeregte Schlagzeilen inklusive. 2017 war Xavier Naidoo an der Reihe: »Echo« für gereimte Dummheiten über den (jüdischen) »Baron Totschild«.

So bleibt man im Gespräch. Deswegen wäre es naiv zu glauben, die Nominierung von Kollegah und Farid Bang sei ein Versehen. Florian Drücke, Chef des Bundesverbandes Musikindustrie (BVMI), ist auch ganz sicher nicht »bestürzt«. Das muss er zwar sagen, das gehört zum Betroffenheitsritual, aber wenn gerade keiner guckt, freut sich der Mann wie Bolle. Besonders über die gestiegenen Zuschauerzahlen, eine halbe Million mehr als 2017.

So weit, so vorhersehbar.

Wer was auf sich hält, zeigt jetzt mit dem Finger auf die beiden »Ekelrapper«, wie sie der ARD-Unterhaltungskoordinator Thomas Schreiber nennt. Worüber niemand spricht – auch nicht »Tote Hosen«-Frontmann Campino –, ist der Umstand, dass Songs, in denen man aufgefordert wird, »mache mal wieder ’nen Holocaust, komm an mit dem Molotow«, offenbar von Millionen im Lande gekauft werden – andernfalls gäbe es den »Echo« ja gar nicht. Diese Millionen im Lande, die Geschmackloses über KZ-Opfer goutieren, werden gar nicht erwähnt – auch nicht von Campino, der bei der Gala zwar hyperventilierte, aber weiterhin seine Kirmesmusik verkaufen will, weswegen er sich Kritik an den Hörern, nein: Käufern da draußen gar nicht leisten kann.

Dräut ein moralisches Problem, gründet der Deutsche sofort einen Ethikrat. So auch hier. Der Rat aber konnte gar keinen Skandal erkennen. Wie auch? Schließlich geht es beim »Echo« ums Geschäft. Und wenn Ökonomen wie die vom BVMI ihre stumpfe Kommerzvergoldung betreiben, haben Anstand, Sitte und Moral Sendepause. Nächstes Jahr wieder.

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