Do., 14.06.2018

Meinung Es ist diese Aalglätte, die nervt

Gianni Infantino.

Gianni Infantino. Foto: dpa

Von Friedrich-Wilhelm Kröger

Wo sollen schon sonst echte Männerfreundschaften entstehen, wenn nicht beim Fußball? Noch besser ist, wenn gerade die WM beginnt. Da kommen dann solche Sätze wie: »Ein ganz, ganz, ganz, ganz großes Dankeschön, für Ihre Begeisterung. Dank Ihnen haben wir das Gefühl, dass wir Teil eines Teams sind.« Dreimal dürfen sie raten, wer da wem schmeichelte. Gianni Infantino, Präsident des Fußball-Weltverbandes, fiel auf die Knie vor Kreml-Chef Wladimir Putin.

Der Schweizer Funktionär versuchte auch noch, witzig zu sein. Sein Bonmot zum Turnier: »Russland bringt den Mythos der Unbesiegbarkeit mit sich. Aber die Breaking News von heute ist, dass Russland erobert werden wird. Russland wird vom Fußball erobert werden.« Junge, Junge. Da wackelt jetzt ein Weltreich. Und es versteht sich von selbst, dass die Fußball-Familie wieder einmal vor nicht weniger steht als dem schönsten Event, das es je gab auf diesem Planeten. Auch das: Original-Einschätzung Infantino. Die verbale Schleimspur zieht sich aus dem Fifa-Sitz Zürich direkt bis nach Moskau.

Ob die Herrscher über Fußball und Russland wirklich glauben, die Menschen seien dumm genug, alles zu glauben, was ihnen weisgemacht werden soll? Noch zu verstehen ist, dass sich Fans in den nächsten vier Wochen tatsächlich nur um die Spiele ihrer Mannschaft kümmern und sich nicht um das zweifelhafte große Ganze scheren. Dennoch muss sich ein Infantino fragen lassen, warum er den emsig laufenden WM-Geldpressen alles unterordnet und sogar das eigene Bewusstsein konsequent ausverkauft. Weil auch er keinen Deut wahrhaftiger ist als manch anderer im Business.

Die russische Rolle im Syrienkrieg, die Krim-Annexion und der Konflikt mit der Ostukraine mögen für einen Sportverband auch dann niederrangig sein, wenn in diesem kritisch beäugten Land eine den Globus umspannende Veranstaltung stattfindet. Es ist diese Aalglätte, die nervt. Alles cool. So lange, buchstäblich, der Rubel rollt. Und in acht Jahren dann der Dollar. Denn die von den USA befeuerte Gemeinschaftsbewerbung mit Mexiko und Kanada für die WM 2026 hat Marokko mit doppelt so vielen Stimmen und einem ebensolchen Gewinnzuwachs aus dem Feld geschlagen.

Zum Trost: Donald Trump darf dann dem US-Wahlzyklus zufolge nicht mehr Präsident sein. Wie zum Hohn bejubelte er gestern die Wahlentscheidung der Fifa-Delegierten, dabei will der unlenkbare Regierungschef den Co-Gastgeber Mexiko per Mauer abtrennen lassen. Es ist nicht Einsicht, sondern notwendiges Übel, dass die im Prinzip abgeschaffte Weltoffenheit der USA in acht Jahren ein Kurz-Comeback feiern soll. So wird sich nach Belieben durchlaviert und gegenseitig gefeiert, auch Fußball dient den Scheinheiligen.

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