Mo., 02.10.2017

Kommentare Pressestimmen zum Katalonien-Referendum

Ein Mann liest in Barcelona in einer Tageszeitung die Berichterstattung über das Referendum.

Ein Mann liest in Barcelona in einer Tageszeitung die Berichterstattung über das Referendum. Foto: Emilio Morenatti

Von dpa

Die Katalanen wollten ihre Stimme abgegeben - und die Welt wurde Zeuge von Polizeigewalt, wie sie in Europa wohl kaum einer erwartet hätte. Internationale Kommentatoren fordern Dialog - und machen Madrid schwere Vorwürfe.

Berlin (dpa) - Die Bilder aus Spanien schockieren: Polizeieinheiten aus Madrid griffen am Sonntag hart durch und versuchten Katalanen gewaltsam am Zugang zu den Wahlurnen zu hindern.

Internationale Medien gehen davon aus, dass der heftige Polizeieinsatz den Konflikt nur verschärft habe - und die Katalanen in ihrem Wunsch nach Unabhängigkeit bestärkt. Auch Spaniens Ministerpräsident Mariano Rajoy kommt nicht gut weg. Ist der Kampf Spaniens um Katalonien nun verloren?

DEUTSCHLAND:

«Badische Zeitung»: «Wenn noch etwas im spanisch-katalanischen Verhältnis zu retten sein sollte, dann nur ohne Rajoy und seine Regierung. Sie haben Spanien an diesem Sonntag schweren Schaden zugefügt und jedes Vertrauen verspielt. Nur eine neue Regierung hätte eine Restchance, das Kind wieder aus dem Brunnen zu holen, das dort am Sonntag hineingefallen ist.»

«Mitteldeutsche Zeitung»: «Das sind keine guten Aussichten, weder für Katalonien, noch für Spanien. Und auch nicht für Europa, das bisher diesem lodernden regionalem Brand ungerührt zuschaut. Dabei könnte dieser Konflikt bald auch andere Unabhängigkeitsbewegungen in Europa, wie etwa im spanischen Baskenland oder auf der französischen Insel Korsika, beflügeln.»

SPANIEN:

«El País» (Spanien): «Die Welt schaute auf uns, und es hat ihr nicht gefallen, was sie sah. Die Bilanz für das Image der Regierung und damit auch für Spanien könnte schlechter nicht sein. Zwar hat Rajoy das Referendum über die Selbstbestimmung blockiert, aber der Preis, den er dafür bezahlt hat, ist ein schwerer Schaden für das demokratische Prestige Spaniens.»

INTERNATIONAL:

«Ta Nea» (Griechenland): «Europa beobachtet mit einer Mischung aus Aufregung, Ratlosigkeit und Verwunderung die Ereignisse in Spanien (...) Der Fall (Katalonien) wird wohl einer mit vielen Verlierern und keinem Sieger werden.»

«Times» (Großbritannien): «Die Abstimmung ist eher eine Mahnung, den Katalanen aufmerksamer zuzuhören, ihnen den Respekt zu zeigen, den sie sich wünschen, Wege zur Erweiterung der Autonomie für die Region zu finden und vielleicht auch, die EU für die Vermittlung einer Vereinbarung einzuspannen.»

«L'Alsace» (Frankreich): «Spanien hat gestern einen der schlimmsten Tage seiner Geschichte erlebt. Das ist das Ergebnis der gemeinsamen Verantwortungslosigkeit der Regierung von (Premierminister) Mariano Rajoy und der katalanischen Separatisten.»

«Rossijskaja Gaseta» (Russland): «Seit die Emotionen wegen der Abstimmung hochgekocht sind, geht es den Menschen darum, überhaupt ihre Meinung äußern zu dürfen. Madrid spricht ihnen das Recht darauf ab und verweist auf die Gesetze des Landes. Doch mehr als 80 Prozent der Katalanen geht es genau darum. «Ja zur Demokratie» war die häufigste Losung auf Transparenten, auf Stickern, an Balkonen und sonstwo.»

«Hospodarske noviny» (Tschechien): «Die Palette der Argumente für ein unabhängiges Katalonien ist nun um einen Aspekt reicher - den Zorn. Bis jetzt wäre es völlig überzogen gewesen, Parallelen zwischen dem heutigen demokratischen, prosperierenden und an der europäischen Integration teilhabenden Spanien mit der Franco-Diktatur zu ziehen. Doch nun wird es für die Katalanen zumindest auf der emotionalen Ebene einfach sein, die Gummigeschosse vom Sonntag mit den Knüppeln und der militärischen Unterdrückung General Francos zu vergleichen. Mit diesem Tag hat Spanien seinen Kampf um Katalonien verloren.»

«Rzeczpospolita» (Polen): «Wenn die Abstimmung auch nur von einem Land des vereinigten Europas anerkannt wird, fällt nicht nur die spanische Demokratie, sondern die EU selbst, die ohne die gegenseitige Loyalität ihrer Mitgliedstaaten nicht existieren kann. Es kommen Erinnerungen an die tragischen Ereignisse auf, die zum Spanischen Bürgerkrieg 1936 geführt haben.»

«La Repubblica» (Italien) - «Es muss zwischen beiden Parteien nun zum Dialog kommen, den sie beide aus bloßem politischen Kalkül bisher verweigert haben. Aber die Wunde ist tiefer geworden. Und sie hat sich entzündet: Durch das, was die Spanier als sezessionistischen Putsch definieren. Und durch das, was die Katalanen eine ungerechtfertigte Unterdrückung ihrer Grundrechte sehen.»

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