Mi., 14.06.2017

Streit um Film »Bild.de« zeigt Antisemitismus-Film - Arte nicht

Symbolbild.

Symbolbild. Foto: dpa

Berlin (dpa). Das Portal »Bild.de« hat den von Arte unter Verschluss gehaltenen Film »Auserwählt und ausgegrenzt. Der Hass auf Juden in Europa« am Dienstag für einen Tag online gestellt. Der deutsch-französische Kultursender Arte hatte den Film ursprünglich in Auftrag gegeben, sich aber wegen redaktioneller Einwände gegen eine TV-Ausstrahlung entschieden. Gegen diese Entscheidung hatte unter anderem der Zentralrat der Juden in Deutschland protestiert.

»Seit Wochen wird bis in die höchsten Ebenen der Politik über diese – von Gebührengeldern produzierte – Dokumentation diskutiert«, schrieb »Bild.de«-Chef Julian Reichelt am Dienstag über den Film. »Ohne dass die Bürger sie sehen dürfen. Ohne dass sie sich ein Urteil bilden können.« Der Verdacht liege bitter nah, dass diese Dokumentation nicht gezeigt werde, weil sie politisch nicht genehm sei, weil sie ein antisemitisches Weltbild in weiten Teilen der Gesellschaft belege, das erschütternd sei.

Arte teilte am Dienstag mit, der Sender nehme zur Kenntnis, das die Dokumentation bei »Bild.de« zu sehen sei. »Auch wenn diese Vorgehensweise befremdlich ist, hat Arte keinen Einwand, dass die Öffentlichkeit sich ein eigenes Urteil über den Film bilden kann«, hieß es in der Stellungnahme. Man bleibe aber dabei und werde den Film nicht ausstrahlen, »da er, ohne dass Arte darüber informiert wurde, gravierend von dem verabredeten Sendungskonzept abweicht.«

Auch der an der Produktion beteiligte Westdeutsche Rundfunk (WDR) teilte auf Anfrage mit, die Veröffentlichung sei mit »Bild.de« nicht abgesprochen gewesen. Ein Vorgehen dagegen sei nicht geplant. Der Sender werde aber weiter prüfen, »ob an einigen Stellen im Film hinreichend sorgfältig journalistisch gearbeitet wurde«, unter anderem welche Belege für bestimmte Tatsachenbehauptungen vorlägen oder ob einzelne Organisationen mit einigen im Film erhobenen Vorwürfen konfrontiert worden seien und ihnen die Möglichkeit zur Stellungnahme gegeben worden sei.

Die Autoren Sophie Hafner und Joachim Schroeder hatten sich laut Arte-Programmkonferenz nicht wie verabredet um den wachsenden Antisemitismus in Europa gekümmert, sondern zumeist im Nahen Osten gefilmt. Arte sei »über diese fundamentalen Änderungen bis unmittelbar vor Lieferung des Films bewusst im Unklaren gelassen« worden und habe sich dementsprechend auch nicht dazu verhalten können, lautete die Kritik des Senders schon vor einigen Tagen.

Die Filmemacher zeigen in ihrem Film Szenen vom Kirchentag in Stuttgart, von einer Demo in Berlin, Bilder von der jüdischen Gemeinschaft in der Pariser Vorstadt Sarcelles. Sie drehten sehr viel in Israel und Gaza. Einige Fragen werden angeschnitten: Was passiert mit internationalen Hilfsgeldern für palästinensische Flüchtlinge? Wollen die Palästinenser die Hilfe aus dem Ausland überhaupt noch? Wie gehen sie gemeinsam mit Israelis im Alltag mit dem Nahost-Konflikt um? Der Antisemitismus etwa in Osteuropa wird dagegen ausgeklammert. Material aus einem Ungarn-Dreh wurde nicht verwendet.

Der Zentralrat der Juden in Deutschland hatte am Mittwoch vergangener Woche die Sender aufgefordert, die Dokumentation freizugeben. Zentralrat-Präsident Josef Schuster erklärte, der Film sei vor dem zunehmenden, auf Israel bezogenen Antisemitismus höchst relevant. Ihn zu zeigen, entspreche dem Bildungsauftrag der öffentlich-rechtlichen Sender. Unter anderem hatten sich auch die Historiker Michael Wolffsohn und Götz Aly für die Ausstrahlung des Films ausgesprochen.

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