So., 15.10.2017

Der indisch-britische Schriftsteller über Donald Trump, die gefährdete Meinungsfreiheit und seine Erfahrungen nach der Fatwa Salman Rushdie: »Ich war fast mein ganzes Leben Migrant«

Der indisch-britische Schriftsteller Salman Rushdie (70) präsentiert seinen neuen Roman »Golden House« auf der Buchmesse in Frankfurt.

Der indisch-britische Schriftsteller Salman Rushdie (70) präsentiert seinen neuen Roman »Golden House« auf der Buchmesse in Frankfurt. Foto: dpa

Frankfurt (WB). Auftritte in der Öffentlichkeit sind immer noch etwas Besonderes. Seit der Fatwa durch den iranischen Ayatollah Khomeini lebt Salman Rushdie in ständiger Gefahr. Entsprechend groß war der Sicherheitsaufwand, als er jetzt auf der Frankfurter Buchmesse seinen Roman »Golden House« vorstellte. Doch er wollte sich dieser Angst nie ausliefern, sagt er im Gespräch mit Bernhard Hertlein.

Sie leben in den USA. Können Sie erklären, was dort gerade politisch vor sich geht? Wie konnte es zur Wahl von Donald Trump kommen?

Salman Rushdie: Das kam nicht über Nacht. Das war ein Prozess, der die USA spaltet. Das sogenannte Herz, also die Staaten in der Mitte des Landes, entwickelten sich ganz anders als die urbanen Regionen. Die Entwicklung hat viel damit zu tun, dass die USA zuletzt von einem Farbigen als Präsidenten regiert wurden. Hinzu kommt die Demografie. Das sogenannte weiße Amerika wird gewahr, dass es gegenüber Spanischstämmigen, Farbigen und anderen in eine Minderheitsposition kommt. Bisher waren die Weißen es gewohnt, oder hatten zumindest das Gefühl, dass sie das, was in den USA läuft, unter Kontrolle hatten. Jetzt ist die Präsidentschaft von Trump einfach nur schrecklich. Er schießt nur um sich, in alle Richtungen.

Gerade erst wieder gegen die US-Presse…

Rushdie: Gegen alle, die nur ein leises Wort der Kritik äußern.

Ist er fähig, einen Krieg zu beginnen?

Rushdie: Ja.

Also droht der Welt Ähnliches wie Nero Golden in Ihrem jüngsten Roman »Golden House«, nämlich dass das ganze Haus Feuer fängt. Nur eben global. Ist sich die Welt dessen bewusst?

Rushdie: Sie sollte es sein. Die Gefahr ist real. Wenn Trump spürt, dass er das Präsidentenamt verliert, könnte ein Krieg für ihn der einzige Weg zum Machterhalt sein.

Aber was machen die Intellektuellen in den USA?

Rushdie: Sie interessieren Trump nicht. Meine Hoffnung setze ich auf die Generäle, die ihn umgeben – dass sie erkennen, wie ernst die Situation ist, und ihn zurückhalten. Aber es ist klar, dass in den USA nur einer über Krieg und Frieden entscheidet, und das ist der Präsident. Er verfügt allein über die Codes.

Und der Schriftsteller, was macht er in dieser Situation?

Rushdie: Er versucht, den Zeitgeist zu erfassen. Dafür muss er möglichst nah am aktuellen Geschehen sein. Von Ernst Hemingway stammt die Aussage, dass der Matador den Bullen nicht auf Distanz halten, sondern ihm möglichst nahe kommen muss. Das ist natürlich gefährlich. Macht man einen Fehler, ist das Ergebnis ein Loch in die Seite. Im Augenblick ist es besonders schwierig, weil die Welt sich unglaublich schnell verändert.

Hatten Sie nicht einen Sieg Hillary Clintons vorausgesagt?

Rushdie: Noch am Wahltag, ja. Da habe ich mich geirrt, wie fast ganz Amerika – wie wohl auch Donald Trump selbst. Aber in »Golden House«, das ich vorher schrieb, siegt er. Ich habe mich geirrt, ja, aber mein Buch nicht.

Schriftsteller vor und nach der Fatwa

Salman Rushdie ist in Bombay (heute Mumbai) in einer muslimischen Familie aufgewachsen. Mit 14 kam er auf eine britische Schule nach Cambridge. Sein zweiter Roman »Mitternachtskinder« verhalf ihm zum Durchbruch als Schriftsteller.

Das nächste Buch »Die satanischen Verse« thematisierte in literarischer Form auch das Leben des Propheten Mohammed. Der iranische Ayatollah Khomeini verurteilte Rushdie daraufhin zum Tode. Das war am 14. Februar 1989.Die Fatwa gefährdete auch Verleger und Übersetzer. Im Untergrund, streng abgeschirmt, schrieb Rushdie weitere große Romane. Die Folgen der Fatwa verarbeitete er in der Autobiographie »Joseph Anton«. Jetzt erschien im C.-Bertelsmann-Verlag sein neuer Roman »Golden House«. Preis: 25 Euro.

Das Buch ist manchmal weiser als der Autor?

Rushdie: Absolut richtig. Der Sieg Trumps lag in der Logik des Romans. Ich selbst habe mich bis zum Schluss von meiner Hoffnung tragen lassen.

Zu dem, was heute den Zeitgeist bestimmt, gehört die Auseinandersetzung mit religiösem Fundamentalismus und Terrorismus. Halten Sie den Islam für reformfähig?

Rushdie: Ich weiß es nicht. Ich bin kein Islam-Experte. Ich habe mal ein Buch geschrieben, das vom Islam handelt. Das hatte unglücklicherweise gewaltige Auswirkungen auf mein ganzes Leben. Aus meiner Sicht gibt es nicht den »einen« Islam. Ja, es gibt den Wunsch von Muslimen nach Modernisierung. Das zeigte sich beim »Arabischen Frühling«. Diese Bewegung ist gescheitert. Trotzdem gibt es den Wunsch noch.

Warum ist sie gescheitert?

Rushdie: Unglücklicherweise wird ein Großteil dieser Welt von skrupellosen Machteliten beherrscht. Das Ganze ist meiner Meinung nach mehr eine Frage der Macht als der Religion.

In ihren Romanen machen Sie sich immer wieder auf die Suche nach neuen Themen, Ihre Neugierde lässt kaum etwas aus. Den Leser nehmen Sie dann mit auf ihrem Weg, neue Entwicklungen zu verstehen. Inwieweit wurden Sie von den indischen Geschichtenerzählern beeinflusst, die von Dorf zu Dorf gehen und die Menschen in ihren Bann ziehen?

Rushdie: Am Anfang sehr. Ich bin als junger Mann nach Südindien gefahren um diese Geschichtenerzähler zu beobachten. Die Weise, wie sie vortragen, ist ganz anders als sonst Geschichten erzählt werden – mit einem Anfang, einem umfangreichen Mittelteil und einem sich logisch ergebenden Ende. Indische Erzähler beginnen normalerweise mit einer Episode aus der Mystik. Dann verbinden sie diese mit einer aktuellen politischen Entwicklung, und dann mit einer Geschichte aus ihrem eigenen Leben und ihrer Familie, und wieder zurück. So verknüpfen sie vier oder fünf Erzählstränge. Und es ist unglaublich interessant, ihnen zuzuhören.

In Indien, Ihrer Heimat, spielte Ihr erster ganz großer Roman: »Mitternachtskinder«. Geboren zur Stunde der Unabhängigkeit Indiens sind diese jetzt 70. Wie sehen Sie die Entwicklung im heutigen Indien?

Rushdie: Mit großer Sorge. Der Erfolg der Politik von Premierminister Modi hat ihn enorm populär gemacht. Er hat den Charakter des Landes verändert. Indien ist nicht mehr der säkulare Staat, wie ihn Gandhi und Nehru wollten. Modi verwandelt Indien in einen nationalistischen Hindu-Staat. Kritiker werden unterdrückt, die Meinungsfreiheit immer weiter eingeschränkt. Nicht nur durch staatlichen Druck, sondern auch, indem Modis Verbündete die Medien aufkaufen. Trump reagiert sehr ungemütlich auf Kritik. Aber es gibt sie. In Indien immer weniger. In den USA ist die Entwicklung umkehrbar, und ich habe großes Vertrauen darin, dass dies geschehen wird. In Indien nicht.

USA, Indien, viele andere Staaten: Überall wird die Meinungsfreiheit eingeschränkt.

Rushdie: Das muss uns wirklich besorgt machen. 1948 haben fast alle Staaten mit wenigen Ausnahmen, darunter das kommunistische China, die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte unterzeichnet. Heute fühlt sich die Hälfte nicht mehr daran gebunden. Die Menschheit entwickelt sich in dieser Hinsicht zurück.

Die Goldens in »Golden House« sind Migranten. Migration ist ein Thema, was auch Europa sehr beschäftigt.

Rushdie: Ich war fast mein ganzes Leben Migrant. Nun lebe ich als Inder in Übersee mit einem britischen und einen amerikanischen Ausweis.

Und wo ist Ihr Zuhause?

Rushdie: In New York. New York ist voll von Menschen, die nicht in der Stadt geboren wurden. Das sind etwa zwei Drittel der Einwohner. In »Golden House« haben alle Akteure mit Ausnahme des Geschichtenerzählers selbst ausländische Wurzeln.

Wie sind Ihre persönlichen Erfahrungen als Migrant?

Rushdie: Ich kam als Schüler von Indien nach England ohne das Gefühl, Ausländer und anders zu sein. Das habe ich dort gelernt, lernen müssen. Es war schmerzhaft. In den USA machten Menschen aus Südasien bis zum 11. September 2001 kaum Erfahrung mit Rassismus. Den gab es, aber er richtete sich gegen die Einwanderer aus Afrika und ehemaligen Sklaven. Seit dem Terroranschlag auf das World Trade Center stehen alle Menschen mit brauner Hautfarbe unter Generalverdacht, Muslim und Terrorist zu sein. Sikhs, Hindus, alle sind in der Gefahr, als Araber verdächtigt und möglicherweise Opfer eines Angriffs zu werden.

Ein eher überraschendes Thema, das Sie in »Golden House« auch aufgreifen, ist die Frage nach der Geschlechteridentität.

Rushdie: In New York und vor allem in den Colleges ist das nicht überraschend. Dort gehört es zum Alltag, beim Antrag auf Zulassung für einen Studienplatz nicht nur Mann oder Frau anzukreuzen, sondern unter 17 Begriffen den richtigen für die eigene geschlechtliche Identität auszuwählen.

Siebzehn?

Rushdie: Ich glaube, sogar noch mehr. Im Kernland der USA hat man dafür kein Verständnis. Aber in New York und an den Universitäten ist die Geschlechterfrage von riesigem Interesse. Und also interessiert es mich, der ich als Mann aufgewachsen und mich immer nur so verstanden habe, auch. Zu meinem Bekanntenkreis gehören zwei Transgender, ein Mann, der eine Frau wurde, und eine Frau, die jetzt ein Mann ist. Beide sind mit ihrer neuen Identität glücklich. Das zählt. Für Inder ist das Thema nichts Neues. In Indien kennt man schon lange ein drittes Geschlecht, die sogenannten Hijras.

Klappt es dort mit dem Zusammenleben?

Rushdie: Die Hijras sind bei Hochzeitsfeiern und auch sonst im Alltag präsent. Aber ihr Gruppenleben ist auch von Geheimnissen umgeben. Die meisten Hijras haben keinen Kontakt mehr zu ihren Familien und Gemeinden.

Ihr Interesse an so vielen Themen und an dem Zeitgeist, Ihre Offenheit und Ihre Freundlichkeit sind auch deshalb faszinierend, weil Sie eine schlimme Erfahrung gemacht haben.

Rushdie: Die Fatwa liegt ziemlich viele Jahre zurück.

Und dennoch…

Rushdie: Die meisten Leute, die wie ich mit einer extremen Situation konfrontiert werden, entdecken Fähigkeiten in sich, von denen sie vorher nichts ahnten. Ich hatte zum Glück eine Familie und einen Freundeskreis, die mich in faszinierender Weise gestützt und mir geholfen haben. Niemand steht so etwas wie diese Fatwa alleine durch.

Wie hat das Ihr Schreiben beeinflusst?

Rushdie: Nicht allzu sehr. Ein Schriftsteller saugt alles auf und verarbeitet es in dem, was er schreibt. Das tue ich auch. Und trotzdem: Wenn jemand meine Bücher nacheinander in chronologischer Abfolge lesen würde, könnte er keinen Bruch durch die Fatwa feststellen.

Wie konnten Sie überhaupt weiter schreiben unter dieser Angst?

Rushdie: Die Angst war in der Tat real. Aber es hilft nicht, wenn man sich nur noch mit ihr beschäftigt. Allein mit ihr im Raum, ist man der Angst ausgeliefert. Also bin ich immer wieder zu neuen Themen aufgebrochen.

War das ein bewusster Akt?

Rushdie: In der Situation besteht die Gefahr, dass man sich als Autor entweder nur noch von Wut und Rachegedanken oder auf der anderen Seite von seiner Angst leiten lässt. Ich habe ernsthaft mit mir geredet, weil ich beides vermeiden wollte. Schließlich war ich nicht der erste und nicht der letzte Autor, der in eine solche Situation gekommen ist.

Gibt es eine Erfahrung aus jener Zeit, die Sie noch literarisch verarbeiten wollen?

Rushdie: Vielleicht schreibe ich einen Spionageroman. In jenen Jahren stand ich in sehr engem Kontakt zu Polizisten und Agenten. Ich war in den Zentralen von MI 6 und CIA. Ich war mehrmals in diesem James-Bond-Gebäude in London. Das können nicht viele Autoren von sich sagen. Also einen Spionageroman schreiben, das ist so ein geheimer Wunsch von mir. Das heißt, geheim war er bislang, bis vor einer Minute.

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