Sa., 21.10.2017

Brauchtum Stumme Zeitzeugen - Goldene Bücher und was in ihnen steckt

Der Erzbischof von München und Freising Reinhard Marx (l) hat sich in das Goldene Buch der Stadt München eingetragen.

Der Erzbischof von München und Freising Reinhard Marx (l) hat sich in das Goldene Buch der Stadt München eingetragen. Foto: Marc Müller

Von dpa

Sie sind fester Bestandteil offizieller Stadtbesuche von Prominenten - doch in der öffentlichen Wahrnehmung verkommen sie zur Randnotiz mit Foto. Dabei bergen Goldene Bücher einen historischen Schatz.

München/Neuburg a.d. Donau (dpa) - 60 Zentimeter hoch, 42 Zentimeter breit, in weißes Schweinsleder gebunden und mit Beschlägen in Goldblech: Das Goldene Buch der Stadt München ist Requisit zahlreicher prominenter Empfänge im Rathaus.

Erzbischof Reinhard Marx hat sich hier ebenso eingetragen wie Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier. Doch in der öffentlichen Wahrnehmung verkommt diese extravagante Unterschriftensammlung zur Randnotiz des Protokolls. Für Medien sind die Einträge meist ein Fototermin, inhaltlich spielen sie keine Rolle.

Der historische Ursprung ist nicht ganz klar. Hinweise reichen ins Mittelalter, als italienische Städte Adelsverzeichnisse anlegten. Genannt: Libro d'Oro. Heute verweisen die Besitzer meist auf goldene Verzierungen am Einband oder den Goldschnitt des Papiers - also den gefärbten, hauchdünnen Rand, der nur beim Blick auf das zugeklappte Buch von der Seite richtig zur Geltung kommt. Das ab 1888 geführte Gästebuch der bayerischen Landeshauptstadt hieß zunächst auch bloß «Fremdenbuch». Der Begriff «Goldenes Buch» taucht erst 1963 auf.

Heutzutage haben fast alle Kommunen und ebenso die bayerische Staatsregierung Goldene Bücher für herausragende Persönlichkeiten und Anlässe. «Es wird immer individuell angefertigt und sieht nicht überall gleich aus», erklärt die stellvertretende Chefin des Protokolls der Stadt München, Gabriele Höber.

Mit den Autogrammen werden Goldene Bücher zu schweigenden Zeitzeugen. Ihre Seiten spiegeln historische Ereignisse: ausländische Staatsgäste, erfolgreiche Sportler, weltberühmte Musiker, zurückgekehrte Raumfahrer - sie alle dürfen sich hier verewigen. Seine Signatur auf dem Büttenpapier zu hinterlassen, gilt als Ehre. Eine erhabene Form von «Ich war da». Statt Kneipenklo-Wandgekritzel ist es wohl vielmehr ein Zeugnisablegen über die eigene Anwesenheit.

So können die Goldenen Bücher auch Grund und Boden für rückblickend wenig erfreuliche Erinnerungen sein. Aus der Münchner Verwaltung heißt es etwa: «Für die gesamte Zeit des Nationalsozialismus gibt es keinen Eintrag, da die entsprechenden Seiten offensichtlich von Unbekannt entfernt wurden.» In Frankfurt am Main sind die Einträge von NS-Größen wie Adolf Hitler, Hermann Göring und Heinrich Himmler dagegen noch enthalten. Es geht aber erst nach mehreren leeren Seiten weiter - um Abstand zu diesem Kapitel der Geschichte zu wahren.

Die Einträge selbst in den güldenen Wälzern reichen vom einfachen Namenszug bis hin zu politischen Aussagen. So notierte Kaiser Wilhelm II. am 8. September 1891 in München: «Suprema lex regis voluntas!», «Der Wille des Königs ist oberstes Gesetz». Ein absolutistischer Anspruch, der den Angaben nach damals mächtig Aufsehen erregte. Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) schrieb im Februar 2009 in das Goldene Buch der Stadt Augsburg: «Die Uni-Klinik kommt!!!» Der Kinderbuchautor Janosch wiederum zeichnete auf seine Art die Bremer Stadtmusikanten ins Goldene Buch der Hansestadt.

Kurioses bieten die voluminösen Werke natürlich auch: Die Stadt Bonn etwa verrät, dass die Royals nur mit ihrem Vornamen unterschreiben. «Schließlich weiß dann schon jeder, wer da war.» Und in Stadtbergen (Landkreis Augsburg) unvergessen bleibt wohl der Eintrag von Staatssekretär Johannes Hintersberger ins Goldene Buch: mit vier Grammatik- und Rechtschreibfehlern in sechs Zeilen. Wenige Tage später folgte der zweite Eintrag - versehen mit einem Sternchen notierte der CSU-Politiker: «Fehler gemacht, erkannt, verbessert.»

Und was, wenn so ein Buch mal voll ist? Auf Sammel-Geburtstagskarten im Freundes- und Kollegenkreis findet sich immer noch in irgendeiner Ecke Platz - das geht in den ehrwürdigen Kleinoden natürlich nicht. Das Landratsamt Neuburg-Schrobenhausen stand jüngst vor diesem Problem - und hat ein neues Goldenes Buch anfertigen lassen.

Im Vorgänger erfolgte Ende September der letzte Eintrag, wie Nicole Rohleder vom Landratsamt sagt. «Derzeit wird überlegt, die Einträge und vor allem die einleitenden Texte auf den ersten Seiten, die wunderschön mit Zeichnungen unterlegt sind, zu digitalisieren und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.» Das Buch wird liegend gelagert, das Gewicht würde den Buchrücken sonst in Mitleidenschaft ziehen. Auf einer Seite des Wälzers ist eine Lücke: Bundespräsident Karl Carstens wollte den Landkreis im März 1981 besuchen, erkrankte aber. An der vorbereiteten Stelle wird nun das Fehlen der Unterschrift erklärt.

Der Nachfolger hat übrigens keinen Goldschnitt mehr. «Der Geschmack geht eher wieder zum Schlichten», sagt Buchbinderin Heike Jakob, die das Goldene Buch hergestellt hat. Ein handgemachter Goldschnitt mit Eiweiß und Blattgold, aufpoliert mit Achat, koste gut 300 bis 400 Euro. Allerdings könne ein Goldschnitt auch günstig maschinell angefertigt werden. «Das ist wirklich eine Geschmacksfrage.»

Allein schon wegen der Größe und der Dicke seien Goldene Bücher etwas Besonderes. «Da werden sich schon sehr viele Gedanken gemacht», sagt Jakob. Es gehe ja auch darum zu repräsentieren. Ein Trend, dem der Expertin zufolge inzwischen auch kleinere Gemeinden mit wenigen Tausend Einwohnern folgen - und ihr erstes Goldenes Buch anschaffen.

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