Mo., 06.11.2017

Offenes Ende: Kommissarin Charlotte Lindholm verhaftet keinen Täter Krimi ohne Auflösung – erneuter Disput um den »Tatort«

Erfolgshungrige Assistentin, übermotivierte Chefin: Susanne Bormann (links) und Maria Furtwängler als erfolglose Polizistinnen.

Erfolgshungrige Assistentin, übermotivierte Chefin: Susanne Bormann (links) und Maria Furtwängler als erfolglose Polizistinnen. Foto: ARD

Hannover (dpa/WB). Fast zwei Jahre lang gab es keinen eigenen Fall für die »Tatort«-Kommissarin Charlotte Lindholm, gespielt von Maria Furtwängler. Sonntag war sie wieder allein im Einsatz – und dann das: ein offenes Ende, ein Finale ohne Täter.

Das gab es schon öfter, »aber die Macher setzen das Mittel eher selten ein, denn es verärgert viele Zuschauer, weil es das Bedürfnis nach einem beruhigenden Ende, bei dem Recht und Ordnung wiederhergestellt sind, durchkreuzt«, sagt der Experte François Werner von tatort-fundus.de, der alle 1034 Krimis der Reihe kennt.

Ein »Tatort« dieser Art zählt zu den sogenannten Experimenten, die die ARD-Verantwortlichen auf zwei pro Jahr begrenzen wollen , wie sie kürzlich bekannt gaben. Die »Bild am Sonntag« titelte dazu: »Sehnsucht nach ›Tatort‹ wie früher«.

Immer wieder täterlose »Tatorte«

Laut Werner gab es täterlose »Tatorte« vergleichsweise häufig beim Münchener Team Batic/Leitmayr (Miroslav Nemec und Udo Wachtveitl). Legendär ist ihr Fall »Frau Bu lacht« (1995) von Dominik Graf, in dem Batic und Leitmayr bewusst die Ermittlungen verschleppen, so dass die Mörderin unbehelligt nach Thailand fliehen kann.

Und auch im ersten »Tatort« überhaupt, in »Taxi nach Leipzig« von 1970, ließ Kommissar Trimmel (Walter Richter) den Täter laufen.

Im Frankfurter »Tatort: Weil sie böse sind« (2010) sehen die Zuschauer die Kommissare Sänger und Dellwo (Andrea Sawatzki, Jörg Schüttauf) an dem vom Publikum längst identifizierten Dreifachmörder vorbeilaufen, ohne einen blassen Schimmer zu haben – der Fall geht ans LKA.

Im Ulrike-Folkerts-»Tatort: Der Wald steht schwarz und schweiget« (2012) blieb die Täterfrage bewusst offen, und der SWR machte daraus ein Online-Spiel. Doch die Mitmachlust der Zuschauer blieb verhalten.

Social Media: Zuschauer wollen verlässlichen Sonntagskrimi

Auch wenn jetzt über den Sinn von Experimenten beim »Tatort« debattiert wird: Außergewöhnliche Filme gab es in der Reihe schon immer. Es scheint aber eine neue Sensibilität und Lust an der Kritik zu geben. Nicht zuletzt in sozialen Netzwerken äußern Zuschauer ihren Unmut darüber, dass der früher angeblich verlässliche Sonntagskrimi zu oft kein normaler Krimi mehr sei .

Es gebe kaum noch »Tatorte« nach traditionellem Schema. Sprich: Mordopfer, Verhöre, Zuschauer raten mit, überraschende Wendung, Entlarvung des Täters – Ende gut, alles gut.

»Bild« fasste den Wunsch nach traditionell erzählten Krimis unter der Überschrift »Wir wollen unsere ermordete Millionärin wiederhaben!« zusammen. Allerdings gab es getötete Millionärinnen im »Tatort« schon immer selten. Die Forderung klingt eher nach einer Sehnsucht nach »Derrick«.

Maria Furtwängler agiert ungewohnt emotional

Der Dortmunder Medienrechtler Tobias Gostomzyk sagt, eine Studie von ihm zu den »Tatort«-Krimis des Jahres 2015 habe ergeben, dass mehr als 90 Prozent der Episoden ganz klassisch mit einem Tötungsdelikt begannen und am Ende der Kriminalfall ganz normal aufgelöst worden sei.

Unbeschadet des Disputs um den Inhalt: Unter der Regie von Anne Zora Berrached, einer Debütantin beim »Tatort«, liefen die Schauspieler am Sonntag zu Höchstleistungen auf.

Maria Furtwängler kennt man als kühl distanzierte Polizistin, diesmal aber kehrte ihre Figur der Charlotte Lindholm ihr Innerstes nach außen, agierte so emotional, dass sich ein ermittlungstechnischer Stockfehler an den anderen reihte. Den Mut muss eine Schauspielerin erst einmal aufbringen, so fahrig zu agieren, dass ihr (Film-)Chef sie zu Recht als »gerupftes Huhn« bezeichnen darf.

Der Grund für Maria Furtwänglers eindringlichen Auftritt lag diesmal wohl auch in ihrem Privatleben begründet: Sie engagiert sich seit langem für weibliche Opfer von Gewalt – und wurde im Prolog zu diesem »Tatort« selber übel zusammengeschlagen.

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