Do., 07.05.2015

Transplantations-Skandal: Medizinprofessor von allen Vorwürfen freigesprochen Moralisch verwerflich, rechtlich nicht

Infolge des Skandals brachen die Spenderzahlen dramatisch ein. Im ersten Quartal dieses Jahres gibt es wieder einen leichten Anstieg.

Infolge des Skandals brachen die Spenderzahlen dramatisch ein. Im ersten Quartal dieses Jahres gibt es wieder einen leichten Anstieg. Foto: dpa

Göttingen (dpa). »Er spielte Gott«, sagte die Staatsanwältin über den wegen versuchten Totschlags angeklagten Medizinprofessor. Die Richter sind dennoch von der Unschuld des 47-Jährigen überzeugt – und mahnen weitere Reformen in den Transplantationszentren an.

Es war ein Prozess, in dem die Emotionen hochkochten. Vielleicht ermahnt Richter Ralf Günther deshalb die Zuschauer im Landgericht Göttingen vor dem Urteil, »von Äußerungen des Missfallens und Gefallens abzusehen«. Dann spricht der Vorsitzende der 6. großen Strafkammer den wegen 14 Tötungsdelikten angeklagten Mediziner von allen Vorwürfen frei. Der 47 Jahre alte Leberchirurg mit den weißen Haaren ringt um Fassung. Er schaut nach rechts zu seiner Ehefrau, die ein paar Tränen der Erleichterung wegwischt.

Der im Sommer 2012 aufgedeckte Organspende-Skandal hatte den Leberchirurgen seinen Job als Leiter der Transplantationsmedizin der Uniklinik Göttingen gekostet. Und es kam für ihn noch schlimmer: Seine Manipulationen von Patientendaten wertete die Staatsanwaltschaft – bundesweit erstmalig – als versuchten Totschlag. Elf Monate saß der Mediziner in Untersuchungshaft, bis er auf Kaution freikam. 20 Monate dauerte der Mammutprozess. Das Gericht arbeitete sich durch 22 Umzugskartons voller Akten, hörte gut 100 Zeugen und neun Sachverständige.

Die Strafkammer ist überzeugt, dass der Chirurg mehrfach seine Patienten auf dem Papier kranker gemacht hatte, als sie tatsächlich waren, damit diese schneller an ein Spenderorgan kamen. Dies sei moralisch verwerflich, aber: »Die Verstöße des Angeklagten waren zum Tatzeitpunkt nicht strafbar«, sagt der Vorsitzende. Erst seit August 2013 stehen Datenmanipulationen  bei der Organvergabe unter Strafe. Doch die durch den Skandal angestoßenen Reformen gehen der Kammer nicht weit genug.

Günther betont in seiner mehr als  dreistündigen Urteilsbegründung, dass die Transplantations-Richtlinien der Bundesärztekammer gegen das Grundgesetz verstoßen. »Jedes menschliche Leben ist gleich viel wert«, sagt der Richter. Auch Alkoholiker, die noch nicht sechs Monate trocken seien, hätten ein Recht darauf, auf die Warteliste für Spenderorgane gesetzt zu werden. Tatsächlich hat die Bundesärztekammer eine Ausnahmeregelung für Alkoholiker vorbereitet.

Eine achtjährige Haftstrafe und ein Berufsverbot für den Leberchirurgen hatte die Staatsanwaltschaft Braunschweig gefordert. Als Niederlage will Sprecherin Birgit Seel den Freispruch nicht verstanden wissen. »Es wird Revision eingelegt«, kündigt sie an. Die Staatsanwaltschaft hält an ihrer Argumentation fest, dass der 47-Jährige den Tod anderer Menschen auf der Warteliste billigend in Kauf nahm, indem er seine eigenen Patienten nach vorne schummelte.

Richter Günther definiert dies dagegen nicht als Totschlag: »Der Tod eines Menschen muss durch den Täter verursacht worden sein«, sagt er. Ein Einbrecher werde auch nicht wegen Totschlags zur Rechenschaft gezogen, wenn der Eigentümer zum Tatzeitpunkt im Haus die Treppe herunterfalle und tödlich verunglücke.

Verteidiger Steffen Stern sagt zu dem Freispruch: »Ich habe nie etwas anderes erwartet.« Sein Mandant habe ausschließlich sterbenskranke Patienten operiert, die ein Spenderorgan benötigten. Positiv wertet der Verteidiger, dass das System der Organvergabe in Deutschland reformiert wurde. »Das ganze System war äußerst marode. Niemand ist für Wild-West-Manieren in diesem Bereich.«

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