So., 12.02.2017

Der Lipper ist zum Bundespräsidenten gewählt worden »Graue Effizienz« Steinmeier als Mutmacher

Bundeskanzlerin Angela Merkel grautliert Frank-Walter Steinmeier zur Wahl.

Bundeskanzlerin Angela Merkel grautliert Frank-Walter Steinmeier zur Wahl. Foto: dpa

Berlin (dpa) – Für Frank-Walter Steinmeiers Verhältnisse ist es eine relativ kurze Rede. Neun Minuten spricht der 61-Jährige zu den Mitgliedern der Bundesversammlung, die ihn gerade mit 931 von 1239 gültigen Stimmen zum Bundespräsidenten gewählt haben. Ein Wort kommt darin besonders häufig vor: Mut. »Lasst uns mutig sein, dann jedenfalls ist mir um die Zukunft nicht bange.« Das ist jetzt so etwas, wie das Motto für die fünfjährige Amtszeit Steinmeiers, die am 19. März beginnt.

Zu verdanken hat er dieses Motto einer Tunesierin, die ihm vor zwei Jahren auf einer seiner zahlreichen Reisen als Außenminister zurief: »Ihr macht mir Mut.« Das will Steinmeier jetzt weitergeben, und für einen stärkeren Zusammenhalt in Deutschland werben. Er spricht vom »Kitt in der Gesellschaft« in einer »Welt, die aus den Fugen geraten ist«.

Manche sagen, Bundespräsident sei das Amt, dass am allerbesten zu dem ruhigen, besonnenen Lipper passt, der immer vor allem eins war: ganz der Staatsmann. Der Einzug ins Schloss Bellevue krönt eine Karriere, die 1991 in Hannover mit einer denkwürdigen Begegnung beginnt.  Der im 1000-Seelen-Dorf Brakelsiek im Lipperland aufgewachsene Tischlersohn und Jurist Steinmeier trifft dort auf Gerhard Schröder, ebenfalls Jurist, ebenfalls aus einem Dorf im Lipperland, aber zu diesem Zeitpunkt schon Ministerpräsident Niedersachsens.

»Er trat anders auf als die anderen. Der kam nicht in gebückter Haltung zu mir«, sagt Schröder später. In den folgenden 14 Jahren gehen die beiden einen gemeinsamen politischen Weg - steil nach oben. Steinmeier zieht in Schröders Staatskanzlei ein, folgt ihm 1998 nach Bonn und Berlin ins Kanzleramt, wird schließlich als Chef der Regierungszentrale Schröders Dirigent der Macht.

Es ist die Zeit, aus der sein Spitzname »graue Effizienz« stammt. Der Mann mit der weißen Haarfarbe, die er seit einer komplizierten Augenoperation mit Mitte 20 hat, agiert unauffällig aber wirkungsvoll. Er gibt kaum Interviews, scheut die Öffentlichkeit, gestaltet aber die wichtigsten Regierungsprojekte wie die umstrittene Agenda 2010 maßgeblich mit.

2005 ist die rot-grüne Regierung Schröders am Ende. Der Kanzler verliert eine von ihm selbst herbeigeführte Neuwahl, sorgt aber dafür, dass »sein Mann« Steinmeier als Vizekanzler und Außenminister in die erste große Koalition unter Kanzlerin Angela Merkel (CDU) einzieht. Das Team Merkel/Steinmeier funktioniert gut – am Ende vielleicht zu gut. Von den Erfolgen der großen Koalition profitiert vor allem Merkel und fügt dem SPD-Kanzlerkandidaten Steinmeier bei der Bundestagswahl 2009 eine bittere Niederlage zu. Die Sozialdemokraten stürzen auf 23 Prozent ab, das schlechteste SPD-Ergebnis aller Zeiten.

Steinmeier wird trotzdem Oppositionsführer und kehrt vier Jahre später - wieder unter Merkel - ins Auswärtige Amt zurück. Mit sieben Jahren war er insgesamt so lange Außenminister wie vor ihm nur Hans-Dietrich Genscher (FDP) und Joschka Fischer (Grüne). »Der Name Frank-Walter Steinmeier wird mit der deutschen Außenpolitik verbunden bleiben. Er steht für Unermüdlichkeit, dafür, weiter zu verhandeln, zu vermitteln, zu überzeugen«, sagt Bundespräsident Joachim Gauck, als er Steinmeier Ende Januar seine Entlassungsurkunde übergibt.

Steinmeier ist nicht nur in der Bevölkerung so beliebt wie kein anderer Politiker. Er hat sich auch über die Parteigrenzen hinweg extrem viel Respekt erarbeitet. Selbst CSU-Chef Horst Seehofer nennt ihn inzwischen »den lieben Frank« und in der Bundesversammlung erhielt er auch Stimmen aus den Reihen von FDP und Grünen.

Steinmeiers privater Rückhalt ist seine sechs Jahre jüngere Frau Elke Büdenbender, eine Verwaltungsrichterin, die nur selten mit ihm in der Öffentlichkeit auftritt. Die beiden haben eine Tochter, Merit, die Anfang 20 ist. Sein Familienleben spielt nur einmal eine größere Rolle in der Öffentlichkeit, als Steinmeier im Jahr 2010 seiner Frau eine Niere spendet. Er zieht sich dafür zehn Wochen aus der Politik zurück, erntet viel Hochachtung und wird in den Medien als Held gefeiert.

Steinmeier weiß, was er an seiner Frau hat. Am Abend vor seiner Wahl dankt er ihr bei einem Empfang der SPD dafür, dass sie auch die nächste Karrierestufe mit ihm hinaufsteigt. »Das ist keine Selbstverständlichkeit. Ich könnte es ohne Dich nicht machen und ich hätte es ohne Dich nicht gemacht«, sagt er. Büdenbender versichert ihm im Gegenzug mit einem Augenzwinkern, dass er »keine familiäre Opposition« fürchten müsse.

Kommentare

F. W. Steinmeier wird ein guter Präsident. Er besitzt politische Erfahrung und Professionalität.
Und F. W. Steinmeier läutet jetzt A. Merkels Abgang ein bzw. macht ihn sichtbar.
Nicht einmal einen eigenen Kandidaten hat die CDU mehr auf die Reihe gekriegt. Es hat sich ausgemerkelt.
Unabhängig davon: natürlich verkommt diese Wahl zu einem Show-Event.
Es wäre aber ein leichtes, die Verfassung derart zu ändern, dass das Volk gefragt wird.

1 Kommentare

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