So., 05.11.2017

Dennis (25) und Patrick (23) Weinert aus Rheda-Wiedenbrück schildern Situation der Flüchtlinge in Bangladesch Filmemacher dokumentieren das Schicksal der Rohingya

Die Lage in den Flüchtlingscamps in Bangladesch ist äußerst angespannt: Mehr als 600 000 Rohingya leben dort inzwischen in Lagern. Sie sind auf der Flucht vor dem birmesischen Militär, das seit August mit drastischer Gewalt gegen sie vorgeht. In den Camps fehlt es ihnen allerdings an sauberem Wasser, an Lebensmitteln und Medikamenten.

Die Lage in den Flüchtlingscamps in Bangladesch ist äußerst angespannt: Mehr als 600 000 Rohingya leben dort inzwischen in Lagern. Sie sind auf der Flucht vor dem birmesischen Militär, das seit August mit drastischer Gewalt gegen sie vorgeht. In den Camps fehlt es ihnen allerdings an sauberem Wasser, an Lebensmitteln und Medikamenten. Foto: Weinert Brothers

Von Jan Gruhn

Cox’s Bazar (WB). Das Militär von Myanmar, früher Birma, geht gegen die muslimische Minderheit der Rohingya vor. 600.000 Menschen sind bislang schon über die Grenze nach Bangladesch geflüchtet. Die Filmemacher Dennis und Patrick Wei­nert aus Rheda-Wiedenbrück dokumentieren das Schicksal der Flüchtlinge.

Ein Mädchen (11) erzählt den Brüdern ihre Geschichte: Sie berichtet von Soldaten, die ihren Vater und ihre Mutter aus dem Haus zerren, sie vor ihren Augen fesseln – und dann enthaupten.

Dennis (links) und Patrick Weinert.

Dennis (25) und Patrick (23) Weinert haben auf ihren Dokumentarreisen immer wieder erlebt, was Menschen sich antun können. Kinderarbeit in den Goldminen Burkina Fasos. Menschenhandel in Osteuropa, dem Mittleren Osten und Südasien. Der Konflikt im Kongo. Abgründe.

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Das ist das Schlimmste, was wir beide je gehört haben.

Dennis Weinert

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Bewusstsein wecken

Dennis und Patrick Weinert sind Filmemacher und Dokumentar-Fotografen aus Rheda-Wiedenbrück (Kreis Gütersloh). Zurzeit leben sie in Nepal und Bangkok. Die Brüder haben bereits weltweit kriegerische Konflikte, humanitäre Krisen und kulturelle Themen dokumentiert. So haben sie zum Beispiel 2015/2016 intensiv in verschiedenen Ländern zum Thema Menschenhandel recherchiert. Ihr Dokumentarfilm »Ashes of Kivu« zeigt, wie junge Menschen im Kongo mit dem seit Jahrzehnten schwelenden Kämpfen umgehen. Die beiden Nachwuchsjournalisten wollen politisches Bewusstsein wecken. Sie haben unter anderem mit dem WDR und internationalen Medien zusammegearbeitet.

Aber das hier geht noch tiefer. »Es ist so brutal«, sagt Dennis Weinert. »Das ist das Schlimmste, was wir beide je gehört haben.« Ein Bild, das die beiden in einem Flüchtlingscamp etwa eineinhalb Stunden von der Stadt Cox’s Bazar entfernt aufgenommen haben, zeigt einen jungen Mann. Sein Hemd ist offen, der Arm steckt in einer Schlinge. Auf seiner Brust klebt ein Verband.

Eine Schusswunde, erzählt er den Brüdern. Das birmesische Militär sei ins Dorf gekommen und habe die Häuser angezündet. Als die Menschen – darunter der junge Mann und seine Familie – flüchten, eröffnen die Soldaten das Feuer. Er wird getroffen. Nur mit Glück schafft er es ins Camp über die Grenze.

Die Rohingya sind eine sunnitische Minderheit, die zu großen Teilen im Rhakine-Staat in Myanmar an der Grenze zu Bangladesh lebt. Unter der birmesischen Militärjunta wurde ihnen Anfang der 1980er Jahre das Recht auf die Staatsbürgerschaft aberkannt. Seit Jahrzehnten leiden sie unter Repressionen und Verfolgung. Trotz eines Demokratisierungsprozesses in Myanmar geht die Regierung weiter gegen die Minderheit vor.

Das hat sich auch unter der Führung von Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi nicht geändert. Seit August gibt es eine neue Welle der Aggression, Menschenrechtler sprechen von ethnischen Säuberungen. Myanmar bestreitet das. Die Vereinten Nationen (UN) rechnen damit, dass bald mehr als eine Millionen Flüchtlinge in Camps in Bangladesch leben werden. Kritiker sagen, die UN hätten die Rohingya im Stich gelassen, um den Wandel von einer jahrzehntelangen Militär-Diktatur zur Demokratie nicht zu gefährden.

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Es ist erschreckend, wie schnell man hier Geschichten findet, bei denen man von Völkermord sprechen muss.

Dennis Weinert

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In den Camps zeichnet sich für die Weinerts ein eindeutiges Bild ab. »Es ist erschreckend, wie schnell man hier Geschichten findet, bei denen man von Völkermord sprechen muss«, sagt Dennis Weinert. Den Flüchtlingen fehle es am Nötigsten: sauberes Wasser, Lebensmittel, Medikamente. Krankheiten wie Cholera drohen auszubrechen. Mehr als die Hälfte der Geflohenen sind Kinder.

Kürzlich hat eine UN-Geberkonferenz 340 Millionen-Dollar Unterstützung in Aussicht gestellt. Aber für die Hilfsorganisationen vor Ort ist das laut Patrick und Dennis Wei­nert viel zu wenig. »Die Mitarbeiter hier fragen uns als Journalisten: Warum passiert nichts?«

Die Helfer sind am Ende mit ihren Kräften. Zwar versuchen auch die Menschen aus Bangladesch, die in der Grenzregion leben, die kata­strophalen Umständen zu lindern. Sie beladen ihre Autos mit Reis und fahren in die Camps. Aber auch das sei nicht genug. Hinzu kommt, dass Bangladesch selbst immer noch zu den ärmsten Ländern Asiens zählt. Einige Rohingya erzählten von Neid und Abneigung seitens der armen Landbevölkerung.

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Die Menschen rennen in die Camps. Aber wenn sie uns sehen, bleiben sie oft stehen und schauen in die Kamera.

Dennis Weinert

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Die Dokumentarfilmer und Fotografen aus Rheda-Wiedenbrück sehen ihre Aufgabe darin, die Gesichter der Krise zu zeigen. Die Eindrücke aus den Camps sollen Teil eines Bildbandes werden. Nicht immer falle es ihnen leicht, in ihrer Rolle als Journalisten zu bleiben – das Bedürfnis zu helfen.

Wenn zum Beispiel junge Frauen von Massenvergewaltigungen berichten. Babys, die vor den Augen ihrer Mütter verbrannt werden. »Die Menschen rennen in die Camps. Aber wenn sie uns sehen, bleiben sie oft stehen und schauen in die Kamera«, sagt Dennis Weinert. »Sie wissen um die Bedeutung dieser Bilder.« Sie wollen, dass die Welt ihr Schicksal kennt.

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