Di., 19.12.2017

Auf dem Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche ist die Stimmung gedrückt Mehr Tatort als Gedenkort

Eigentlich ein ganz normaler Weihnachtsmarktabend am Berliner Breitscheidplatz – wenn die Betonpoller nicht wären. Normalität stellt sich hier nicht mehr ein.

Eigentlich ein ganz normaler Weihnachtsmarktabend am Berliner Breitscheidplatz – wenn die Betonpoller nicht wären. Normalität stellt sich hier nicht mehr ein. Foto: Andreas Schnadwinkel

Von Andreas Schnadwinkel

»Sie sehen ja, was hier los ist.« Viel ist es in der Tat nicht. Edgar Brauer klingt resigniert, während er die Feuerzangenbowle aus einem großen Kupferkessel in den roten Keramikbecher gießt. Fünf Euro plus vier Euro Pfand. Frack und Zylinder trägt der 27-Jährige – wie Heinz Rühmann in »Die Feuerzangenbowle«. Ähnlich sieht er ihm nicht, aber die Kostümierung passt, wie ein Filmplakat hinter dem Tresen zeigt. Und warum ist in der Holzhütte »Berliner Weihnachtsterrasse« so wenig los? »Wegen des Vorfalls natürlich«, antwortet Edgar Brauer ein bisschen barsch. Klar, blöde Frage.

Auf dem Weihnachtsmarkt am Berliner Breitscheidplatz ist nichts mehr so, wie es noch vor einem Jahr war – vor dem 19. Dezember 2016. Der Tag, an dem der Tunesier Anis Amri mit einem gestohlenen Lkw, dessen Fahrer er vorher getötet hatte, hier vor der Gedächtniskirche in die Menschenmenge raste und elf Menschen ermordete, hat Deutschland verändert.

Ob am Donnerstagabend oder am Freitagnachmittag – Normalität stellt sich hier nicht ein. So sehr sich das die Standbetreiber auch wünschen. Wenn es voll sein müsste, ist es allenfalls halbvoll, eigentlich leer. Das weiß auch Axel Kaiser. Der Gastronom hat mit seiner »Berliner Weihnachtsterrasse« im vorigen Jahr deutlich weniger Umsatz gemacht, weil der Markt nach dem 19. Dezember vorbei war.

Kanzlerin Merkel eröffnet Gedenkstelle

Genau zwölf Monate später wird der Markt ruhen, werden alle Buden geschlossen sein. »Dann soll die Mutti kommen und das Mahnmal einweihen«, sagt Edgar Brauer lakonisch. Am ersten Jahrestag des islamistischen Anschlags, wird Angela Merkel am Tatort eine Gedenkstelle eröffnen. Gemeinsam mit Angehörigen der zwölf Opfer aus der Ukraine, aus Polen, Israel, Italien, Tschechien und Deutschland. Derzeit nimmt das Mahnmal baulich Gestalt an: Betonstufen mit den Namen der Toten und ihren Heimatländern werden in die Treppe vor der Kapelle der Gedächtniskirche eingefügt.

Zum Mahnmal gehört auch ein 14 Meter langer Riss, der sich wie eine Narbe aus Bronze von der Stelle des Anschlags durch das Pflaster bis zum Podest der Kapelle zieht. Schwarze Platten decken die Legierung bis zur Zeremonie ab. Und irgendwie wirkt es unwürdig, wenn Lieferanten mit ihren Sackkarren die Platten ungeschickt verschieben, den Riss freilegen und dann notdürftig wieder bedecken. Geplant ist auch, dass die Hinterbliebenen eine geringe Menge geschmolzenes Gold in den Riss gießen. Eine Wunde soll sie schließen. All das soll unter Ausschluss der Öffentlichkeit geschehen.

Noch wenige Tage, dann haben die provisorischen, inoffiziellen Mahnmale ausgedient. Das letzte und größte steht auf der Treppe zwischen Gedächtniskirche und Kapelle. Zwei einfache weiß lackierte Kreuze in Buchsbaumtöpfen befestigt, vier geschmückte Weihnachtsbäume, zwei Dutzend Grablichter, Blumen und diverse Nationalflaggen, dazwischen ein Schild mit der Aufschrift »Warum?«.

Spontan gegen den Besuch entschieden

Eine polnische Schulklasse lässt sich den Ort des Attentats zeigen, das auch ihren Landsmann, den Lkw-Fahrer Lukasz Urban, das Leben kostete. Aus den Worten des polnisch sprechenden Berliner Stadtführers hört man »Anis Amri« heraus. Gestenreich beschreibt er die Schneise, die der Islamist mit dem Laster zog. Bedrückt verlassen die Jugendlichen die Stelle, die mehr Tatort als Gedenkort ist.

Immer noch entsetzt: Josefine Barisic-Sawatzky aus Höxter ist dem Anschlag entgangen. Die 26-Jährige wollte am 19. Dezember 2016 mit zwei Freunden aus Kanada zum Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz gehen. Kurzfristig überlegten sie es sich anders Foto: Andreas Schnadwinkel

Auch für Josefine Barisic-Sawatzky. Die 26-Jährige aus Höxter würde nicht behaupten, dass sie den Anschlag überlebt hat. Aber sie entschied sich spontan gegen den Besuch. »Mit meinen Gästen aus Kanada wollte ich zum Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz, weil meine beiden Freunde die Gedächtniskirche noch nicht besichtigt hatten. Wir wollten das verbinden«, erinnert sie sich.

Wegen des Jetlags der Kanadier, die kurz vorher in Berlin angekommen waren und erst einmal in ihr Hotel wollten, trennte man sich. Josefine Barisic-Sawatzky fuhr in ihre Wohnung, aß zu Abend und schaltete das TV-Gerät an. »Das zog mir den Boden unter den Füßen weg, das war unfassbar«, sagt sie und öffnet die Whatsapp-Nachrichten auf ihrem Smartphone: »Wenn ich die Texte lese, ist alles wieder präsent.

Die Kanadier sollten unbedingt im Hotel bleiben, weil ja der Täter noch nicht gefasst war. Bei Facebook schrieben wir sofort, dass uns nichts passiert war. Auch an den Tagen danach blieb das Gefühl, dass der Mörder in Berlin noch einmal zuschlagen könnte.«

Noch heute findet die Politikwissenschaftlerin, die das Büro des Höxteraner CDU-Bundestagsabgeordneten Christian Haase leitet, die Berichterstattung am Abend des Attentats seltsam: »ARD und ZDF waren viel zu spät dran und ließen alles offen, während bei CNN schon von einem islamistischen Hintergrund berichtet wurde.«

Wenn Josefine Barisic-Sawatzky und ihre Freunde sich anders entschieden hätten, wären heute vielleicht ihre Namen in die Betonstufen eingelassen. »Natürlich ist das ein schlimmer Gedanke, aber es wäre nicht ausgeschlossen gewesen. Am Breitscheidplatz wird es nie wieder so sein, wie es war. Für mich nicht und für alle anderen auch nicht.«

Standbetreiber tragen kosten für Sicherheit

Nicht nur am Anschlagsort stehen Betonsperren. Überall im Land sollen massive Poller Weihnachtsmärkte vor ähnlichen Attentaten schützen. »Feste dürfen nicht zu Festungen werden«, fordert etwa Werner Hammerschmidt, Geschäftsführer des Bundesverbands Deutscher Schausteller und Marktkaufleute (BSM). Manche Städte verpacken die Sperren dekorativ.

In Berlin beweist man Mut zur Hässlichkeit. Am Breitscheidplatz sind sie Betonpoller gar nicht oder unzureichend verhüllt. So ist sie, die Hauptstadt. Typisch auch: Die zusätzlichen Kosten für mehr Sicherheit (etwa 30.000 Euro) sollen die Standbetreiber alleine tragen. Aus dem Senat heißt es, dass der Weihnachtsmarkt eine private Veranstaltung sei und daher die Gewerbeordnung gelte. Nicht nur das ärgert die Schausteller: Wer nach dem Anschlag eine Entschädigung für eine zerstörte Bude beantragen möchte, muss sich an die Verkehrsopferhilfe wenden – weil das Attentat mit einem Fahrzeug verübt wurde.

Da ist es kein Wunder, dass der Umgang des Staates mit diesem islamistischen Anschlag vielfach als Versagen von Politik und Behörden gedeutet wird.

Die Namen der zwölf Opfer werden in zwölf neuen Betonstufen vor der Kapelle der Gedächtniskirche verewigt. Das Mahnmal wird am kommenden Dienstag, dem ersten Jahrestag des islamistischen Anschlags, im Beisein von Kanzlerin Angela Merkel eingeweiht. Foto: Andreas Schnadwinkel

Für dieses Versagen machen die Hinterbliebenen der zwölf Todesopfer Angela Merkel persönlich verantwortlich. Ihr Brief an die Bundeskanzlerin liest sich wie eine Anklage: »Der Anschlag am Breitscheidplatz ist auch eine Folge der politischen Untätigkeit Ihrer Bundesregierung. Es ist unsere konkrete Forderung an Sie, Frau Bundeskanzlerin, dass die Bundesrepublik unseren Familien unbürokratisch und umfassend hilft. Gegenüber dieser Erwartung bleibt der Umfang der aktuellen staatlichen Unterstützung weit zurück.«

Das sieht auch der »Weisse Ring« so, die größte deutsche Hilfsorganisation für Opfer von Kriminalität. »Terroropfer brauchen einen Rechtsanspruch auf Schmerzensgeld gegenüber dem Staat, der sie vor dem Anschlag nicht schützen konnte«, sagt Roswitha Müller-Piepenkötter, Bundesvorsitzende des »Weissen Rings«.

Immerhin hat die Bundesregierung mittlerweile einen Beauftragten für Opfer und Angehörige eingesetzt. Der ehemalige rheinland-pfälzische Ministerpräsident und SPD-Vorsitzende Kurt Beck betreut die betroffenen Personen und versucht zu helfen – mit bescheidenen Mitteln. Laut Bundesjustizministerium, das in der Sache federführend ist, s ollen bislang Entschädigungen in Höhe von 1,6 Millionen Euro gezahlt und das Budget auf 3,1 Millionen Euro erhöht worden sein. Beck hat seinen Abschlussbericht vorgelegt.

Jedes Lied passt besser als »Last Christmas«

Damit dürfte der Fall für die Hinterbliebenen noch lange nicht abgeschlossen sein. Für sie ist Geld nicht alles. Wenn sich statt eines Kondolenzschreibens der Kanzlerin eine Rechnung der Charité für die Leichenschau im Briefkasten befindet, dann liegt das lange auf der Seele. Auch deswegen trifft sich Merkel am Vorabend des 19. Dezember in vertraulicher Runde mit den Angehörigen. Sie weiß, dass sie etwas gutzumachen hat.

Auf dem Breitscheidplatz finden Touristen Löcher im Bauzaun und werfen Blicke auf die Stufen. Die Namen einiger Opfer kann man erkennen. Zwischen den Ständen hört man Russisch, Englisch, Polnisch und Arabisch. Das Publikum ist relativ jung und international. Außer in der »Berliner Weihnachtsterrasse«. Dort ist es relativ alt und deutsch.

An diesem Abend setzt Wirt Axel Kaiser auf Schlager. Nach draußen dröhnt »Über den Wolken« in der Version von Dieter Thomas Kuhn. So richtig passend ist hier kein Lied. Aber jedes passt besser als »Last Christmas«. Denn an das letzte Weihnachtsfest muss man hier sowieso immer denken. Leider.

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