Mi., 14.02.2018

Arye Shalicar, Sicherheitsberater der israelischen Regierung, über den Syrien-Krieg Israelischer Sicherheitsberater: »Rote Linien sind wirklich rote Linien«

Der Abschuss eines israelischen Jets vor sechs Tagen über Syrien hat die Lage verändert.

Der Abschuss eines israelischen Jets vor sechs Tagen über Syrien hat die Lage verändert. Foto: imago

Jerusalem (WB). Nach dem Abschuss eines israelischen Militärjets durch die syrische Luftabwehr droht Israel auch offiziell zur Kriegspartei in Syrien zu werden. Das wollte die Regierung des Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu vermeiden. Doch durch den wachsenden iranischen Einfluss in Syrien und im Libanon werden israelische Militärschläge in den Nachbarländern zunehmen. Darüber hat Andreas Schnadwinkel mit Arye Shalicar, Sicherheitsberater der israelischen Regierung, gesprochen.

Von wem geht an der Grenze zu Syrien die Gefahr für Israel aus?

Arye Shalicar: Wir unterscheiden zwischen Mikro- und Makro-Gefahren, also zwischen lokalen Gruppen und großen strategischen Bewegungen. Auf der Mikro-Ebene sind Terrormilizen von Al-Qaida und »Islamischer Staat« (IS) eine Bedrohung, aber eher intern auf syrischem Gebiet. Auf der Makro-Ebene stellt die schiitische Achse von Teheran bis Beirut die größte Gefahr dar. Diese Achse hat der Iran in den vergangenen Jahren ganz gezielt in Irak und Syrien aufgebaut und gestärkt. Entscheidend dafür sind die Auslandseinheiten der iranischen Revolutionsgarden, also die Al-Quds-Brigaden und die Hisbollah-Milizen. Beide haben gemeinsam mit anderen schiitischen Kampfeinheiten aus Afghanistan, Pakistan und Zentralasien in den vergangenen Jahren in Syrien ein großes Spiel gespielt und nun die Oberhand gewonnen. Syriens Machthaber Assad muss diesen vom Iran unterstützten Spielern und der Supermacht Russland dankbar sein, sonst hätte er sich nie halten können.

Arye Shalicar (40) war bis vor einem Jahr Sprecher der israelischen Armee. Seit Anfang 2017 ist er im Ministerium für Nachrichtendienst Abteilungsleiter des Bereichs internationale Beziehungen. Foto: Gadi Yampel

Ist Assad nur noch eine Marionette in den Händen Irans und Russlands?

Shalicar: Hisbollah und schiitische Milizen organisiert vom Iran und die russische Armee sind stärker als Assads Truppen. Und die Russen sind wieder eine Weltmacht, die im Nahen Osten ein Vakuum schnell gefüllt hat.

Es gibt mittlerweile einen durchgängigen und sicheren Landweg aus dem Iran, über den Irak und Syrien in den Libanon. Welche Gefahr geht von diesem schiitischen Korridor aus?

Shalicar: Diese Landverbindung benennt Israel schon seit Monaten als ernsthaftes Problem. Der Korridor wird nur hin und wieder durch Luftangriffe oder noch im Irak stationierte US-Truppe gestört. Wir nennen diesen Korridor auch Schiitischen Halbmond, der sich von Beirut nach Teheran weiter zieht über die Golfstaaten und den Jemen bis zum Gazastreifen. Überall dort nimmt der iranische Einfluss zu. Und das gefährdet die Stabilität im Nahen Osten am meisten.

Spielen die USA noch eine Rolle?

Shalicar: In der östlichen Provinz Deir al-Sur sind die USA vorige Woche Luftangriffe geflogen, weil syrische Truppen und schiitische Milizen in eine Deeskalationszone eingedrungen sind. Dabei sollen mehr als 100 Assad-treue Kämpfer getötet worden sein. Das war ein riesiger Einsatz, der uns zeigt, dass die USA präsent sind und aufpassen.

Die US-Außenpolitik unter Donald Trump wirkt aber konfus, oder?

Shalicar: Trump ist seit einem Jahr im Amt, Obama war zuvor acht Jahre US-Präsident. Die Entwicklung des Nahen Ostens und die Außenpolitik der Amerikaner gehen in erster Linie auf Obama zurück. Wenn jemand den Iranern und Russen den Raum freigemacht hat, dann Obama. Trump ist ins Weiße Haus gekommen, als die USA im Nahen Osten schon in der Defensive waren. Russlands Präsident Wladimir Putin haben ein starker politischer Wille und eine relativ kleine Streitkraft gereicht, um in Syrien das Spiel für sich zu entscheiden.

»Syrien ist das Hauptschlachtfeld der Welt«

Wie schätzen Sie die Lage in Syrien derzeit ein?

Shalicar: Syrien ist das Hauptschlachtfeld der Welt. Es gibt verschiedene Religionen, Supermächte und Regionalmächte, die sich gegenseitig bekämpfen. Ost gegen West und vor allem Schiiten gegen Sunniten. Dieser inner-islamische Kampf zwischen Iran und Saudi-Arabien ist der wahre Nahost-Konflikt.

Ist es immer noch das Ziel Irans, »Israel von der Landkarte zu radieren«, wie es der ehemalige iranische Präsident Mahmud Ahmadinedschad im Oktober 2005 gefordert und formuliert hat?

Shalicar: Ja, das gilt noch, auch wenn es nicht mehr so aggressiv gesagt und nicht mehr an die große Glocke gehängt wird. Das Mullah-Regime betreibt von Ideologie beeinflusste Machtpolitik. Die Iraner sind sich ihrer Ziele sehr bewusst und haben Geduld bei der Umsetzung ihrer Ziele. Seit der islamischen Revolution 1979 hat der Iran sich strategisch aufgestellt und ist heute in der Lage, in anderen Ländern von innen mit eigenen Kämpfern zu operieren. Das ist dem Iran im Libanon mit der Hisbollah gelungen, und das versuchen sie in Syrien genau so wie in Bahrain und Jemen.

»Wenn sich die Interessen decken, arbeitet der Iran mit jedem zusammen«

Geht es dabei nur um die Verbreitung des schiitischen Islams?

Shalicar: Nein, der Iran unterstützt sogar Al-Qaida-Gruppen oder die Hamas in Gaza, durch und durch sunnitische Gruppen. Wenn sich die Interessen decken, arbeitet der Iran mit jedem zusammen. Gaza ist für die Mullahs ein günstiger Vorposten, der wenig kostet. Wenn die Araber kein Geld geben, geht man zu den Iranern. So wird jedes Vakuum ausgefüllt.

Israel hat immer versucht, keine direkte Kriegspartei in Syrien zu werden. Ist das noch zu halten?

Shalicar: Dass es zu einem direkten Zwischenfall wie mit der Drohne kommen würde, war nur eine Frage der Zeit. Ob Türkei, Russland, Iran, Assad oder USA – jeder, der in Syrien kämpft, kennt Israels rote Linien. Und für uns sind rote Linien auch wirklich rote Linien. Wir machen nicht dabei mit, wenn der Iran in kleinen Schritten den Status Quo zu seinen Gunsten zu verändern versucht.

Wie viele rote Linien gibt es in Bezug auf Syrien?

Shalicar: Vier. Wir lassen keine Waffenlieferungen aus dem Iran über Irak und Syrien in den Libanon zu. Wir reagieren sofort auf die Verletzung unseres Luftraums. Wir werden nicht zulassen, dass der Iran sich in Syrien militärisch basiert. Wir lassen nicht zu, dass im Libanon eine iranische Raketenfabrik errichtet wird.

Kommentare

Diese Diskussion ist geschlossen. Kommentieren ist nicht mehr möglich.

Google-Anzeigen

© WESTFALEN-BLATT
Vereinigte Zeitungsverlage GmbH

Alle Inhalte dieses Internetangebotes, insbesondere Texte, Fotografien und Grafiken, sind urheberrechtlich geschützt. Verwendung nur gemäß der Nutzungsbedingungen.

Mehr zum Thema

Anzeige


http://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/5524546?categorypath=%2F2%2F2158585%2F2158590%2F2198306%2F2509831%2F2198335%2F