Di., 19.06.2018

Der Bielefelder Bildungsforscher Prof. Dr. Rainer Dollase über den Einfluss von 1968 auf Schulen und Lehrer Dollase: »Alle Ideen der 68er waren schon mal da«

Eine Vorschule in München 1970: Ob die Ideen der 68er-Bewegung zu diesem Zeitpunkt in dieser Einrichtung schon Wirkung in der frühkindlichen Bildung zeigten?

Eine Vorschule in München 1970: Ob die Ideen der 68er-Bewegung zu diesem Zeitpunkt in dieser Einrichtung schon Wirkung in der frühkindlichen Bildung zeigten? Foto: imago

Bielefeld (WB). Rainer Dollase ist einer der profiliertesten Bildungsforscher in Deutschland. Der Psychologieprofessor der Universität Bielefeld war insofern selbst ein 68er, als er zum Zeitpunkt der Bewegung 25 Jahre alt war und mitten im Studium steckte. Der 74-Jährige macht auch heute noch Untersuchungen im Schulbereich und berät die Politik. Sein Blick auf die Errungenschaften der 68er ist von nüchternem Realismus geprägt. Andreas Schnadwinkel hat mit Rainer Dollase gesprochen.

Wie wichtig war 1968 für die Entwicklung von Schule und Lehrern?

Rainer Dollase: 1968 war kein singulär wichtiges Ereignis. Es gab eine lange Vorgeschichte, vor allem im Hinblick auf Kindergärten und Schulen. Und es hatte einen langen Nachlauf, weil manche Ansätze aus den 60er Jahren erst 1980 oder noch später realisiert wurden, wie etwa »Demokratie im Kindergarten«. Als Psychologe habe ich manches von Anfang an skeptischer gesehen, während die Pädagogen alles neu erfinden wollten und rosige Illusionen über die Veränderbarkeit des Menschen pflegten. Aber Kinderläden und der Ansatz, das Kind ernst zu nehmen, sind keine Erfindungen der 68er. Alle Ideen der 68er waren schon mal da, da war nichts neu.

Rainer Dollase (74) ist noch immer ein gefragter Bildungsforscher und Politikberater. Foto: Andreas Schnadwinkel

 

Waren Sie ein 68er? Wie haben Sie das Jahr empfunden?

Dollase: Ich war 25 und arbeitete an meinem Vordiplom. Ich fand das, was in Deutschland passierte, halbwegs interessant. Die Sensation war für mich aber der Prager Frühling. Wenn man über 1968 eine »Psychologie der Menschen« schreiben würde, wäre das eine Geschichte einer kleinen Minderheit. Da waren die Speerspitzen Rudi Dutschke und der Sozialistische Deutsche Studentenbund, aber lokal begrenzt auf Berlin, Marburg und Frankfurt. Ich studierte in Saarbrücken, Köln und Düsseldorf. Während meines Studiums wurde nicht eine Vorlesung gestört. Hochgradig konservative Philosophieprofessoren wie Günter Rohrmoser hatten volle Hörsäle, in denen es mucksmäuschenstill war. Und wenn ich auf die Stimmung im Land zurückblicke, dann kamen da im Fernsehen Berichte über Ereignisse in den Me­tropolen, die mit der 68er-Bewegung zusammenhingen, und manche begannen mit den Protestlern zu sympathisieren. Mehr passierte nicht. Andere hörten erst fünf oder zehn Jahre später von 68er-Ideen und fanden das im Nachhin­ein gut. Deshalb sehe ich als Psychologe 1968 vielschichtig und antipauschal.

 

Die 68er wollten die Gesellschaft verändern. Konnte es dafür bessere Orte geben als Kindergärten und Schulen?

Dollase: Die 68er haben geglaubt, dass es da anfängt. Das kann man denken, wenn man an die Macht der Erziehung glaubt. Und einige psychologische Theorien tragen Schuld daran. Die 68er haben sich an die Theorie des Sozialpsychologen Kurt Lewin gehängt, der 1933 vor den Nazis in die USA fliehen musste. In den 40er Jahren untersuchte Lewin verschiedene Erziehungsstile: autoritär, demokratisch, laissez-faire. Und schon damals war klar, dass laissez-faire gewiss nicht das Beste ist, sondern demokratisch. Damit meint man eine Art begrenzende Auseinandersetzung mit den Kindern. Diese Ergebnisse waren in den 50er und 60er Jahren bekannt, auch in Deutschland durch die Bücher der Erziehungspsychologen Reinhard und Anne-Marie Tausch. Kurt Lewin war der Vorläufer der 68er-Ideen, auch wenn die Kinderladen-Gründer das anders sehen wollten, einfach weil sie von Lewins Forschung gar nichts wussten. Und die Ideen der Kinderladen-Bewegung scheiterten ja auch sehr schnell.

 

Worum ging es den 68ern im Kern?

Dollase: Die Ausgangsfrage war ganz klar: Wie muss man Kinder erziehen, damit sie nicht so sehr an Autoritäten glauben wie die Menschen während der Nazi-Zeit? Da spielte der demokratische Erziehungsstil eine große Rolle. Auch gab es die Vorstellung, dass der Kapitalismus die Menschen hässlich macht, also egoistisch und wettbewerbsorientiert. In den Kommunen und Wohngemeinschaften lernten die 68er, dass es auch unter ihnen Neid und Eifersucht gab. Die Gesellschaft ist nicht an allem schuld.

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Wir bekamen viele Impulse, uns mit dem Holocaust und der Nazi-Herrschaft kritisch auseinanderzusetzen.

Rainer Dollase

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Ist der Run auf Bildung nach 1968 ein Erfolg der 68er?

Dollase: Es gab schon vorher solche Entwicklungen, dafür stehen Georg Pichts Buch »Die Bildungskatastrophe« von 1964 und der Sputnik-Schock der USA als Reaktion auf den sowjetischen Erfolg im Weltraum. Das war Mitte der 60er Jahre ein internationaler Trend. Der Erfolg liegt eher in der Humanisierung und Informalisierung des Umgangs zwischen Lehrern und Schülern.

 

Waren die Lehrer aus der 68er-Generation eher ideologisch getrieben, oder waren bei ihnen eigene Erfahrungen mit autoritären Lehrern prägend?

Dollase: Dieser Aspekt wird zumindest oft angeführt. Ich kann das nicht bestätigen. Ich bin Jahrgang 1943 und hatte an einem naturwissenschaftlichen Gymnasium in Mönchengladbach Kriegsversehrte als Lehrer, aber auch Lehrer aus der Deutschen Friedensunion, also Kommunisten. Die meisten Lehrer versuchten, uns komplex in die Aufarbeitung des Krieges einzuführen. So sahen wir uns in einem Kino drei Stunden Filmmaterial aus Konzentrationslagern an. Wir bekamen viele Impulse, uns mit dem Holocaust und der Nazi-Herrschaft kritisch auseinanderzusetzen. Nachuntersuchungen zeigen, dass die Protagonisten der 68er Bewegung eher aus bürgerlich-liberalen Elternhäusern stammten. Andererseits gab es natürlich auch Lehrer mit Autoritätserfahrungen.

 

Und hat sich die Lehrerausbildung durch 68er-Professoren ausgewirkt?

Dollase: Nach 1968 wurde die Lehrerausbildung in den 70er Jahren verändert, sie wurde theoretischer und ideologischer. Zeitlich wirkte sich das erst mit Verzögerung aus. Diese Lehrer hatten keine Ahnung mehr von der Praxis. Reformpädagogik und Emanzipation standen im Mittelpunkt. Den Lehramtsstudenten wurde nicht mehr vorgemacht, wie man Unterricht umsetzt.

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Erziehung gelingt gut bei einigermaßen glaubwürdigen Eltern.

Rainer Dollase

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Wirkt das bis heute?

Dollase: Dass die Disziplin an vielen Schulen heute zu wünschen übrig lässt, ist eine der Spätfolgen. Nach meiner Wahrnehmung ist die Lehrerausbildung generell praxisferner geworden. Das Referendariat kompensiert das zwar ein bisschen. Aber das funktioniert natürlich nicht, weil die Theorie von der Uni nicht mit der Praxis an der Schule zusammenpasst. Es wäre wirklich gut, wenn man die Wissenschaft integral mit dem Handeln verbinden würde. Wie in der Medizin. Jeder Chefarzt ist habilitiert, kann aber auch einen Blinddarm her­ausnehmen. Bei den Juristen ist es ähnlich. Nur bei den Pädagogen gibt es die enge Verbindung von Wissenschaft und Handeln nicht. Das finde ich sehr bedauerlich.

 

Ist die Inklusion auch eine Folge von 68?

Dollase: Nein, das ist eine spätere Entwicklung. Das war damals nicht aktuell.

 

Haben Sie abschließend einen Ratschlag für Eltern?

Dollase: Eltern können keinen Plan machen für ihren Nachwuchs, und der wird dann genau so. Jedes Kind und jeder Jugendliche macht seine eigene Entwicklung. Erziehung gelingt gut bei einigermaßen glaubwürdigen Eltern, die dem Kind ein realistisches Bild der Welt und von sich selbst vermitteln. Diese zwei Regeln reichen völlig aus.

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