Fr., 13.07.2018

Beamte verwechseln Opfer und Täter – Minister entschuldigt sich Polizeipanne nach antisemitischen Angriff

Symbolbild.

Symbolbild. Foto: dpa

Von Hilmar Riemenschneider

Bonn (WB). Erneut ist es in Deutschland zu einem antisemitischen Übergriff gekommen – gefolgt von einem Polizeieinsatz, der aus dem Ruder lief.

Am Mittwochmittag wurde in Bonn der israelische, in den USA lebende Professor Amichai M. (50) Opfer eines antisemitischen Übergriffs. Doch damit nicht genug: Die zu Hilfe gerufenen Polizeibeamten hielten den 50-jährigen für den Täter, fesselten ihn und schlugen ihm ins Gesicht. Deshalb wird jetzt wegen Körperverletzung im Amt ermittelt.

Reul entschuldigt sich beim Opfer

NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) beauftragte das Polizeipräsidium in Köln mit der Aufklärung. »Ich bedaure sehr, dass es offensichtlich ein Missverständnis bei dem Polizeieinsatz gab.« Reul sagte, er habe das Opfer angerufen und sich bei ihm entschuldigt. Das hatte zuvor auch schon Bonns Polizeipräsidentin getan.

NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU).

Der jüdische Philosophieprofessor, der einen Gastvortrag halten wollte, war mit einer Bekannten im Bonner Hofgarten unterwegs, als ihn ein junger Mann auf Englisch und Deutsch beleidigte, schubste, gegen die Schulter stieß und ihm mehrfach die Kippa vom Kopf schlug. »Kein Jude in Deutschland!«, habe er gerufen. Während der Angegriffene sich wehrte, rief seine Begleiterin die Polizei. Der Angreifer sei geflüchtet, als er die Sirenen hörte – verfolgt von dem Opfer.

Die Polizeibeamten hielten den 50-Jährigen für den Täter, weil er nicht auf ihren Zuruf stehengeblieben sein soll. Sie überwältigten ihn, brachten ihn zu Boden und fixierten ihn. »Die Polizisten schlugen ihm auch ins Gesicht«, heißt es im Polizeibericht.

Reul: »Verhängnisvolles Missverständnis«

Erst auf Hinweis der Begleiterin erkannten die Beamten den Irrtum. Den Angreifer, einen Deutschen (20) mit palästinensischen Wurzeln, brachten sie wegen ärztlich attestierter psychischer Störungen in eine Klinik. Der Mann ist wegen Drogen- und Gewaltdelikten polizeibekannt. Reul sprach von einem »verhängnisvollen Missverständnis«. Ob der Professor bei der Festnahme seine Kippa wieder trug, an der man ihn erkannt haben könnte, konnte er nicht sagen. In den sozialen Netzwerken verbreiteten sich die Berichte schnell. »Natürlich ist das fürchterlich«, sagte Reul. »Diese antisemitische Tat in Deutschland – 70 Jahre nach Ende des dunkelsten Kapitels der deutschen Geschichte – ist erschütternd und beunruhigt mich.« Die Ermittlungen gegen den 20-jährigen Angreifer übernimmt der Bonner Staatsschutz.

In NRW ist die Zahl antisemitischer Taten laut Verfassungsschutz gestiegen: im Vergleich zum Vorjahr um neun Prozent auf 324 Straftaten. Die registrierten antisemitischen Gewalttaten stiegen im Jahresvergleich von zwei auf sechs.

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