Do., 10.08.2017

Streit um Doping-Beitrag ARD trennt sich von Fußball-Experte Scholl

Künftig kein Experte mehr bei der ARD: Ex-Profi Mehmet Scholl.

Künftig kein Experte mehr bei der ARD: Ex-Profi Mehmet Scholl. Foto: Maja Hitij

Von dpa

Seine Meinung hielt Mehmet Scholl als TV-Experte nie zurück. Von seinen Fans wurde er dafür gefeiert, von der ARD immer wieder verteidigt. Jetzt aber trennen sich der Sender und der Ex-Fußballer. Im Sommer war es beim Confed Cup zu einem Eklat gekommen.

München (dpa) - Dieser Aufreger des unliebsamen Mehmet Scholl dürfte zu viel gewesen sein: Nach einem Eklat beim Confederations Cup hat die ARD den Vertrag mit dem ehemaligen Fußballprofi nun doch aufgelöst.

Nur zwei Tage nach einer kommunizierten Versöhnung teilte der Sender mit, die Zusammenarbeit mit dem Experten «ab sofort zu beenden». Sportkoordinator Axel Balkausky wurde dazu mit den Worten zitiert: «Wir bedanken uns bei Mehmet Scholl für die großartige Zeit mit einem meinungsstarken, streitbaren und originellen Experten, der unsere Sendungen extrem bereichert hat.»

Weil der 46-Jährige an zwei Abenden Ende Juni aber die Übertragungen der Confed-Cup-Halbfinales nicht bereicherte, sondern schwänzte, gab es Zoff. Der Ex-Nationalspieler wollte durch sein Fernbleiben gegen einen aus seiner Sicht unnötigen Doping-Bericht mit «überhaupt keiner Relevanz» protestieren, wie er jüngst in seiner Radiosendung im Bayerischen Rundfunk verriet. Die ARD teilte Scholl dann deutlich mit, dass er sich in die Programmplanung nicht einzumischen habe. «Mehmet ist uns sehr wichtig», hatte Balkausky noch zwei Tage zuvor unterstrichen, als er ein Comeback Scholls in der DFB-Pokal-Sendung am Montag ankündigte.

Kommentar

Die Gewichtung der Relevanz:

Captagon – nur ein Fremdwort? Anabolika-Missbrauch beim SC Freiburg und VfB Stuttgart in den 1980er Jahren nur ein Kavaliersdelikt? Die Nationalmannschaft Russlands – wo 2018 die WM stattfindet – ausgenommen vom staatlich verordneten Doping? Wenn Mehmet Scholl diese Fragen mit „ja“ beantwortet, indem er Doping im Fußball für „unrelevant“ hält, dann ist die Trennung vom „Experten“ aus Sicht der ARD geboten. Expertenwissen ist nicht darauf beschränkt, provokant von „Wundliegen“ (Mario Gomez) zu schwa-dronieren oder sympathisch am Bildschirm rüberzukommen. Im Sport hat Doping natürlich eine Relevanz. Auch im Fußball – Beispiele gibt es genug. Das sollte ein Experte einordnen können, sonst wird er selbst unrelevant.  Jürgen Beckgerd

Was in den folgenden knapp 48 Stunden dann aber passierte und zum Aus führte, verriet der ARD-Sportkoordinator nicht. «Dazu gibt es im Moment nichts weiter zu sagen», ließ er auf dpa-Anfrage mitteilen. Einen Nachfolger als Experten neben Moderator Matthias Opdenhövel soll es ebenfalls noch nicht geben. «Mit dieser Thematik werden wir uns in den nächsten Wochen ganz in Ruhe beschäftigen und zu gegebener Zeit darüber informieren», teilte Balkausky mit. Beim Confed Cup war Scholl an den zwei Abenden von Thomas Hitzlsperger vertreten worden.

Das Dream Team aber waren Opdenhövel und Scholl, die 2012 den Deutschen Fernsehpreis für die beste Sportsendung bekamen. «Ich bedanke mich für tolle und ereignisreiche Jahre als Experte bei der ARD, es hat mir immer sehr viel Spaß gemacht», wird Scholl von der ARD zitiert.

Bequem, meinungsschwach und angepasst war der Europameister von 1996, Champions-League-Sieger von 2001, achtmalige deutsche Meister und fünfmalige Pokalsieger schon als Aktiver nie. Als Experte vor der Kamera blieb er sich treu. Bei der EM 2012 etwa sorgte er für Aufregung, als er süffisant die Unbeweglichkeit des deutschen Stürmers Mario Gomez mit dem Satz beklagte: «Ich hatte zwischendrin Angst, dass er sich wund gelegen hat, dass man ihn wenden muss.» Den Witz fand Gomez nicht lustig, Scholl entschuldigte sich später.

Vor einem Jahr ging Scholl den DFB-Chefscout Urs Siegenthaler nach dem EM-Viertelfinale gegen Italien an und riet ihm, er möge «morgens liegen bleiben, die anderen zum Training gehen lassen und nicht irgendwelche Ideen...». Dafür erhielt er sogar einen Rüffel («Das finde ich nicht in Ordnung.») von Bundestrainer Joachim Löw.

Den Zuschauern aber gefiel Scholl, der als Nachfolger des ebenfalls preisgekrönten Fußball-Rentners Günter Netzer eingesetzt wurde. «Er ist ein genialer Experte», wurde er einmal von Opdenhövel gelobt, der erklärte: «Wir legen die Finger in die Wunde, wenn es eine gibt.»

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