Fr., 24.02.2017

Streit um Laser-Radar-System Roboterwagen-Technik: Alphabet-Tochter verklagt Uber

Foto: Uber

Von dpa

Bahnt sich im Wettlauf um die Entwicklung selbstfahrender Autos eine Welle von Klagen wie einst im Smartphone-Patentkrieg an? Mit der Google-Schwester Waymo wirft nun schon die zweite Firma binnen weniger Wochen der Konkurrenz Technologie-Diebstahl vor.

Mountain View (dpa) - Die Entwicklerfirma der Google-Roboterwagen wirft dem Fahrdienst-Vermittler Uber in einer explosiven Klage den Einsatz gestohlener Technologie vor.

Der frühere ranghohe Entwickler Anthony Levandowski habe massenhaft vertrauliche Informationen mitgenommen, um das Start-up Otto zu gründen, erklärte die Google-Schwesterfirma Waymo. Otto wurde wenig später für 680 Millionen Dollar von Uber gekauft. Bei den Geschäftsgeheimnissen gehe es unter anderem um die Technik eines Schlüsselelements - des Laser-Radars, der die Umgebung der Autos abtastet.

Bei Google wurde seit 2009 an selbstfahrenden Autos gearbeitet, im neuen Mutterkonzern Alphabet wurde die Entwicklung in die eigenständige Firma Waymo ausgelagert. Die Klage holt mit Vorwürfen unfairen Wettbewerbs sowie der Verletzung von Geschäftsgeheimnissen und Patenten weit aus. Es ist das zweite Mal binnen weniger Wochen, dass eine bekannte Firma einen früheren Top-Entwickler von Roboterwagen-Technik verklagt. Im ersten Fall geht Tesla gegen den Ex-Chef seines Assistenzsystems Autopilot vor.

Bei Waymo sei man durch eine möglicherweise versehentlich verschickte «unerwartete E-Mail» von einem Zulieferer darauf aufmerksam geworden, dass die Schaltkreise von Ubers Laser-Radar-System den eigenen sehr ähnlich seien, hieß es. Diese Lidar genannten Systeme kennt man als den rotierenden Aufsatz auf den Dächern der Wagen. Sie liefern der Roboterwagen-Software die Daten für ihre Entscheidungen. Die Geräte können zehntausende Dollar kosten und sind damit ein zentraler Kostenpunkt für selbstfahrende Autos. Waymo entwickelte eine eigene Lidar-Technologie, bei der die Kosten drastisch gesenkt worden seien.

Eine Untersuchung habe gezeigt, dass Levandowski sechs Wochen vor seinem Rückzug bei der Alphabet-Tochter 14 000 Dateien mit dem Design verschiedener Systeme heruntergeladen habe, erklärte Waymo. Unter den knapp zehn Gigabyte an Daten seien Baupläne und Aufzeichnungen von Tests. Auch mehrere andere Mitarbeiter, die zu Otto wechselten, hätten zuvor vertrauliche Dokumente gespeichert, darunter zum Beispiel Zuliefererlisten. In der Klage ist von einem «kalkuliertem Diebstahl» die Rede. Levandowski hatte den Computer danach zwar neu aufgesetzt - aber Waymo weiß sogar, dass er nach dem Download für acht Stunden eine SD-Speicherkarte angeschlossen habe.

«Wir nehmen die Vorwürfe gegen die Beschäftigten von Otto und Uber ernst und werden die Angelegenheit gründlich prüfen», erklärte eine Uber-Sprecherin dem Finanzdienst Bloomberg. Für den Fahrdienst-Vermittler ist es der zweite Nackenschlag innerhalb weniger Tage, nachdem am Wochenende Vorwürfe systematischer Diskriminierung von Frauen für Aufsehen gesorgt hatten.

Levandowski, ein in der Branche hoch angesehener früher Entwickler der Google-Roboterwagen, hatte Otto im vergangenen Jahr gegründet, um an selbstfahrenden Lastwagen zu arbeiten. Nach der Übernahme durch Uber wurde Levandowski zum Chef der Roboterwagen-Entwicklung bei dem Fahrdienst-Vermittler ernannt. Uber-Gründer Travis Kalanick ist überzeugt, dass seine Firma eigene Technologie für selbstfahrende Autos besitzen muss, um in Zukunft bestehen zu können.

Im vergangenen Herbst hatte Levandowski im Gespräch mit dem Magazin «Forbes» ausdrücklich betont: «Wir haben kein intellektuelles Eigentum von Google gestohlen.» Die Technologie sei komplett bei Otto entwickelt worden und es gebe Dokumentation, um das zu belegen. Lewandowski wird in einem der drei von Waymo ins Feld geführten Patente als einer der Erfinder genannt.

Der Vorstoß von Waymo sorgt zusätzlich für Aufsehen, weil Alphabet ein wichtiger Investor bei Uber ist. Der Risikokapital-Arm Google Ventures hatte bereits 2013 rund 260 Millionen Dollar in die Fahrdienst-Firma gesteckt. Die Unternehmen entwickelten sich jedoch zuletzt immer mehr zu Rivalen.

In dem anderen ähnlichen Fall wirft der Elektroauto-Hersteller Tesla dem ehemaligen Autopilot-Chef Sterling Anderson vor, er habe vor seinem Abgang «hunderte Gigabyte» an Daten auf eine Festplatte geladen und mitgenommen. Er wolle die Informationen in einer eigenen Firma nutzen. Tesla verklagte zugleich auch den früheren Chefentwickler der Google-Roboterautos, Chris Urmson, weil er mit Anderson in dem Start-up Aurora zusammenarbeite.

Inmitten des Wettlaufs um die Entwicklung selbstfahrender Autos ist es in der Branche zum Trend geworden, dass sich Spitzenleute wie Levandowski oder Urmson selbstständig machen können und Aussicht auf einen Geldregen haben. So kündigte Ford vor knapp zwei Wochen eine Milliardeninvestition in das frische Start-up Argo AI an, das vom ehemaligen Hardware-Chef der Google-Autos, Brian Salesky, und einem der führenden Entwickler von Software für autonomes Fahren bei Uber gegründet wurde.

Waymo engagierte für die Klage die Anwaltskanzlei Quinn Emanuel, die Samsung in der jahrelangen Patentschlacht mit Apple vertrat. Die Entwickler von Roboterwagen-Technik sichern sich gerade viele Patente und einige Beobachter fragten sich bereits, ob es auch hier zu einem Patentkrieg kommen könnte. Waymo betonte in der Klage, die Technologie werde in Zukunft den Wettbewerb in der Branche prägen. «Wachstum, Profitabilität und sogar das Überleben einzelner Firmen werden wahrscheinlich dadurch bestimmt, was in den nächsten Jahren passiert.»

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