Di., 13.03.2018

Kunden der Detmolder Ecclesia sind aber nicht nur kirchliche Einrichtungen Der etwas andere Versicherungsmakler

Die Zentrale des kirchlichen Versicherungsmaklers Ecclesia befindet sich in Detmold. Hier arbeiten 700 der 1550 Beschäftigten. Eigentümer sind Diakonie, Caritas und die EKD.

Die Zentrale des kirchlichen Versicherungsmaklers Ecclesia befindet sich in Detmold. Hier arbeiten 700 der 1550 Beschäftigten. Eigentümer sind Diakonie, Caritas und die EKD. Foto: Ecclesia

Von Bernhard Hertlein

Detmold (WB). Irdische Schicksalsschläge kann auch die Kirche nicht verhindern. Aber sie bietet Möglichkeiten, sich gegen die Folgen abzusichern. Einer der weltweit 20 größten Versicherungsmakler, die Ecclesia-Gruppe, ist ein kirchliches Unternehmen und hat ihren Sitz in Detmold.

Auf den ersten Blick unterscheidet sich die Zentralverwaltung der Ecclesia kaum von ähnlichen Gebäuden. Sicher ist sie nicht ganz so protzig wie mancher größere Versicherungspalast. Im Innern findet sich manches Kunstwerk, das zum Nachdenken anregt. Dann ist da noch ein kleiner, eher nüchtern eingerichteter »Raum der Stille«, in dem Mitarbeiter abwechselnd mindestens ein Mal im Monat eine Andacht abhalten.

Der größte Unterschied zu anderen Maklern aber besteht im Versicherungsprogramm. Das ist nach Angaben von Holding Geschäftsführer Dr. Stefan Ziegler im Kern auf die speziellen Bedürfnisse von Kirchengemeinden sowie Gesundheits- und Sozialeinrichtungen ausgerichtet. Darüber hinaus betreut die Ecclesia-Gruppe auch Industrieunternehmen. Hierbei scheiden bestimmte Zielgruppen, wie etwa die Waffenindustrie, aus ethischen Gründen aus.

Ursprung in einer 1909 gegründeten Pfarrerversicherung

Das lateinische Wort Ecclesia heißt »Kirche«. Seinen Ursprung hat das Unternehmen in der genossenschaftlichen Ecclesia Pfarrerversicherung, die 1909 in Köln gegründet wurde. Der Ausgang des Ersten Weltkrieges und die Hitler-Diktatur sorgten immer wieder für längere Unterbrechungen, in denen die Ecclesia nicht oder nur eingeschränkt arbeiten konnte. Schon wenige Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs starteten an mehreren Plätzen – insbesondere in Stuttgart, Kleve, Düsseldorf und Nürnberg – Initiativen für den Wiederaufbau eines Versicherungssystems für die Bedürfnisse kirchlicher Einrichtungen und Mitarbeiter. Der Beschluss fiel 1949 auf einer Sitzung in Königswinter. Die Hauptverwaltung befand sich zunächst in Mülheim an der Ruhr und wurde erst 1960 nach Detmold verlegt. Dort befand sich zu diesem Zeitpunkt der Sitz der Evangelischen Familienfürsorge, mit der die Ecclesia bereits eng zusammenarbeitete und auf die zeitweise das Rechnungswesen übertragen wurde. Die Kooperation endete 1982.

Der »Raum der Stille« in der Zentrale. Foto: Bernhard Hertlein

Kirchlich laienhaft ausgedrückt handelt es sich bei der Ecclesia-Gruppe um ein ökumenisches Unternehmen. Die evangelische Diakonie und die katholische Caritas, die Anfang 1976 Teilhaber der Ecclesia wurde, halten jeweils 46,3 Prozent des Holding-Kapitals. Die restlichen 7,4 Prozent sind im Besitz der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Bei Abstimmungen sind alle Gesellschafter gleichberechtigt. Beschlüsse müssen einstimmig gefällt werden. Den Eigentümern ist, so sagt Ziegler, vor allem am Kundennutzen und nicht an einem kurzfristig hohen Gewinn gelegen.

In ihrer Anfangszeit litt die Ecclesia darunter, dass die Kundschaft zwar grundsätzlich solide, aber in der Größe begrenzt war. Ein erster Meilenstein war 1960 gemeinsam mit dem Paritätischen Wohlfahrtsverband die Gründung des Union-Versicherungsdienstes, an dem die Ecclesia-Holding heute mit 60 Prozent beteiligt ist. Weitere Expansionen folgten.

Wie Ziegler erläutert, vermittelt die Ecclesia in Deutschland keine Standard-Versicherungslösungen. Vielmehr orientieren sich die Mitarbeiter an dem Bedarf ihrer Kunden und entwickeln für sie spezielle Angebote. Danach beginnt die Suche nach einem soliden und kostengünstigen Anbieter. Die Ecclesia organisiert den Vertrieb und teilweise auch die Abwicklung im Schadenfall – jährlich rund 180.000 Mal. Eine eigenständige Gesellschaft ermittelt Risiken und berät, wie Schadensfälle verhindert werden können.

Tochterfirmen und Niederlassungen in acht Ländern

Mit der deutschen Einheit hat die Ecclesia ihr Geschäftsgebiet auch auf die neuen Bundesländer ausgedehnt. 1992 wurden Tochtergesellschaften in Wien und Budapest gegründet. Heute ist die Ecclesia-Gruppe mit Tochterfirmen oder Niederlassungen außer in Österreich auch in Belgien, den Niederlanden, der Schweiz, Italien, Polen (Warschau) und sogar in der Türkei (Istanbul) vertreten.

200 Millionen Umsatz

Die Ecclesia ist einer der führenden Versicherungsmakler in Deutschland und Europa. Von den 1550 Beschäftigten der Unternehmensgruppe arbeiten aktuell etwa 700 im lippischen Detmold. Insgesamt stützt sich der kirchliche Versicherungsmakler europaweit auf 40 Standorte.

Der Umsatz hat im vergangenen Jahr mit 204 Millionen Euro erstmals die 200-Mil­lionen-Euro-Grenze überschritten. An der Spitze der Holding stehen drei Geschäftsführer. Den Vorsitz hat Tilman Kay. Ihm zur Seite sind Jochen Körner und Dr. Stefan Ziegler.

Die Versicherungsprodukte, die die Ecclesia vermittelt, reichen von der Gebäudeversicherung über Alters- und Risikovorsorge für die Mitarbeiter bis zu Kfz- und Sachversicherungen. Wichtig für Krankenhauspersonal ist die Versicherung gegen Behandlungsfehler. Auf besondere Ereignisse folgen besondere Maßnahmen. So war etwa der Fund einer Weltkriegsbombe versichert, weil dieses Schadenszenario zuvor in ein Versicherungsprodukt aufgenommen wurde.

Reliquien- und Kunstdiebstähle aus Kirchen gehören zu den größeren Schadensfällen, die bei der Ecclesia bearbeitet werden. Manche Gebäude werden auch speziell gegen Terroranschläge versichert. Einer der größten Schäden, den der Makler in den vergangenen Jahren zu bearbeiten hatte, war mit 20 Millionen Euro 2015 der Brand eines Klosters in Süddeutschland.

60 Prozent aller Akut-Krankenhäuser – 76 Prozent derer in konfessioneller Trägerschaft – zählen zu den Ecclesia-Kunden. Hinzu kommen 60 Prozent aller Alten- und Pflegeheime und 80 Prozent der Werkstätten für Behinderte in Deutschland. Das Angebot beschränkt sich aber nicht auf kirchliche Kunden und Sozialeinrichtungen. Auch viele andere nehmen zunehmend die Dienstleistungen der Ecclesia in Anspruch.

Die Geschäftsführer (von links) Dr. Stefan Ziegler, Dr. Tilman Kay und Jochen Körner stehen an der Spitze der Ecclesia-Holding. Foto: Ecclesia

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