Do., 28.09.2017

Deutsche Fußballstatistiker treffen sich in Bielefeld Jäger und Sammler

Vergangenheit und Moderne: Dirk Henning (links) und Harald Igel präsentieren Publikationen des Deutschen Sportclubs für Fußballstatistiken. Darunter sind die erste Broschüre von 1980 (über den HSV) sowie der aktuelle »Deutsche Fußball-Almanach«.

Vergangenheit und Moderne: Dirk Henning (links) und Harald Igel präsentieren Publikationen des Deutschen Sportclubs für Fußballstatistiken. Darunter sind die erste Broschüre von 1980 (über den HSV) sowie der aktuelle »Deutsche Fußball-Almanach«. Foto: Philipp Bülter

Von Philipp Bülter

Bielefeld (WB). Alles begann mit einer Niederlage: Am 20. Mai 1961 sah Harald Igel erstmals ein Spiel des Hamburger SV im Stadion. Die 2:5-Pleite des amtierenden Meisters der Oberliga Nord gegen Borussia Dortmund entfachte beim damals Zehnjährigen zwar keine tiefe Verbundenheit mit dem Nordklub. Gleichwohl war für ihn eine neue Leidenschaft geweckt: die für Zahlen und Fakten rund um ein Fußballspiel.

Bei der Arbeit: Der Vorstand mit (von links) Gerhard Jung, Frank Besting, Alfred Nitschke, Ralf Hohmann, Vorsitzendem Dirk Henning, Harald Igel und Herbert Gerlach diskutiert in Bielefeld. Foto: Philipp Bülter

Der gebürtige Hamburger sammelte fortan Autogrammkarten von Spielern der damaligen Oberliga Nord. »Ich habe auch alle Aufstellungen der einzelnen Spiele aufgeschrieben. Alles sollte vollständig und perfekt sein«, erzählt Igel mit leuchtenden Augen. Als er vom Onkel den Fußball-Almanach des Magazins »Kicker« geschenkt bekam, war der Weg zum Hobbystatistiker geebnet. So fand der heute 68-Jährige Ende der 1980er-Jahre zum Deutschen Sportclub für Fußballstatistiken (DSFS).

Seit 1992 ist Igel Mitglied. Der 1971 gegründete, gemeinnützige Verein recherchiert und sammelt Fußballstatistiken – insbesondere aus dem Amateurbereich. Die Ergebnisse werden archiviert und sowohl in Buchform als auch im Internet publiziert.

362 Mitglieder in Deutschland, den Niederlanden, Schweiz und Norwegen

Zur Jahreshauptversammlung des DSFS trafen sich nun in Bielefeld 67 der aktuell 362 Mitglieder, die nicht nur aus der Bundesrepublik, sondern ebenso aus den Niederlanden, der Schweiz oder Norwegen stammen, um über aktuelle Entwicklungen ihrer Leidenschaft zu debattieren. Harald Igel: »So entstehen Freundschaften, und wir lernen neue Gegenden in Deutschland kennen.«

Auffällig: Viele der Statistikfreunde haben ein großes Faible für Zahlen – und eine ausgeprägte Sammelleidenschaft. Während sich Harald Igel einst intensiv Briefmarken widmete, sammelt DSFS-Vorsitzender Dirk Henning neben Fußballstatistiken auch Telefonkarten und Comics. »Wir haben ein spezielles Hobby«, weiß der 51-Jährige. Und das ist zeitintensiv: Die etwa 100 aktiven Mitglieder recherchieren für eigene Spezialgebiete umfangreich bei Medienhäusern, im Internet, in Bibliotheken und Archiven.

Verein hat etwa 280 Werke veröffentlicht

Es sei vor allem eine Herausforderung, historische Fußballstatistiken zu erfassen. »Wir haben die Ergebnisse der Oberligen, die nach dem Zweiten Weltkrieg wieder starteten, zusammengetragen. Die Aufstellungen fehlen uns aber oft«, führt Henning ein Beispiel an. Überlebenskampf und Papiermangel hätten »eben andere Prioritäten für die Menschen gesetzt, als Statistiken über ein Fußballspiel zu führen. Sport war aber eine Ablenkung.«

Publiziert hat der Verein etwa 280 Werke, die sich unter anderem mit dem Fußball in Schlesien (1900 bis 1933) oder den deutschen Gauligen (1933 bis 1945) auseinandersetzen. Die erste Broschüre – erschienen 1980 – widmet sich dem HSV. Als einen Höhepunkt hebt der gebürtige Höxteraner Henning, seit 2006 Vorsitzender, den »Deutschen Fußball-Almanach« hervor. Dieser erscheint seit mehr als 20 Jahren und behandelt in der aktuellen Ausgabe die abgelaufene Saison 2016/2017, von der 1. Bundesliga bis zu den sechstklassigen Verbandsligen. Ergebnisse, Kaderlisten, Traineramtszeiten oder Abschlusstabellen aus Meisterschaften und Pokalwettbewerben sind erfasst.

Großteil des Vereinsarchivs auf Papier ist schon digitalisiert

Geschah dies früher handschriftlich oder per Schreibmaschine, sei es für Fußballstatistiker in den Zeiten von Internet, Smartphone und Apps »leichter geworden. Es gibt viel mehr Quellen – darunter aber auch einige unseriöse«, sagt Igel.

Den Auswüchsen des modernen Fußballs, in dem das Event das reine Spiel verdrängt und Transfers in dreistelliger Millionenhöhe stattfinden, können die Fußballstatistiker nichts abgewinnen. »Ich schaue mir lieber Spiele von Altona 93 in der Regionalliga Nord an«, so Igel.

In die Zukunft blickt der DSFS optimistisch. So habe man bereits den Großteil des Vereinsarchivs auf Papier digitalisiert, sagt Dirk Henning: »Jetzt wollen wir unbedingt unsere umfangreiche Datenbank ins Internet einspeisen.«

Abgeschlossen wurde das Bielefelder Treffen der Fußballstatistiker übrigens mit einer praktischen Einheit: Mitglieder kickten gemeinsam auf dem Ascheplatz Wiehagen. Ergebnis, Aufstellungen und Torschützen haben sie allerdings nicht erfasst.

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