Fr., 10.11.2017

England gegen Deutschland – Wembley-Stadion in London ist ein Mythos Fußball-Himmel Wembley

Das Allerheiligste im Mutterland des Fußballs: das Wembley-Stadion in London. Außer dem englischen Nationalteam spielt hier Tottenham Hotspur.

Das Allerheiligste im Mutterland des Fußballs: das Wembley-Stadion in London. Außer dem englischen Nationalteam spielt hier Tottenham Hotspur. Foto: Andreas Schnadwinkel

Von Andreas Schnadwinkel

London (WB). England gegen Deutschland in Wembley. Das ist im Fußball so etwas wie die Mutter aller Länderspiele. Wenn sich die beiden Nationalmannschaften am Freitag in London zum Testspiel treffen, dann geht es wieder ums Renommee – und an historischer Stätte wie immer um die Vergangenheit. Auch im neuen Wembley-Stadion ist der Mythos 1966 allgegenwärtig.

Wo alles begann

Wer von der U-Bahn-Haltestelle Wembley Park Station Richtung Stadion geht, sieht sich auf dem knappen Kilometer des Olympic Way von Erinnerungen an Englands bislang einzigen WM-Titel begleitet. »1792 – Where it all began« (Wo alles begann) steht auf einer zwei Meter hohen Plexiglaswand, auf der die Baugeschichte des Wembley-Parks von damals bis heute erzählt wird – und die nahtlos in Bauzäune übergeht. Hier entstehen weiter Hotels, Büro- und Geschäftskomplexe.

Damals, das meint an dieser Stelle 1966. Bevor man erfährt, wie die Familie Page von 1792 an das Gebiet entwickelte, reckt Bobby Moore auf den Schultern zweier Mitspieler den Weltpokal in die Höhe – damals noch der Jules-Rimet-Cup, den von 1930 bis 1970 der Weltmeister bekam. Wenige Meter weiter wacht der englische WM-Kapitän von 1966 als Statue über dem Eingang zu Wembley.

Im kollektiven Gedächtnis der englischen Fußballnation

Im Stadion führen Rolltreppen auf die unterschiedlichen Ränge. Während der Fahrt zu

den Tribünen kann man an der Wand verschiedene Zitate lesen. Es beginnt mit »The Germans are down« (Die Deutschen sind am Boden) und geht weiter mit »And can hardly get up« (Und können kaum aufstehen). Am 30. Juli 1966 sagte das ein Mann namens Kenneth Wolstenholme. Für BBC-Television kommentierte er live das Endspiel.

Legendär sollten seine letzten Sätze werden. Als der Schweizer Schiedsrichter Gottfried Dienst kurz vor Schluss der Verlängerung beim Stand von 3:2 für England missverständlich gestikulierte, wollten viele im Publikum darin den Abpfiff erkannt haben. War er aber nicht. Und so kommentierte Wolstenholme weiter bis zum 4:2-Endstand. Er sah den bereits zweifachen Torschützen Geoff Hurst auf dem linken Flügel aufs deutsche Tor zulaufen (»Here comes Hurst«). Er sah auch, dass schon Zuschauer aufs Spielfeld gelaufen waren, die dachten, das Spiel sei vorbei (»Some people are on the pitch. They think it’s all over«). Und genau in dem Moment, als Hurst den Ball links oben ins Tor schoss, sagte Wolstenholme: »It is now (Das ist es jetzt).«

All diese Worte sind in Wembley verewigt. Sie gehören zum kollektiven Gedächtnis der englischen Fußballnation – so wie Herbert Zimmermanns WM-Radiokommentar des Finales von 1954 zur deutschen (»Aus, aus, aus! Aus! Das Spiel ist aus! Deutschland ist Weltmeister!«).

Duelle an die sich jeder Fußballfan erinnert

Natürlich überragt 1966 in Wembley alles. Aber es gab in diesem Stadion zwischen England und Deutschland auch danach Duelle, an die sich jeder Fußballfan erinnert oder zumindest davon gehört hat. Zu vernachlässigen sind die Premiere am 1. Dezember 1954, als Weltmeister Deutschland 1:3 unterlag, und die 0:1-Niederlage beim zweiten Gastspiel in Wembley am 23. Februar 1966.

In die Fußballhistorie ging das EM-Viertelfinale vom 29. April 1972 ein. Das 3:1 (Tore: Uli Hoeneß, Günter Netzer, Gerd Müller) war der erste deutsche Sieg auf englischem Boden und galt sechs Jahre nach dem verlorenen WM-Finale ein bisschen als Rache, zumal das Wembley-Tor und letztlich auch das 4:2 wegen der Zuschauer auf dem Spielfeld irregulär gewesen waren. Und er galt bis zum 7:1 gegen Brasilien im Halbfinale der WM 2014 als bestes Spiel einer deutschen Nationalmannschaft.

England gegen Deutschland: ein Klassiker

Auch die nächsten beiden Partien in Wembley sollte Deutschland gewinnen. Die Testspiel-Pleiten 1982 (1:2) und 1991 (0:1) konnte England verschmerzen. Schlimmer war eine Niederlage, die in der Statistik als Unentschieden gewertet wird: das Aus im Halbfinale bei der Europameisterschaft 1996 im eigenen Land. Logischerweise im Elfmeterschießen. Nach 120 Minuten stand es 1:1, der spätere Armine Stefan Kuntz hatte Alan Shearers frühe Führung ausgeglichen. Dann versagten am Punkt dem Spieler die Nerven, der morgen in Wembley als englischer Nationaltrainer an der Seitenlinie steht: Gareth Southgate.

England gegen Deutschland in Wembley, der Klassiker ist reich an Geschichten. Das letzte Kapitel schloss Didi Hamann am 7. Oktober 2000 mit einem Freistoß aus gut 30 Metern. Im letzten Länderspiel vor dem Abriss des 1923 eingeweihten Stadions gewann die DFB-Elf das EM-Qualifikationsspiel 1:0. Hamann schoss das letzte Tor im alten Wembley.

Und wann könnte es in dem Klassiker wieder mal um einen großen Titel gehen? Bei der EM 2020, wenn das Finale in Wembley ausgetragen wird.

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