Do., 14.06.2018

22,5 Stunden war unser WM-Reporter mit dem Zug in die russische Hauptstadt unterwegs – ein Reisebericht Mit dem Mauersegler nach Moskau

270 Meter misst der »Strizh« – ohne Lokomotive. In den 20 Waggons können bis zu 216 Passagiere mitreisen. Im weißrussischen Orcha nutzen Reisende den Halt, um frische Luft zu schnappen.

270 Meter misst der »Strizh« – ohne Lokomotive. In den 20 Waggons können bis zu 216 Passagiere mitreisen. Im weißrussischen Orcha nutzen Reisende den Halt, um frische Luft zu schnappen. Foto: Dirk Schuster

Von Dirk Schuster

Moskau (WB). Keine drei Stunden sind es mit dem Flieger von Berlin nach Moskau. Mit dem Zug dauert die Reise beinahe 20 Stunden länger. Und kostet ungefähr genau so viel. Ein Bericht über eine ebenso lange wie eindrucksvolle Fahrt in das Land des WM-Gastgebers 2018.

20.10 Uhr, Berlin Ostbahnhof

»Dobro pozhalovat’«, sagt Aleksey, herzlich willkommen. Er und die anderen elf Schaffner des »Strizh« (deutsch: Mauersegler) stehen in ihren grauen Uniformen wie Perlen aufgereiht an einer Schnur vor den Eingängen der Waggons. Der Schnellzug, der zwei Mal pro Woche die deutsche mit der russischen Hauptstadt und umgekehrt verbindet, ist im Ostbahnhof eingefahren. Um 20.22 ist wieder Abfahrt. Knapp 22,5 Stunden später wird der »Strizh« Moskau erreichen.

20.30, Berlin Rummelsburg

Langsam und leise schiebt der Zug sich aus dem Bahnhof, vorbei an Graffiti, vorbei an Industriegelände, vorbei am S-Bahnhof Rummelsburg. Und dann ins Grüne. 2016 Kilometer und neun Zwischenstopps, auch in Polen und Weißrussland, sind es bis ans Ziel.

Es klopft. Alex, ein anderer Schaffner, erklärt, dass er für die Reisenden in Waggon 221 der Ansprechpartner ist. Englisch? »A little bit«, sagt er, lächelt, nimmt mein Ticket mit und geht zur nächsten Tür. 20 Waggons für maximal 216 Reisende gibt es – 18 Fahrgast-Abteile einschließlich Speise- und Bistrowagen, dazu zwei Technik-Abteile jeweils am Anfang und Ende des Zuges. Wer komfortabel mit Bett, eigenem WC und eigener Dusche reisen will, muss entsprechend zahlen. 323,50 Euro kostet das teuerste Ticket. Für kleinere Budgets gibt es Liegesitze im Großraumabteil. Das günstigste Ticket kostet 155 Euro. Auch Party- und Flitterwochentarife sind im Angebot.

In den mittleren Preisklassen mit Abteilen für ein bis vier Personen ist die Toilette auf dem Gang. »Gold Wind Grapefruit« steht auf der grün-weiß-rosafarbenen Sprühdose, die auf dem engen Klo in Waggon 221 manches, aber nicht alles zu übertünchen vermag.

Für viele Russen ist dieser Nacht-Trip nichts Besonderes. In ihrem riesigen Land reisen sie häufig noch viel weiter, um Verwandte zu besuchen. Für Deutsche ist die Reise ein Abenteuer; auch weil es hierzulande seit ein paar Jahren keinen Schlafzugbetrieb mehr gibt.

21.40, Rzepin

Der zweite Stopp ist der erste in Polen. Über dem Bahnhof in Rzepin wird es langsam dunkel. Viele steigen nicht mehr zu. Drei Minuten später geht es schon weiter. Das monotone Klappern über die Schienen hilft, zur Ruhe zu kommen. Das Klappbett mit seiner dünnen Matratze ist komfortabler als gedacht. Dafür ist die Luft in dem Drei-Quadratmeter-Abteil stickig – trotz Klimaanlage. Ansonsten viel Plastik. Das Wasser aus dem Mini-Waschbecken verschafft dem müden Gesicht etwas Abkühlung. Auf dem Gang ist es ruhig geworden. Nur der ältere Herr von nebenan zapft sich noch ein stilles Wasser. Dann bricht die Nacht herein. Eine kurze Nacht.

5.18 Uhr, kurz vor Terespol

Die Zugdurchsage ist der Weckdienst: »Reisepässe bereithalten, das Abteil nicht verlassen.« Zehn Minuten später klopft Aleksey. Er verteilt Ein- und Ausreisekarten und bittet, sie auszufüllen. Hinter dem Vorhang ist die Scheibe nass – von außen, es hat geregnet.

5.45 Uhr, Terespol

Der Zug kommt langsam zum Stehen. Dann heißt es: Warten. Mehr als eine halbe Stunde lang. Es klopft. Ein Mann vom polnischen Zoll mit Tarnhose, schwarzen Stiefeln und schwarzer Kappe verlangt den Pass, will wissen wohin ich reise und warum und was in meinem Koffer ist. Er blickt sich um, blickt in müde Augen, dann geht er fort.

Unter der Bettdecke ist es gemütlich, die Augenlider werden schwerer. Um 6.40 Uhr geht es weiter. Aber nur kurz. Hinter der Grenze in Brest bleibt der Zug schon wieder stehen. Eine weißrussische Grenzkontrolleurin verlangt das Transitvisum. Ihre blonden Haare sind streng zu einem Zopf gebunden, die Fingernägel sind lackiert. Für ein Lächeln ist die Lage offenbar zu ernst. Den Reisepass nimmt sie mit, die Tür bleibt einen Spalt breit offen. Zehn Minuten später ist sie zurück, gibt mir den Pass. Wortlos.

Willkommen in Weißrussland.

 

7.50 Uhr, kurz vor Brest

An der Grenze zu Belarus wird die Uhr umgestellt. Eine Stunde vor. Auch die Spur wird umgestellt. Der »Strizh« kann seine Räder automatisch und während der Fahrt der Spurweite der Schienen anpassen. In Weißrussland und Russland ist der Abstand zwischen den Schienen breiter (russische Breitspur 1520 mm) als in Deutschland und Polen (Normalspur 1435 mm).

Früher hat es in Brest Stunden gedauert, um den Zug an die veränderte Spurweite anzupassen. Die Reisenden mussten aussteigen. Kräne hievten die Waggons von den einen Fahrwerken auf die anderen. Der »Strizh« braucht dank neuer Umspuranlage nur 20 Minuten. Die Fahrt wird fortgesetzt, der Schlaf ebenfalls.

10.40 Uhr, zwischen Brest und Minsk

Im Speisewagen ist nicht viel los. Ein junges Pärchen turtelt, ein Mann, der sitzend mit dem Kopf an der Waggonwand lehnt, schläft. Zeit für ein Frühstück. Die Wahl fällt auf Pfannkuchen mit Marmelade. Serviert wird Sandwich mit Schinken und Käse. Ein Versehen? »Frühstück nur bis 10.30«, sagt die Kellnerin und zeigt auf ihre Armbanduhr. Dann eben Sandwich. Der Kaffee ist okay.

11.52 Uhr, Bahnhof Minsk

Nur fünf statt der geplanten 14 Minuten Aufenthalt in der weißrussischen Hauptstadt. Die Verspätung muss aufgeholt werden. Immerhin reicht die Zeit, damit Aleksey das W-Lan aktiviert. Endlich.

Dann heißt es wieder einsteigen. Auch für Carmen (59) und Philip (61). Die Malteserin und der Engländer, ein Ehepaar aus Leicester, sind unterwegs zur WM. Warum sie nicht den Flieger nehmen? »Für mich ist Bahnreisen wie Urlaub«, sagt Philip. Früher hat er in der IT-Branche gearbeitet, jetzt genießt er seinen Ruhestand. Seit 1998, seit der WM in Frankreich, fährt er regelmäßig zu Weltmeisterschaften – immer mit dem Zug. 2002 legte er zum Turnier nach Japan und Südkorea ein Stück der Strecke mit der Transsibirischen Eisenbahn zurück. »Mich interessieren im Fußball hauptsächlich die Turniere«, sagt er, denn: »Eine WM bringt Menschen zusammen.« Das ist es, was ihm gefällt. Und Carmen ebenfalls. Die WM in Russland ist für die Krankenschwester ihre erste. Fünf Wochen werden sie kreuz und quer durch das flächenmäßig größte Land der Erde reisen. Ausschließlich mit dem Zug natürlich. Sie haben Karten für alle Spiele; jedoch nicht für die der englischen, sondern für die der isländischen Nationalmannschaft. »Die Chance, Karten zugelost zu bekommen, war ganz einfach größer«, erklärt Philip. Wenn die Isländer ausscheiden, begleiten beide fortan den Gruppensieger beziehungsweise dann den jeweiligen Gewinner der K.o.-Spiele weiter durchs Turnier. Bis einschließlich zum Finale am 15. Juli.

Dass Russland auch für Menschenrechtsverletzungen und Korruption steht, ist Carmen und Philip bewusst. »Aber die normalen Leute in Russland sind genau so wie wir alle. Sie haben die gleichen Probleme, die gleichen Sorgen, empfinden für die gleichen Dinge Freude. Diesen Menschen möchten wir begegnen«, sagt der 61-Jährige und rührt in Ruhe seinen grünen Tee.

Auf dem Rückweg wird das Ehepaar noch einen Kurzaufenthalt in Deutschland dranhängen. Carmen möchte ihre Schwestern Josanne und Nathalie besuchen. Die eine lebt in Bohmte bei Osnabrück, die andere in Salzkotten bei Paderborn.

14.28 Uhr, Orcha

Die Verspätung ist fast aufgeholt. Carmen und Philip nutzen den vorletzten Zwischenhalt, um etwas Sonne zu tanken. Sie plaudern auf englisch mit drei jungen Russinnen, die auf dem Rückweg von einer London-Reise sind. »Es ist gut, dass die WM nach Russland kommt«, meint das Trio unisono. Eine Begründung bleiben die drei verlegen lächelnd schuldig.

15.55 Uhr, Smolensk

Ein russischer Grenzbeamter fotografiert mit dem Handy den Reisepass. Warum, bleibt sein Geheimnis. Es ist der letzte kurze Stopp vor dem vierstündigen Endspurt nach Moskau. Ein guter Zeitpunkt für ein Nickerchen, während sich auch die Schaffner in den unbesetzten Behindertenabteilen ein wenig ausruhen. Doch so einfach ist das gar nicht. Die Fahrt über die russischen Schienen ist unsanfter.

18.00 Uhr, zwischen Smolensk und Moskau

Noch fast zwei Stunden. Doch in den Gängen herrscht aufgeregtes Treiben. Die Zugbegleiter räumen auf, tragen eilig Dinge hin und her. Eine Schaffnerin bietet Souvenirs an. Im Weg rumstehen ist jetzt keine gute Idee. Aber ein Spaziergang. In beide Richtungen, bis zum Ende. Die Beine vertreten. Später kommt Alex und gibt das Ticket zurück. Ach ja, das Ticket.

19.45 Uhr, kurz vor Moskau

Die Häuser werden immer höher. »Welcome to the hero city of Moscow«, sagt die Stimme im Kabinenlautsprecher. Die letzten Meter vor der Einfahrt in den »Belorusski woksal« (Weißrussischer Bahnhof) sind so gar nicht großstädtisch. Dann gehen die Türen auf. Und ziemlich schnell jeder seiner Wege. Hinein in diese gewaltige Stadt. In eine Welt, die mit der von unterwegs nicht mehr viel gemeinsam hat. Hier geht das Abenteuer zu Ende. Ganz nüchtern. Dort drüben leuchtet das rote Metro-Schild. Knapp eine Stunde würde es dauern bis zum Hotel, ein Mal umsteigen inklusive.

»Taxi!«

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